Ich mag Geschichten, die so unerwartet enden, dass man sie gleich wieder von vorn lesen will. So habe ich auch mein jetziges Buch aufgebaut: Das Ende ändert die Perspektive auf alles, was zuvor gesagt wurde. Ein begnadeter Erzähler war immer schon mein Vater. Er mochte das Theater, wurde aber Bauingenieur, nach dem Wunsch seiner Eltern.
Der Tanz in Bagdad
Nach dem Studium im kommunistischen Rumänien bekam er einen Posten im Ausland, in Bagdad. Auf den Fotos jener Zeit ist er mitten im Tanz, mit schräg verdrehtem Knie, lacht und singt, trägt Hosen mit Schlag. Nach drei Jahren Dienst in Bagdad kaufte er sich einen beigen Peugeot mit gelben Katzenaugen und trat die Heimreise an. Da war er 25.
Die Autoreise wurde länger als geplant, viele Erlebnisse hat er vergessen. Als stärkste Erinnerung blieb die Ankunft in Bukarest. Da liegt er in den Armen seiner Mutter, die bitterlich weint: «Warum bist du zurück? Ich wollte, dass mein Sohn draussen lebt, in Freiheit!»
Tränen im Archiv
35 Jahre später, nach der Wende, als ein jeder seine Securitate-Akte einsehen konnte, entdeckte mein Vater, dass sein Elternhaus jahrelang verwanzt und abgehört worden war, auch die Heimkehrszene war in der Akte abgetippt, mit allem, was er seiner Mutter erzählt hatte, ihren Zwischenrufen, ihrem Lachen und begeisterten Klatschen. Er kam verweint aus dem Archiv. Er war nicht böse, im Gegenteil.
Nun konnte er allen von seiner wunderlichen Heimreise erzählen: Er fuhr in derart lässiger Pose, dass er sich den rechten Ellenbogen, den er aus dem Fenster gehalten hatte, bräunte. Er machte halt in Cafés, bog ab, wenn er von Orten hörte, die man unbedingt gesehen haben sollte.
An der Himmelspforte
In den Hügeln bei Mossul muss er am Lenkrad eingeschlafen sein, denn sein Auto kam vom Weg ab und überschlug sich. Die Parfümflaschen, die er für seine Mutter und ihre Freundinnen dabeihatte, zerschellten – ein kristallenes Läuten, ganz laut, und betörende Blumendüfte, wie an der Himmelspforte.
Als er die Augen auftat, lag er weiss gebettet. Und auf dem Nachtisch sah er sein ganzes Geld aufgetürmt, bis auf die letzte Münze. Kurdische Bauern hatten es für ihn von den Feldern gesammelt. Und mein Vater wusste, wie sehr sich seine Mutter über diese Geschichte freuen würde.
