Das iranische Regime erstickte die Protestwelle im Land mit roher Gewalt. Hat die Politik der Exekution einmal mehr funktioniert?
Gilda Sahebi: Von Politik will ich gar nicht sprechen. Die Gewaltexzesse bewirken, dass erst einmal keine Protestdemonstrationen mehr stattfinden. Aber sie retten nicht das System. Das Regime ist längst tot. Mit der Niederschlagung der Proteste von 2019 wurde das letzte Band zwischen dem iranischen Volk und der islamischen Republik zerschnitten. Damals wurden in vier Tagen 1500 Menschen getötet. Eine unvorstellbare Zahl, aber viel weniger als heute. Wenn die Eliten überleben wollen, müssen sie aus dem Iran ein Nordkorea machen.
Die Internetsperre deutet darauf hin, dass sie genau das versuchen.
Dass das Internet so lange wegbleibt, hätte ich nie für möglich gehalten. Eine solche Blockade hat es noch nie gegeben. Das zeigt, wie verzweifelt die Machthaber sind. Sie wissen, dass die totale Abschottung ihre einzige Überlebenschance ist. Sie wird ihnen aber nicht gelingen. Ich habe von Iranern gehört, die bereits daran sind, Umgehungen zu programmieren. Die Leute sind ja super ausgebildet.
Welche Möglichkeiten haben Sie zurzeit, um mit Iranerinnen und Iranern zu kommunizieren?
Ich stehe in Kontakt mit Leuten, die nach dem Ausbruch der Proteste aus dem Iran zurückgekehrt sind. Zudem schickt mir eine iranische Menschenrechtsorganisation mit Sitz in den USA Textnachrichten und Sprachnachrichten, die sie von Menschen aus dem Iran erhält.
Wie ist die Lage zurzeit?
Es herrscht ein Zustand der totalen Kontrolle. Über den Städten kreisen Drohnen. Hinzu kommen ständige Polizeikontrollen, Handys werden durchsucht, in der Nacht gilt im Grunde Kriegsrecht. Maschinengewehrsalven sind zu hören, die Menschen dürfen ihre Häuser nicht verlassen. Das ist purer Staatsterror, der in den Menschen absolute Angst auslösen will.
Das klingt nach einem Bürgerkrieg gegen das eigene Volk.
Ja, genau so kann man es sagen.
