Kaum eine Kirche im Emmental erfreut sich grösserer Bekanntheit als das Würzbrunnen-Kirchlein. Das eher kleine, jedoch markante Bauwerk steht allein auf einer grossen, flachen, von Wald gesäumten Wiese ob dem Dorf Röthenbach, das unten im Tal noch über ein zweites Gotteshaus verfügt. Das Kirchlein Würzbrunnen hat durch die Gotthelf-Verfilmungen des Regisseurs Franz Schnyder (1910–1993) landesweite Bekanntheit erlangt.
Es ist Sommer, die Kirche wird rege von Radfahrern, Wandersleuten und anderen Interessierten aufgesucht. Viele sind fasziniert von diesem kulturhistorisch bedeutsamen Bau. Seine Anfänge gehen vermutlich auf das 10. oder 11. Jahrhundert zurück, das heisst in die Zeit der mittelalterlichen, durch lokale Adlige propagierte Besiedlung des Emmentals. An einem damaligen Weg von Thun nach Burgdorf gelegen, war die Kirche ein weitherum beliebter Wallfahrtsort.
Frisches Wasser aus dem «Wurzelbrunnen»
Der Name Würzbrunnen könnte auf «bis zu den Wurzeln» reichendes, ursprüngliches, frisches und vielleicht sogar heilkräftiges Wasser hindeuten. Im Zuge der Berner Reformation 1528 stellte die Obrigkeit die Wallfahrt ein, aber die Kirche als solche blieb bestehen. Im «Kunstführer Emmental» (von Jürg Schweizer, 1982) wird sie als «reizvolle romanische Anlage mit reicher spätgotischer und spätbarocker Ausstattung» gewürdigt.
Der Berner Altertumsforscher Albert Jahn berichtet in seiner 1865 erschienenen Schrift «Emmentaler Altertümer und Sagen» allerlei Geheimnisvolles über Würzbrunnen. So sollen dort zu «heidnischer» Zeit eine Stadt und ein Tempel gestanden haben, umgeben von einem «Götzenhain». In besagtem Wald seien, um 1750 herum, beim Holzfällen und Ausroden der Wurzelstöcke uralte Ziegelstücke, Opfermesser und ausserdem verrostete Handschellen ausgegraben worden, von denen die Finder vermuteten, dass sie einst zum Fesseln der zu opfernden Menschen gedient hatten.
Engel am Werk
Natürlich rankt sich um einen so geheimnisvollen Ort auch eine Sage. Hermann Wahlen hat sie in seinem Büchlein «Emmentaler Sagen» (1962) zu Papier gebracht. Die Stadt, die sich in alter Zeit auf der Anhöhe von Würzbrunnen befunden haben soll, sei einst in einen blutigen Krieg verwickelt gewesen. Der Feind habe den Ort in Brand gesteckt. «Bis uf d’ Würze abeb’brunne» sei die Stadt, also niedergebrannt bis auf die Wurzeln. Das habe zum Namen «Würzbrunnen» geführt.
Die Kirche aber sei von den Flammen verschont geblieben und deshalb zu einem Wallfahrtsort geworden. «Viele hundert Jahre nach der Zerstörung der Stadt beschlossen die Bewohner des Tales, das Kirchlein zu Würzbrunnen abzubrechen und es drunten in Röthenbach neu erstehen zu lassen», schreibt Wahlen. Was aber die Handwerker tagsüber ins Tal hinabgeschafft hatten, trugen des Nachts unsichtbare Hände wieder an den alten Ort zurück. «Und so ist es gekommen, dass das Kirchlein zu Würzbrunnen, dieses bauliche Kleinod des Oberemmentals, der lieblichen Landschaft erhalten geblieben ist.»
