All Ihre Filme erzählen davon, wie Iranerinnen und Iraner darum ringen, unter dem Druck des Regimes zu überleben, ohne die Würde zu verlieren. Wie gelingt die Balance?
Dies dem Publikum zu zeigen, ist einer der Gründe, weshalb ich Filme mache. Manchmal musst du dich für das Nein entscheiden, um deine Würde nicht zu verlieren. Im neuen Film ist das Nein der Hauptfigur, dass sie im Bewilligungsverfahren nicht einknickt und ihren Film in Privaträumen zeigt statt im Kino. Alle Menschen im Iran haben ihren eigenen Weg des Widerstands.
Ein Nein kann auch tödlich sein. Woher nehmen Sie den Mut dazu?
Jeder Akt des Widerstands hat Konsequenzen. Im Januar trugen viele junge Menschen ihr Nein auf die Strasse. Sie protestierten gegen ein System, das sie kontrolliert und entmenschlicht. Unzählige Menschen bezahlten ihr Nein mit dem Leben. Mein Nein ist, dass ich mir für meine Filme keine Regeln diktieren lasse und so meine Würde bewahre.
Haben Sie schon überlegt, den Iran für immer zu verlassen?
Nein. Meine Mutter, mit der ich wohne, und meine Familie sind im Iran. Ich habe viele Freunde dort, mit denen ich über Filme diskutiere. Würde ich meine Heimat verlassen, müsste ich so viele Dinge zurücklassen, an denen mein Herz hängt. In Teheran zu leben, ist für mich eine Quelle der Inspiration.
Droht jetzt nicht der schlimmste aller möglichen Fälle für das iranische Volk? Das Regime übersteht den Krieg und festigt die Macht.
Ob die Machthaber diesen Druck aufrechterhalten können, wird sich zeigen. Vor dem Krieg führten die Repression und die desaströse Wirtschaftslage ja zu vielen inneren Konflikten. Vielleicht wird das Regime zu Kompromissen zugunsten des Volkes gezwungen, wenn der äussere Druck wegfällt. Allerdings waren viele Iranerinnen und Iraner froh über den Krieg, weil sie auf einen Umsturz hofften.
Sie auch?
Ich weiss es nicht, ehrlich gesagt. Einerseits scheint mir manchmal der Satz zu stimmen «Der Feind meines Feindes ist mein Freund». Anderseits haben Freunde von mir ihre Familie verloren, weil Teheran bombardiert wurde. Albert Camus sagte: «Wenn ich zwischen meiner Mutter und der Gerechtigkeit wählen muss, dann entscheide ich mich für meine Mutter.» Zwischen diesen widersprüchlichen Gefühlen befinde ich mich. Vielleicht brauche ich auch einfach Zeit, um meine Gedanken zu sortieren.
Was gibt Ihnen Hoffnung in diesen schwierigen Zeiten?
Glück gibt mir Hoffnung. Wenn wir glücklich sind, finden wir ganz viele Details, die schön sind in unserem Leben. Sind wir traurig, werden wir blind und vergessen viele Dinge, die unser Leben eigentlich ausmachen. Wenn ich einen Kaffee trinke und mich glücklich fühle, bin ich voller Hoffnung. Wer unglücklich ist, steht unter Stress.
Drehten Sie deshalb eine Komödie?
Genau. Die Menschen im Iran sind traurig genug angesichts all dessen, was passiert. Ich will sie wenigstens einen Film lang glücklich machen, ohne dass ich ihnen etwas vormachen würde, denn ich zeige den Iran ja, wie er ist. Aber darüber lachen zu können, schenkt den Menschen vielleicht etwas Hoffnung.