Die Nachhaltigkeitsinitiative, die am 14. Juni zur Abstimmung gelangt, will die Einwohnerzahl der Schweiz auf zehn Millionen Personen beschränken. Den hitzigen Abstimmungskampf prägen vorab wirtschaftliche Argumente. Die Arbeitsmigration ist der stärkste Treiber des Bevölkerungswachstums.
Die Menschlichkeit bewahren
Dennoch verlangt die Initiative, dass zuerst Massnahmen im Asylbereich ergriffen werden, wenn die Schwelle von 9,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern überschritten wird. Deshalb hat sich das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) bereits im Dezember zu Wort gemeldet. Es wolle sich dafür einsetzen, dass die Schweiz offen bleibe für Menschen, die hier arbeiten oder Schutz suchen: «Ohne Zuwanderung kein Wohlstand, ohne Flüchtlingsschutz keine Menschlichkeit.»
Keine Stellungnahme publiziert hingegen der Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Auch die katholische Bischofskonferenz verzichtet auf eine Parole. Gegen die Halbierungsinitiative hatte die EKS noch Stellung bezogen. Zur Höhe der Fernsehgebühren meldete sich die Kirche also zu Wort, wenn eine maximale Bevölkerungszahl in die Verfassung geschrieben werden soll, schweigt sie.
Die andere Wirklichkeit
Von der Initiative sei Kirche «als Institution nicht unmittelbar betroffen», obwohl die aufgeworfenen Fragen «theologisch höchst relevant» seien, sagt EKS-Präsidentin Rita Famos. Sie verweist zudem auf Stellungnahmen der EKS zur Masseneinwanderungsinitiative 2014 und Begrenzungsinitiative 2020. «An den Fragestellungen hat sich seither wenig geändert», sagt Famos. Die Halbierungsinitiative habe das Kriterium der unmittelbaren Betroffenheit der Kirche erfüllt, weil Sendegefässe wie das «Wort zum Sonntag» oder Fernsehgottesdienste gefährdet gewesen seien.
Ein Positionspapier veröffentlichen wird die Gesellschaft Minderheiten Schweiz (GMS), kündigt ihr Präsident Christoph Sigrist gegenüber «reformiert.» an. Die Schweiz sei ein Flickenteppich. Sie funktioniere über Begegnungen, nicht über eine Zahl. Die Initiative blende aus, dass «jene, die Haus, Herd und Heim sauber halten, früh am Morgen arbeiten, die Städte pflegen und dafür sorgen, dass alles läuft, fast ausschliesslich Menschen mit Migrationshintergrund sind», sagt Sigrist.
Wertesystem unter Druck
Ende 2025 wurde die Grenze von neun Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen bereits überschritten. Hält das Wachstum an, müsste der Bundesrat nicht nur im Asylwesen Einschränkungen vornehmen, auch das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der Europäischen Union wäre gefährdet.
Famos sagt, dass die Initiative zwar zentrale Fragen stelle, aber keine Lösung anbiete. Die Zuwanderung verändere die soziokulturelle und religiöse Zusammensetzung der Gesellschaft rasant. Dass die Entwicklung die Befürchtung wecke, «ob wir unsere kulturellen Errungenschaften bewahren können und die Integrationsfähigkeit des Schulsystems nicht überdehnt wird», kann Famos nachvollziehen. Sie teile die Sorge, «wie wir das Wertesystem unserer liberalen und freien Gesellschaft aufrechterhalten können».
Minderheiten in Gefahr
Sigrist beobachtet, dass die Angst vor dem Bevölkerungszuwachs gezielt bewirtschaftet wird. «Das ist gefährlich, weil daraus eine Dynamik entsteht, die Minderheiten ausschliesst.» Der Theologe nimmt die Kirche in die Pflicht: «Eine Minderheit zu sein, ist ein Menschenrecht.» Die Kirche selbst sei mittlerweile zur Minderheit geworden.
Es ist davon auszugehen, dass die EKS zurückhaltend bleibt vor Abstimmungen. Sie wolle eine Debatte ermöglichen, «statt einfach Parolen zu fassen», erklärt Rita Famos.
