«Meine Filme sind mein Nein zum System»

Kultur

Ali Asgari drehte eine wunderbare Komödie über Repression, Freiheit und Kunst. Im Gespräch mit «reformiert.» sagt der Teheraner, wie Iranerinnen und Iraner sich die Würde bewahren.

Sie verbrachten ein paar Tage in der Schweiz. Wie fühlt es sich an, hier zu sein statt in Teheran?

Ali Asgari: Wie der Sprung ins eiskalte Wasser nach der Sauna. 

Die Schweiz ist wie kaltes Wasser?

Als ich den Iran im Februar verliess, wurde das Land extrem stark angegriffen von Israel und den USA. Raketen schlugen in unmittelbarer Nähe meines Hauses ein, so dass die Fensterscheiben zu Bruch gingen. Wir alle standen unter Stress. Ich verliess Teheran aber nicht wegen des Kriegs, ich wollte in der Türkei ein Projekt abschliessen. Nun bin ich in der Schweiz mit ihren wunderbaren Seen. Es ist eine andere Welt, als hätte ich Ferien vom Krieg

Und wie erlebten Sie die Zeit vor Ausbruch des Kriegs?

Schon die Zeit vor Kriegsbeginn war sehr belastend: im Juni der erste Krieg, dann im Januar die Proteste, die unzähligen Menschen, die getötet wurden auf den Strassen Teherans. Überhaupt war das letzte Jahr extrem schwierig für den Iran. 

Ali Asgari

1984 geboren, wuchs Ali Asgari gemeinsam mit sechs Schwestern in Teheran auf. Sein Studium schloss er an der Azad-Universität in Teheran ab. Danach absolvierte er ein Filmstudium in Rom. Seine Karriere begann er 2011 mit einer Reihe von Kurzfilmen, für die er auch die Drehbücher schrieb.

Divine Comedy. Regie: Ali Asgari. Iran 2025. 98 Minuten

Befinden Sie sich als Künstler in einer besonders prekären Situation?

Jeder Mensch hat seinen eigenen Umgang mit der Situation. Für mich war es sogar ein bisschen leichter. Während des Kriegs konnte ich mich auf das Schreiben konzentrieren. Auch von der katastrophalen Wirtschaftslage, der Inflation bin ich als international vernetzter Künstler nicht ganz so direkt betroffen wie die anderen Leute.

Aber hat die Repression des Regimes nicht zugenommen?

Der Druck des Systems ist sozusagen Teil meiner Arbeit. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Du arbeitest mit dem System oder ohne.

Sie bewahren sich Ihre künstlerische Freiheit, indem Sie sich nicht vom Regime kaufen lassen. Welchen Preis bezahlen Sie dafür?

Natürlich hat mein Entscheid viele Konsequenzen. Aber ich habe in den letzten Jahren gelernt, wie ich arbeiten und mich mit der Situation arrangieren muss. Jeder meiner Filme hat seine eigene Entstehungsgeschichte. Die Frage, wie ich einen Film überhaupt realisieren kann, beeinflusst auch die Geschichte, die ich erzähle. So drehten wir in «Divine Comedy» viele Szenen auf der Vespa und entkamen damit der Kontrolle. Um nicht aufzufallen, arbeite ich nicht mit bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern zusammen. Es gibt viele Möglichkeiten, Untergrundfilme zu drehen. Aber ich will sie nicht verraten, sonst kann ich die Ideen in meinen nächsten Filmen nicht mehr umsetzen.

Wie haben die Behörden auf «Divine Comedy» reagiert?

Als der Film fertig war, stand das Regime extrem unter Druck. Die Angriffe im letzten Juni waren gerade vorbei, die ökonomische Situation katastrophal, der politische Druck enorm. Vielleicht bekam ich deshalb weniger Probleme als nach anderen Filmen. Zudem klingt eine Komödie zuerst immer harmlos. Das ist eine alte iranische Form der Systemkritik, die auch in der persischen Literatur verbreitet ist: Um den König oder das System zu entlarven, versteckten die Dichter ihre Kritik im Gewand der Komödie.

Haben Sie schon einmal versucht, eine offizielle Bewilligung für einen Ihrer Filme zu bekommen?

Nein. Die Behörden wollen, dass ihre eigenen Geschichten erzählt werden. Davon handelt ja auch «Divine Comedy»: Ein Regisseur kämpft vergeblich darum, seinen Film im Kino zeigen zu dürfen. Die Szene, in der ihm ein Agent des Systems anbietet, einen teuren Film über den Propheten Jona zu drehen, ist sehr realistisch. Aber mich interessieren ihre Geschichten nicht. Ich will meine eigenen Filme drehen.

Warum drehen Sie trotz der Repression weiterhin in Teheran? Sie könnten ins Ausland ausweichen.

