«Jodeln ist ein gesungenes Gebet»

Komposition

In seinem schweizerdeutschen Requiem lässt Komponist Joël von Moos auch jodeln. Dieser Urklang berühre viele tief, sagt er. 

Wie kamen Sie auf die Idee, in  Ihrer «Totämäss» Kirchenmusik mit Jodeln zu verbinden? 

Joël von Moos: Für mich ist die Kombination von Kirchenmusik mit Jodeln sehr stimmig.

Weshalb?

Jodeln ist für mich kein Musikstil, sondern ein Zustand, ein direkter Ruf, bei dem die Stimme nicht hinter einem Text versteckt werden kann. Jodeln ist etwas Archaisches: das, was der Senn von der Alp in die Berge ruft, ein gesungenes Gebet.

Das Jodeln verbinden viele Menschen eher mit Ländlerkapellen. 

Volksmusik hat viele Facetten. Sie sollte aber aus meiner Sicht nicht immer nur lüpfig sein und eine heile Welt zelebrieren. So wird sie zur reinen Folklore. Volksmusik darf auch dunkel sein, schmerzhaft oder unbequem. Sie soll existenzielle Fragen aufnehmen – so wie das eben in der «Totämäss» passiert. 

Jodeln als urtümlicher Klang trifft das Innerste, den Kern.
Joël von Moos

Die lateinischen Texte haben Sie  in den Dialekt übersetzt. Was hat Sie dazu bewogen? 

Ich möchte, dass sie für alle verständlich sind. Das Libretto ist nicht eins zu eins von einem andern Requiem übersetzt. Ich liess eigene Gedanken zu Tod und Abschied einfliessen. Das Jodeln war zwingender Bestandteil der Dialektfassung. Die Klangsprache ermöglicht, dass das Werk für alle erfahrbar ist.

Löst es Irritationen aus, dass Sie in einem Requiem jodeln lassen? 

Nein. Ich habe vielmehr erlebt, dass Menschen, die sonst keinen Bezug zu Volksmusik haben, sagten: Aha, so kann das also auch klingen.

Wie erklären Sie sich, dass Jodeln offenbar starke Gefühle weckt? 

Ich glaube, Jodeln als urtümlicher Klang trifft das Innerste, den Kern. Man erfasst es nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Ausserdem bin ich sicher, dass das gemeinsame Erlebnis in einem Raum wie dem Berner Münster besonders nahegeht. Menschen brauchen solch verbindende, echte Momente. 

Kirchen sind aufgeladen mit dieser Energie.
Joël von Moos

Spielt es eine Rolle, ob Ihre Werke in einer Kirche oder in einem  Konzertsaal aufgeführt werden? 

Das Verbindende kommt in einer Kirche stärker zum Tragen. In eine Kirche gehen so viele unterschiedliche Menschen mit ihren Sorgen, Gebeten und Freuden. Kirchen sind aufgeladen mit dieser Energie.

Sie haben mit der «Totämäss» zweimal das Berner Münster gefüllt.  Eigentlich erstaunlich, dass ein Werk über Tod und Abschied soviele Menschen in die Kirche lockt. 

Ich bin überzeugt, dass viele Menschen Spiritualität suchen. Spiritualität entsteht durch Hingabe. Der Jodelgesang ist für mich wie eine vorsprachliche Form des Betens oder eben der Hingabe.

Spricht also Musik viele Menschen stärker an als Worte? 

Beides hat seinen Platz. Aber Musik ist schon seit Langem ein wichtiger Teil in einem Gottesdienst. In verschiedenen Religionen spielen Musik und Gesänge eine wichtige Rolle. Eine Predigt ist sicher verkopfter und akademischer als Musik. Auch der legendäre Gitarrist Jimi Hendrix sagte schliesslich: «Music is my religion.» 

Joël von Moos, 34

Als Sänger bei der Luzerner Kantorei kam Joël von Moos früh mit kirchenmusikalischen Werken in Kontakt. Mit 17 Jahren dirigierte er den Jodlerklub seines Heimatdorfes Sachseln. Sein Debüt als Komponist, Autor und Produzent war 2017 «Dorothea – Kantate zu Ehren des Niklaus von Flüe».