Politik 28. Juli 2026, von Anders Stokholm

Die Schweiz ist ein Versprechen

Gastbeitrag

Die Schweiz baut auf der Idee des Bundes: Unterschiedliche Menschen und Gruppen suchen immer wieder neu einen gemeinsamen Nenner. Im Wissen, dass es stets etwas Besseres gibt.

Am 1. August finden in Städten und Gemeinden Bundesfeiern statt. Eine besondere Bedeutung hat die Feier auf der Rütliwiese, wo nach Friedrich Schillers Tell-Schauspiel der Bund der drei Urkantone geschlossen wurde. Eine Wiese mit vielen Geschichten. Auch jene von 1859, als die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) nach einer nationalen Geldsammlung die Wiese kaufte, damit ein Überbauungsprojekt vereitelte und sie dann 1860 dem Bund mit der Auflage schenkte, dass die Wiese künftig durch die SGG verwaltet werde. 

Konfessionelle Gräben 

Das nach dem Sonderbundskrieg immer noch zerrissene Land sollte einen Ort der Gemeinschaft und des Zusammenhalts erhalten. Es brauchte noch mehr solcher verbindenden Elemente, zum Beispiel den 1. August als Bundesfeiertag, wie ihn der Bundesrat mit der 600-Jahr-Feier 1891 begründete. Er knüpfte damit an den Bundesbrief von 1291 an, der mit den Worten schliesst: «Geschehen im Jahre des Herrn 1291 zu Anfang des Monats August.» So viele Reden es an den Bundesfeiern gibt, so viele Aussagen darüber, was die Schweiz ausmacht, worauf sie sich gründet und wohin sie sich bewegen soll. 

Ob als Pfarrer, Politiker oder Präsident der SGG: Für mich hat sich der Bundesgedanke als Herzstück herauskristallisiert.

Ich habe selber schon etliche solcher Ansprachen gehalten, angefangen bei jenem Gottesdienst 1987, als ich als noch dänischer Staatsbürger zusammen mit dem katholischen Seelsorger, der aus dem damaligen Jugoslawien stammte, in Erstfeld eine ökumenische Feier gestalten durfte, bis hin zur Bundesfeieransprache auf dem Rütli vor zwei Jahren. 

Ob als Pfarrer, Politiker oder Präsident der SGG: Für mich hat sich der Bundesgedanke als Herzstück herauskristallisiert. Er umfasst jenen Bund von 1291, wo sich die Urkantone zum Schutz und Erhalt Beistand, Rat und Förderung zusagen gegen Gewalt und Unrecht an Leib und Gut. Er umfasst die späteren Bundesbriefe einer wachsenden Gemeinschaft von Eidgenossen. Und er prägt für mich auch die Verfassung von 1848 und ihre vielfältigen Ergänzungen der vergangenen 178 Jahre. 

Dem Frieden verpflichtet

Ein Bund ist ein Gemeinschaftswerk. Er wird mit anderen geschlossen und hält fest, worauf sich alle geeinigt haben. Er ist Ausdruck von Einigkeit und für die Beteiligten bindend. Sie übernehmen gemeinsame Pflichten und Verantwortung. Auf diese Weise verbindet er alle zu einer Schicksalsgemeinschaft, denn der Bund gilt, was immer auch geschehen möge. Der Bund von 1291 versteht sich ausdrücklich als Friedensordnung, die dauerhaft gelten soll. 

Einem Bündnis wohnt etwas Statisches inne. Dies betrifft jedoch nicht so sehr den Inhalt, der – Belege dafür sind bereits die vielen späteren Bundesbriefe und später die Bundesverfassung – sich laufend ändert und auf die Anforderungen der Zeit reagiert. Das Statische betrifft den Charakter. Der Bund ist Ausdruck von Verbun denheit, Einigkeit und Verbindlichkeit und dient dem Frieden. 

Alles andere als ein Deal

Ein Bund ist kein Deal. Beim Deal zählt nicht nur der Inhalt, sein Charakter kann sich jederzeit ändern, wenn sich die Machtverhältnisse verschieben. Ein Bund geht von Gleichberechtigung aus, Deals kümmern sich nicht darum. 

So sind die Menschen in jeder Zeit wieder gefordert, den gemeinsamen Nenner zu finden.

So sind die Menschen in jeder Zeit wieder gefordert, den gemeinsamen Nenner zu finden. Eine Sisyphus-Aufgabe, die nie zu einem Ende kommt. Eine Aufgabe, für die eigens die Demokratie in spezifischer Schweizer Prägung entwickelt wurde, mit jährlich vier Abstimmungsterminen, bei denen sogar die Verfassung laufend geändert wird. Diese Dynamik gewährleistet, dass wir uns nicht auf dem Erreichten ausruhen, uns selbstzufrieden zurücklehnen und später feststellen müssen, dass wir Entwicklungen verpasst haben und abgehängt worden sind. 

Beständig ist der Wandel

Wir bleiben dank der Anpassungsfähigkeit des Bundes nicht nur up to date. Wir tragen vielmehr dem Beständigsten, nämlich dem Wandel, Rechnung. Wir wissen stets, dass es das Bessere gibt. Und wir bleiben ihm auf der Spur, geben uns mit dem Guten nicht zufrieden. Garant dafür ist nicht irgendjemand. Als Garant wird sowohl im Bundesbrief 1291 als auch in der Verfassung Gott genannt. 

Meistens wird dies verkürzt verstanden: Gott garantiert den Bestand. Das tut er auch, aber nicht nur. Gott weist über die Zeit hinaus, über das Heute in die Zukunft, ja sogar in die Ewigkeit. Er vereinigt alle Zeiten in sich. Und somit auch allen Wandel, alle Veränderungen, alle Anpassungen. Gott ist auch der Garant für das, was noch werden wird, für das Bessere, für das Mehr. 

Ein Land im Quadrat

Wollen wir dieses Versprechen auf einen Nenner bringen, dann verdichtet sich mir dies in der Schweizerfahne. Als einzige Landesfahne weltweit bleibt sie die gleiche, wie man sie auch wendet und dreht. Sie verdankt dies ihrer quadratischen Form. Die Schweiz im Quadrat sozusagen. Und das gilt nicht nur wörtlich, sondern auch im übertragenen, an die Mathematik angelehnten Sinne. 

Die Schweiz im Quadrat potenziert sich selbst. Sie ist mehr als die vergangene und heutige Realität. Sie ist auch das, was sie noch werden kann. Sie ist ein Versprechen auf mehr.

Anders Stokholm ist Pfarrer in Erlenbach und Präsident der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Bis 2025 war er Stadtpräsident von Frauenfeld.