Filme, die ich mag, sind eng verbunden mit der Sprache, der Kultur, der Energie der Menschen in dem Land, in dem die Geschichte spielt. Würde ich in der Schweiz drehen, hätte ich einen touristischen Blick. Ich will keine aufwendigen Filme drehen, sondern tief in die Figuren, ihre Charaktere, ihre Welt eintauchen.

Ruchlose Gewalt

Seit dem 8. April herrscht eine fragile Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran, die Pakistan vermittelt hat. Die Kriegsparteien übertreffen sich seither gegenseitig mit Bedingungen für die Aufnahme von Friedensverhandlungen und Schuldzuweisungen. An der Meerenge von Hormus kam es wiederholt zu Scharmützeln. Am 28. Februar hatten die USA und Israel den Iran mit massiven Luftschlägen angegriffen, bei denen auch der iranische Machthaber Ayatollah Ali Chamenei getötet wurde. Als Nachfolger wurde dessen Sohn Modschtaba installiert, der als Vertrauter der Revolutionsgarden gilt. Ohnehin scheint die Miliz zumindest vorläufig gestärkt aus dem Krieg hervorzugehen. Im Januar hatte das Regime Proteste mit ruchloser Gewalt niedergeschlagen. Gemäss einer Recherche der «Sunday Times» wurden damals rund 20 000 Demonstranten getötet. Laut der Organisation Iran Human Rights liess die iranische Justiz im letzten Jahr rund 1700 Menschen hinrichten.

All Ihre Filme erzählen davon, wie Iranerinnen und Iraner darum ringen, unter dem Druck des Regimes zu überleben, ohne die Würde zu verlieren. Wie gelingt die Balance?

Dies dem Publikum zu zeigen, ist einer der Gründe, weshalb ich Filme mache. Manchmal musst du dich für das Nein entscheiden, um deine Würde nicht zu verlieren. Im neuen Film ist das Nein der Hauptfigur, dass sie im Bewilligungsverfahren nicht einknickt und ihren Film in Privaträumen zeigt statt im Kino. Alle Menschen im Iran haben ihren eigenen Weg des Widerstands.

Ein Nein kann auch tödlich sein. Woher nehmen Sie den Mut dazu?

Jeder Akt des Widerstands hat Konsequenzen. Im Januar trugen viele junge Menschen ihr Nein auf die Strasse. Sie protestierten gegen ein System, das sie kontrolliert und entmenschlicht. Unzählige Menschen bezahlten ihr Nein mit dem Leben. Mein Nein ist, dass ich mir für meine Filme keine Regeln diktieren lasse und so meine Würde bewahre.

Haben Sie schon überlegt, den Iran für immer zu verlassen?

Nein. Meine Mutter, mit der ich wohne, und meine Familie sind im Iran. Ich habe viele Freunde dort, mit denen ich über Filme diskutiere. Würde ich meine Heimat verlassen, müsste ich so viele Dinge zurücklassen, an denen mein Herz hängt. In Teheran zu leben, ist für mich eine Quelle der Inspiration.

Droht jetzt nicht der schlimmste aller möglichen Fälle für das iranische Volk? Das Regime übersteht den Krieg und festigt die Macht.

Ob die Machthaber diesen Druck aufrechterhalten können, wird sich zeigen. Vor dem Krieg führten die Repression und die desaströse Wirtschaftslage ja zu vielen inneren Konflikten. Vielleicht wird das Regime zu Kompromissen zugunsten des Volkes gezwungen, wenn der äussere Druck wegfällt. Allerdings waren viele Iranerinnen und Iraner froh über den Krieg, weil sie auf einen Umsturz hofften.

Sie auch?

Ich weiss es nicht, ehrlich gesagt. Einerseits scheint mir manchmal der Satz zu stimmen «Der Feind meines Feindes ist mein Freund». Anderseits haben Freunde von mir ihre Familie verloren, weil Teheran bombardiert wurde. Albert Camus sagte: «Wenn ich zwischen meiner Mutter und der Gerechtigkeit wählen muss, dann entscheide ich mich für meine Mutter.» Zwischen diesen widersprüchlichen Gefühlen befinde ich mich. Vielleicht brauche ich auch einfach Zeit, um meine Gedanken zu sortieren.

Was gibt Ihnen Hoffnung in diesen schwierigen Zeiten?

Glück gibt mir Hoffnung. Wenn wir glücklich sind, finden wir ganz viele Details, die schön sind in unserem Leben. Sind wir traurig, werden wir blind und vergessen viele Dinge, die unser Leben eigentlich ausmachen. Wenn ich einen Kaffee trinke und mich glücklich fühle, bin ich voller Hoffnung. Wer unglücklich ist, steht unter Stress.

Drehten Sie deshalb eine Komödie?

Genau. Die Menschen im Iran sind traurig genug angesichts all dessen, was passiert. Ich will sie wenigstens einen Film lang glücklich machen, ohne dass ich ihnen etwas vormachen würde, denn ich zeige den Iran ja, wie er ist. Aber darüber lachen zu können, schenkt den Menschen vielleicht etwas Hoffnung. 

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