Die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative will die Bevölkerung bis 2050 auf maximal zehn Millionen begrenzen. Was steckt dahinter?
Christoph Sigrist: Der Begriff Nachhaltigkeit klingt gut. Aber wir wissen aus der Geschichte, dass ökologische Argumente immer wieder instrumentalisiert werden, um Ausländerinnen und Ausländer zu Sündenböcken zu machen. Ich kann diese Initiative nicht anders lesen. Im Fokus stehen Minderheiten, insbesondere unsere muslimischen Schwestern und Brüder. Solche Instrumentalisierungen sind Gift für unser gesellschaftliches Zusammenleben. Es vergiftet auch die humanitäre Tradition der Schweiz, die immer davon gelebt hat, dass Minderheiten zum Reichtum dieses Landes beitragen.
Die Initiative setzt eine Obergrenze von zehn Millionen und beschreibt weiteres Wachstum als Problem. Sie hingegen erwähnen eine Schweiz, die vom Beitrag von Minderheiten lebt. Das ist ein Gegensatz.
Die Schweiz funktioniert nicht über eine Zahl, sondern über Begegnungen. Sie ist ein Flickenteppich. Denken Sie etwa an die reformierten Flüchtlinge, die Bullinger aufgenommen hat. Sie haben den Reichtum Italiens und des Tessins nach Zürich gebracht. Und das war tatsächlich nachhaltig, hier hat das Wort seine Berechtigung. Oder schauen Sie ganz einfach den Alltag an. Diejenigen, die Haus, Herd und Heim sauber halten, die frühmorgens arbeiten, unsere Städte pflegen und dafür sorgen, dass alles läuft, das sind fast ausschliesslich Menschen mit Migrationshintergrund. Diese Realität wird oft ausgeblendet.
Die Initiative will ab 9,5 Millionen Einwohnern gegensteuern, notfalls auch mit der Kündigung internationaler Verträge wie der Personenfreizügigkeit.
Das zeigt eine grosse Blindheit gegenüber der Realität. Unsere Gesellschaft wird jeden Tag von Menschen getragen, die wir politisch kaum sehen. Wer die Infrastruktur instand hält, wer sorgt, wer pflegt, das sind vielfach Minderheiten. Dass diese Realität verdrängt wird, erstaunt mich immer wieder. Es ist nicht nur Doppelmoral, es ist eine bewusste Instrumentalisierung.
Viele Menschen erleben aber Druck. Steigende Mieten, volle Züge, Verdichtung. Können Sie deren Ängste nicht auch verstehen?
Diese Wahrnehmung ist real. Ich habe als Pfarrer sehr viele Gespräche geführt, in denen Menschen gesagt haben, sie hätten Angst, dass es zu viel wird. Diese Angst gehört zur DNA unserer Gesellschaft, so wie der Zweifel zum Glauben gehört. Aber diese Angst wird von den politischen Kräften, ob sich ihre Exponentinnen und Exponenten rechts oder links positionieren, ganz gezielt bewirtschaftet, was gefährlich ist. Die Corona-Pandemie hat das massiv verstärkt. Daraus entsteht eine Dynamik, die Minderheiten ausschliesst.
