Was Chameinis Tod für die Schiiten bedeutet

Religion

Warum Irans brutaler Machthaber Chamenei ein wichtiger religiöser Führer für viele Schiiten war, seine Vorgaben aber auf Widerstand stiessen, erklärt der Nahostexperte Simon Fuchs.

Verändert sich nach dem Tod von Ayatollah Ali Chamenei der religiöse Alltag der Schiiten?

Simon Wolfgang Fuchs: Nein. Neben den fünf Säulen des Islams gehören für Schiiten auch die Liebe und Treue zu den Imamen sowie das Leben nach islamischen Werten zu den religiösen Pflichten. Die Grundlage dafür bilden die von schiitischen Rechtsgelehrten entwickelten Rechtsvorschriften. Chameneis Rechtsgutachten haben sich aber nie breit durchgesetzt – nur eine Minderheit innerhalb der globalen schiitischen Gemeinschaft folgte ihm in dieser Auslegung und akzeptiere ihn als Grossayatollah.  Chameneis symbolische und emotionale Bedeutung als Oberhaupt eines mächtigen schiitischen Staates ist allerdings nicht zu unterschätzen.

Viele Iranerinnen und Iraner feierten seinen Tod.

Die Reaktionen zeigen einmal mehr, wie gespalten die iranische Gesellschaft ist. Als die Nachricht von seinem Tod bekannt wurde, kursierten in den sozialen Medien Videos von Menschen, die Chameinis Tod bejubelten. Am nächsten Morgen zeigte sich ein anderes Bild: Hunderttausende Trauernde füllten öffentliche Plätze, beklagten seinen Tod und den Verlust der für sie wichtigsten politischen und religiösen Figur.

Zu Ihrem Forschungsfeld gehört auch Südasien. Wie waren die Reaktionen dort?

Insbesondere in Pakistan kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen: Angriffe auf das US-Konsulat in Karachi und UNO-Büros im Norden des Landes, Tote und anschliessende Ausgangssperren. In Südasien leben Schiiten meist als Minderheiten – obwohl sie wie in Pakistan mit rund 40 Millionen Menschen die zweitgrösste schiitische Gemeinschaft weltweit bilden. Viele von ihnen fühlen sich marginalisiert und verfolgt. Die geistliche Führung Irans ist für diese Gemeinschaften von grosser Bedeutung, denn in ihrer Wahrnehmung stand der Iran stets an ihrer Seite – insbesondere während der Zeit des sogenannten Islamischen Staates.

Simon Wolfgang Fuchs

Simon Wolfgang Fuchs

Der deutsche Islamwissenschaftler lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem. Zu seinen Forschungsgebieten zählen der schiitische Islam im Nahen Osten und in Südasien.

War Chamenei also für pakistanische Schiiten ihr religiöser Führer?

Sie sahen in ihm vor allem ein Symbol und einen Beschützer. Gleichzeitig distanzierten sie sich in gewissen Fragen von seinen Vorgaben. Ein Beispiel: 1994 sprach sich Chamenei ausdrücklich gegen die Verwendung von Schwertern und Ketten bei der rituellen Selbstgeisselung im Monat Muharram aus. Statt sich blutig zu schlagen, sollten Gläubige Blut spenden. Die Selbstgeisselung solle nur noch symbolisch, also ohne scharfe Gegenstände, erfolgen. Viele pakistanische Schiiten folgten dieser Aufforderung jedoch nicht. Sie begehen die Aschura-Rituale weiterhin mit scharfen Gegenständen und geisseln sich blutig.

Woher kommt im Iran diese enge Verflechtung von Religion und Politik?

Nach schiitischer Lehre ist der Zwölfte Imam nicht gestorben, sondern lebt in der Verborgenheit und wird eines Tages als Messias, der sogenannte Mahdi, zurückkehren. Bis dahin vertreten die Rechtsgelehrten ihn. Diese Interpretation sichert das religiöse Leben. Im 16. Jahrhundert etablierten die Safawiden den schiitischen Islam im heutigen Iran als Staatsreligion. Dennoch blieb die Trennung zwischen Herrschaft und religiöser Autorität zunächst bestehen, auch wenn den Gelehrten beträchtliche Macht eingeräumt wurde. Die Geistlichkeit eignete sich nach und nach bestimmte Privilegien an, die eigentlich dem Imam vorbehalten sind, wie die Abhaltung des gemeinsamen Freitagsgebets.

