Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf die derzeitigen Ereignisse und den Krieg im Iran?
Bahram Moosivand: Ich spüre eine grosse Erleichterung. Ich schätze, dass rund 80 Prozent der iranischen Bevölkerung das Regime beseitigen möchte und den Angriff der USA und Israels daher als eine Befreiungsoperation wahrnehmen. Die Bevölkerung ist seit 47 Jahren in der Geiselhaft von Fundamentalisten und in einer Diktatur gefangen. Was sich die allermeisten sehnlichst wünschen, ist Freiheit und Demokratie.
Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass das Regime gestürzt werden kann?
Ich bin zuversichtlich, dass es bald gelingen kann. Am ersten Tag des Angriffs wurde mit der Tötung Ali Chameneis sogleich der Kopf der Schlange abgeschlagen. Dass das so schnell gelingt, damit haben wohl nur die wenigsten gerechnet. Allerdings sind das Regime und seine Anhänger zu allem bereit. Sie gehen brutal gegen die eigene Bevölkerung vor, wie wir es ja unlängst gesehen haben.
Chamenei war nicht nur der mächtigste Mann im Staat, sondern auch der geistliche Führer. Wie stark ist die durch das Regime vorgegebene, strenge Auslegung des schiitischen Islam in der Bevölkerung noch verankert?
Gehen Sie auf die sozialen Netzwerke und schauen Sie sich die Millionen von Posts an. Vor allem die Jungen der Generation Z haben mit Religion nicht viel bis nichts am Hut. Der Iran ist ein abgewirtschaftetes Land. Das Regime schaut nur noch zu sich selbst und behält die wichtigsten Ressourcen für sich, während der Grossteil der Iranerinnen und Iranern leidet. Die Probleme sind unglaublich tiefgreifend und vielfältig. Religion ganz allgemein und der Islam im Speziellen spielen bei den meisten Menschen in meinem Land keine grosse Rolle mehr in ihrem Alltag. Ich schätze, dass maximal zehn Prozent der Bevölkerung zum theokratischen Regime hält. Aber das sind dann eben immer noch rund 8, 9 Millionen Menschen. Dazu gehören die Funktionseliten und diejenigen, die ihre Hände an den Waffen haben. Damit konnten sie die anderen rund 80 Millionen bisher in Schach halten.
