Die AfD verspricht ein anderes, ein besseres Deutschland.
Im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt hat man gut gesehen, dass diese Partei ein anderes Lebensgefühl vermittelt: nicht mehr nur dieses destruktive Gefühl im Stil von «Ich will alles brennen sehen», sondern Hoffnung – der Glaube, dass mit ihr eine neue, andere Zukunft möglich ist. Das ist neu für die AfD: dass sie diese Wut mit einer Hoffnungserzählung kombiniert. So verströmt sie viel positiven Drive. Das, was jetzt passiert, ist sehr gefährlich.
Warum ist die Hoffnungserzählung gefährlich?
Das Angebot der AfD an die weisse, deutsche Mehrheitsgesellschaft ist: Wir werten dich auf, indem wir andere abwerten – also vor allem Migrantinnen und queere Menschen. Das ist eine Idee von Gesellschaft als Nullsummenspiel. Was der eine gewinnt, muss die andere verlieren. Es ist eine Vorstellung von Gesellschaft, die Menschen gegeneinander aufhetzt und unserem christlichen Glauben diametral entgegensteht. Wir glauben an ein Leben in Fülle. An Liebe, die, wenn man sie teilt, mehr wird.
Sie sprechen von einer «rechten Normalität» in Teilen Ostdeutschlands. Woran zeigt sich diese im Alltag?
Rechtsextreme Demos haben sich um neue Gruppierungen erweitert. Es ist unglaublich, was auf den Strassen manchmal für ein Mix an Leuten zusammenkommt: Rentner und junge Mütter laufen mit ihren Kindern neben Baseball-Schläger-Typen mit. Spreche ich sie dann darauf an, kommen Antworten wie: Das war doch keine Nazi-Demo! Fakt ist: Auch Leute, die nicht so aussehen, können rechtsextreme Positionen vertreten.
In den vergangenen Monaten gab es in Cottbus wiederholt rechtsextreme Gewalttaten. Im Visier stehen vor allem kulturelle Orte, die Offenheit, Vielfalt und alternative Lebensentwürfe thematisieren. Wie erleben Sie die Stimmung aktuell in Cottbus?
Wir erleben eine neue Welle rechtsextremer Gewalt. Sie ist nicht nur intensiver geworden, sondern auch brutaler. Das reicht von Beleidigungen, Markierungen mit Hakenkreuzen von Orten wie der Synagoge in Cottbus bis zu regelmässigen Übergriffen auf offener Strasse. In Cottbus gab es neulich einen Anschlag auf ein linkes Wohnprojekt, die «Zelle 79». Es gab einen grossen Knall mitten in der Nacht. Dann hat eine Bewohnerin das Fenster aufgemacht und gefilmt. Daraufhin hat einer der Täter einen Molotow-Cocktail gezündet und versucht, ihn durch das offene Fenster zu werfen. So was macht mir Angst.
Als Sie noch Pfarrer in Spremberg waren – einer Hochburg Rechtsextremer in der südbrandenburgischen Lausitz –, hissten Sie die Regenbogenfahne an der evangelischen Kirche. Nachts flog ein Molotow-Cocktail gegen den Glockenturm. Kurz darauf wurden Sie auch persönlich bedroht. Wie haben solche Anfeindungen Sie verändert?
Damals hat mich das aus der Bahn geworfen. Ich war monatelang krankgeschrieben. Ich habe darauf gewartet, dass sich Leute mit mir solidarisieren. Mein Bischof und Freunde haben das gemacht. Aber von manchen Leuten kam nichts. Darüber war ich sehr enttäuscht. Ich bin aber auch selbst in der Opferrolle stecken geblieben, bin verstummt. Diese passive Rolle hat mir nicht gutgetan. Ich habe mich selbst zum Schweigen gebracht.
Wie kamen Sie da raus?
Irgendwann habe ich gemerkt: Ich muss wieder ins Handeln kommen. Es ist eine Auferstehungserfahrung, wenn man wieder lebendig wird und ins Handeln kommt.
Gab es einen Moment, in dem Sie ernsthaft überlegt haben, aufzuhören oder wegzuziehen?
Solche Gewalterfahrungen sind Wendepunkte. Da entscheidet sich, ob man gestärkt oder geschwächt aus einer Situation rausgeht. Verwundet ist man auf jeden Fall. Aber auch auf eine Weise, dass man seine Wunde mit Stolz trägt. So ergeht es mir: Ich bleibe nicht in der Opferrolle. Ich habe akzeptiert, dass ich vieles gerade nicht verändern kann. Aber dass sich manchmal mehr verändern kann, als ich zuvor dachte.
Sie engagieren sich im Bündnis «Sichere Orte Südbrandenburg». Was ist das für ein Netzwerk und was machen Sie da konkret?
Das ist ein Solidaritätsnetzwerk für von rechtsextremer Gewalt betroffene soziokulturelle Orte wie Jugendclubs, Hausprojekte, Kulturorte. Wir machen Angriffe öffentlich und unterstützen uns ganz praktisch untereinander, etwa bei Reparaturarbeiten oder dabei, den Alltag nach einem rechten Angriff zu bewältigen. Wir stellen zudem konkrete Forderungen an Politik und Polizei. Neulich haben wir durchgebracht, dass es in Cottbus bald wieder eine Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt geben wird. Ich bin Sprecher unseres Bündnisses, weil die Leute mir sagen: Du als Pfarrer bist besser geschützt. Das ist eine Rolle, die ich mit meiner Kirche im Rücken gut wahrnehmen kann. Ich stelle meinen Dienst gerne Bündnissen und Menschen zur Verfügung, die das verdient haben und die ich damit stärken kann.
Was erleben Sie in dieser Netzwerkarbeit?
In den letzten zwei Jahren bin ich trotz allem zuversichtlich geworden. Das gehört auch zur Stimmung in dieser Stadt. Einerseits ist da dieses schmerzhafte Eingeständnis, dass wir diese rechtsextreme Gewalt gerade nicht verhindern können. Wir können uns jedoch gegenseitig unterstützen und gehen manchmal sogar gestärkt aus solchen Angriffen hervor, weil wir verbundener sind. Überraschenderweise bekommen wir sehr viel Zuspruch. Auch von weit weg.
Woher kommt dieser Zuspruch?
Wir haben zu Spenden aufgerufen. Für zerbrochene Fenster beispielsweise. Und dann kommen sie sogar aus den USA, aus Tschechien und aus Österreich. Dass diese Leute unseren Aufruf wahrgenommen haben und handeln, das hat mich extrem berührt. Zudem haben wir dazu aufgerufen, Postkarten zu schreiben an jene Orte, die von Rechtsextremen angegriffen wurden. Daraufhin erhalte ich einen Brief aus der deutschen Gemeinde in Dublin. Sie schreiben: «Wir haben das mitbekommen, wir denken an euch.»