Ein Durcheinander der Stimmen und Geräusche erfüllt den Raum. Die Melodie eines Ohrwurms schwimmt kurz obenauf, bevor sie wieder vom dichten Klangmeer verschluckt wird. Die Installation «Babel» des brasilianischen Künstlers Cildo Meireles ist ein blinkender Turm aus Radios.
Sie knüpft an die biblische Geschichte des Turmbaus zu Babel an, die auch im Pfingstfest mitschwingt. Im Alten Testament wird erzählt, wie die Menschen eine Stadt bauen wollten, die allen Menschen eine Heimat bieten sollte, und einen Turm, «dessen Spitze bis an den Himmel reicht» (Gen 11,4).
Als Strafe getarntes Geschenk
Daraus wurde nichts. Gott fürchtete, dass Babel nur der Anfang sein würde, und erkannte in den Bauplänen den Keim der Hybris: «Nun wird ihnen nichts mehr unmöglich sein, was immer sie sich zu tun vornehmen» (Gen 11,6). Also verwirrte Gott die Sprache, so dass die Menschen einander nicht mehr verstehen konnten und sich in ihrer Vielsprachigkeit über die ganze Welt verteilten.
Der verhinderte Turmbau zu Babel liest sich nur auf den ersten Blick wie eine Strafe Gottes: Die Vielfalt der Sprachen und Kulturen ist ein Geschenk. Und das Vertrauen darauf, dass Menschen nicht alles tun können, was sie sich vornehmen, ist ein Trost in einer Zeit, in der der Grössenwahn grassiert. Der technologische Fortschritt ist in vielerlei Hinsicht ein Segen. Dennoch lehren die enthemmten, mit religiösen Mythen unterfütterten Allmachtsfantasien einiger Entwickler der künstlichen Intelligenz das Fürchten.
Die grosse Konfusion
Die Vielfalt kann jedoch in ein Durcheinander kippen. Die unterschiedlichen Stimmen gehen unter in einem Gegeneinander der Meinungen und klingen so unverständlich wie im riesigen Radioturm im Museum. Wenn alle an ihren Lautstärkereglern drehen, wird das Zuhören unerträglich. Aus biblischen Texten werden zuweilen gegenteilige Schlüsse gezogen und in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs eingebracht. Die Rückkehr des Religiösen in die Politik scheint der Verständigung nicht zuträglich.
Die Bibel selbst erzählt Geschichten aus unterschiedlichen Zeiten mit verschiedenen Intentionen. Sie entwirft unzählige Gottesbilder, berichtet von Menschen, die scheitern und mit Gott ringen, anklagen und zur Umkehr mahnen.
Tosen der Verständigung
Von einem Tosen, das nicht taub macht, sondern die Sinne schärft, erzählt die Apostelgeschichte. Erfüllt vom Wirken Jesu und beseelt von der erfahrenen Gottesnähe, überwinden die Apostelinnen und Apostel alle Sprachbarrieren: «Sie wurden alle erfüllt von heiligem Geist und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab» (Apg 2,4).
Die Menschen, die «aus allen Völkern unter dem Himmel» (Apg 2,5) zusammengefunden haben, hören die Apostelinnen und Apostel in ihrer je eigenen Sprache predigen. Sie sind ergriffen, weil sie erkennen, dass das Evangelium mit ihrem Leben, der Welt zu tun hat.
Wer die Bibel als religiöse Schrift und Quelle des Glaubens liest, hofft auf solche Momente. Dass sich eine Einsicht zeigt und eine Kraft spürbar wird, die auf das eigene Leben und das Zusammenleben verändernd wirkt. Indem sie ermutigt, irritiert und tröstet.
Machtkritik als Richtschnur
Auch der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli war auf der Suche nach einem solchen Pfingstmoment: 1522 rang er in einer Predigt um die «Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes». Als Essenz des Evangeliums definiert er, dass es «die Hochmütigen und Gewaltigen erniedrigt» und die Armen in die Mitte nimmt, «ihnen hilft und die Trostlosen und Verzweifelten tröstet».
Pfingsten tilgt Babel nicht. Die Widersprüche werden aufgehoben in der Harmonie der Vielfalt: Um die Bibel zu verstehen, braucht es die Debatte, die Verschiedenheit der Stimmen und Erfahrungen.
Was vom Geist kommt
Zwingli predigt kein fundamentalistisches Textverständnis. Er sucht nach dem, «was vom Geiste Gottes kommt». Diese Geistkraft schenkt Liebe, wo Verzweiflung herrscht, lässt teilen, wo Mangel quält, stiftet Versöhnung, wo Streit entzweit, ermöglicht Verständigung, wo Frequenzen durcheinandergeraten. Und sie lässt die Melodie des Lebens und der Hoffnung erklingen sogar in den Abgründen der Gewalt.