Wie war das unter der Pahlavi-Dynastie?

Unter der Pahlavi-Dynastie versuchten Teile des Klerus, mit dem Schah zu kooperieren und eigene Anliegen durchzusetzen – trotz des säkularen Staatsverständnisses. Als der Schah seine Macht unter anderem durch Landreformen und Reformen im Bildungswesen ausweitete, stiess das bei vielen Geistlichen auf Widerstand, da diese Bereiche traditionell zu ihrem Einflussgebiet gehörten. Manche arrangierten sich mit dem Regime, andere gingen in die Opposition – wie etwa Chomeini.

Das Warten der Schiiten

Weltweit gibt es rund 200 Millionen Schiiten, was etwa 10–15 Prozent aller Muslime entspricht. Die grösste schiitische Strömung ist die Zwölferschia. Ihre Zentren liegen im Irak, im Iran und auf dem indischen Subkontinent; kleinere Gemeinschaften finden sich zudem in Afghanistan, im Libanon, in Zentralasien, in der Türkei sowie in den arabischen Golfstaaten. Nach dem Tod des Propheten Mohammed kam es unter den Gläubigen zum Streit über seine Nachfolge als Leiter der Gemeinde. Während die Mehrheit der Muslime, die als Sunniten bezeichnet werden, die vier sogenannten «rechtgeleiteten Kalifen» anerkennt, betrachten die Schiiten allein den Vetter und Schwiegersohn des Propheten, Ali ibn Abi Talib, als dessen rechtmässigen Nachfolger.

Grundlegend für die Zwölferschia ist die Imamatslehre. Sie geht von einer Kette von zwölf Imamen aus, beginnend mit Ali als erstem Imam. Die Imame gelten als sündenlos und unfehlbar. Nach schiitischer Lehre ist der zwölfte Imam nicht gestorben, sondern lebt in der Verborgenheit weiter und wird eines Tages als Messias, «der Rechtgeleitete» (Mahdi), erscheinen, um die Tyrannei zu beenden und Gerechtigkeit herzustellen. Da die Rechtsgelehrten während dieser Verborgenheit als Stellvertreter des zwölften Imams gelten, soll sich jeder Schiit der Lehre eines lebenden Gelehrten anschliessen. Nur diese gelten als befähigt, den Koran und die weiteren Rechtsquellen des Islams verbindlich zu interpretieren.

Dann kam 1979 die Islamische Revolution. War dies der Moment, in dem Religion und Politik ineinander verschmolzen?

Ja, allerdings wurde das Verhältnis zugleich komplexer. Dem Schah wurde vorgeworfen, den Armen Land entzogen zu haben. Nach der Revolution forderten progressive Geistliche daher eine Rückgabe an die armen Bauern. Der konservativ dominierte Wächterrat wies dies jedoch zurück, da eine solche Enteignung gegen islamisches Recht verstosse, das privates Eigentum schützt. Daraufhin wurde ein neues Schlichtungsgremium, die «Versammlung zur Erkennung des Systeminteresses» geschaffen. In einem Brief an seinen designierten Nachfolger Chamenei betonte Chomeini kurz vor seinem Tod, dass islamisches Recht ausser Kraft gesetzt werden könne, wenn dies dem System der Islamischen Republik diene oder die islamische Führung gefährdet sei. Wir sehen hier also in gewisser Weise den Triumph der Logik des Staats über die Religion.

Der Sohn übernimmt

Als Nachfolger von Ali Chamenei wurde dessen Sohn Modschtaba installiert. Als Wahlgremium fungierte ein Expertenrat mit 88 Mitgliedern. Modschtaba Chamenei gilt als Favorit der Revolutionsgarde, er unterhielt enge Verbindungen zur Miliz, die auch die Wirtschaft kontrolliert. Öffentlich ist der 56-Jährige bisher selten aufgetreten, er soll aber bereits unter der Herrschaft seines Vaters eine wichtige Rolle gespielt haben im Machtzentrum des Regimes.