Eine Liebeserklärung an den Winter

Schlusspunkt

Zu lang, zu kalt, zu dunkel – der Winter ist die wohl unbeliebteste Jahreszeit. Dabei hat er viel zu geben.

Viele Jahre lang war mir der Winter ein Gräuel. Ich wehrte mich gegen die langen Monate der Kälte, stimmte mit ein in die weitverbreiteten Schimpftiraden über die verhasste Jahreszeit. Und fror, weil Wollmützen und jugendlich gestylte Frisuren nicht kompatibel sind. Ernsthaft befasste ich mich mit Auswanderungsgedanken – wie wäre es mit Spanien, Griechenland oder noch weiter südlich, Richtung Äquator? Aus verschiedenen Gründen sah ich dann doch davon ab.

Es ist leicht, den Frühling und sein Blumenmeer zu lieben, den ekstatischen Sommer und den goldenen Herbst. Der Winter hingegen ist wie ein schwer zugänglicher Mensch, dessen Wert und Schönheit sich einem in seiner Ganzheit erst erschliessen, wenn er angenommen wird, wie er ist.

Erst durch meine wachsende Liebe zu Pflanzen, zur Natur und zum Gärtnern begann ich, die Bedeutung der dunklen Jahreszeit zu verstehen. Heute erlebe ich mit allen Sinnen, wie die Natur im Jahreszyklus erblüht, zu Fülle und Reife gelangt und sich nach getaner Arbeit in die Winterruhe zurückzieht. Und merke, dass ich froh bin um die Pause vom Garten, die der Winter mir gönnt. Denn von Frühling bis Herbst gibt es immer etwas zu tun – säen, setzen, pflegen oder ernten, von frühmorgens bis spätabends. Ganz anders im Winter. Alles zieht sich nach innen zurück. Abnehmen des Licht und Wärme verlangsamen die Vorgänge, ja lassen sie einen Moment stillstehen. Doch die Knospen an meinem Aprikosenbäumchen sind schon da, winzig und gleichzeitig komplett. 

Alles darf sein, wie es ist

Seit ich es zulasse, von der Natur zu lernen, statt gegen sie anzukämpfen, ist mir der Winter immer näher ans Herz gewachsen. Ich liebe es, den Kerzen beim Leuchten Gesellschaft zu leisten, mag die Klarheit der Kälte, wenn ich warm angezogen mit Mütze (!) das Haus verlasse. Staune über die filigranen Gerippe der blattlosen Bäume und die minimalistische Farbpalette der Landschaft, die sich auf Braun, Grün und Grau beschränkt. Es ist Zeit auszuruhen, innezuhalten. Mit offenen Augen der dunklen Nacht der Seele zu begegnen und vielleicht ein inneres Licht zu finden. Oder in den Tiefen von Netflix nach Perlen zu tauchen. Alles darf sein, wie es ist. Alles hat Platz.

Und bald schon, um den Februaranfang herum, kündet sich zart der Frühling an. Die Tage sind wieder heller, die Nächte deutlich kürzer. Im Flachland blühen schon Primeln, strecken Schneeglöckchen bereits ihre Köpfchen hervor.