Mit Vogelgezwitscher die Schwere des Kriegs abstreifen

Ausstellung

Was geht uns Krieg an und was macht er mit uns? In einer Führung durch die Ausstellung «Wir und der Krieg» setzt sich eine Schulklasse  mit diesen Fragen auseinander. 

Eben noch lernten sie bei einem Rundgang durch die TV-Studios von SRF im Rahmen des Berufswahlunterrichts verschiedene Medienberufe kennen. Bevor es zurück nach Bern geht, steht für die 7. Klasse im Zürcher Landesmuseum eine Führung durch die Ausstellung «Wir und der Krieg» auf dem Programm. Ein Museumsführer begrüsst die quirligen 12- bis 14-Jährigen an diesem sonnigen Mai-Nachmittag im Foyer. Während die einen die Tour nicht schnell genug beginnen können, sind die anderen «noch vor dem Spiegel», wie Lehrerin Lena Thierstein mit trockenem Humor bemerkt und auf die Toilette deutet. 

Flott geht es nun die Treppen hinauf. Die Ausstellung sei wie ein Buch in fünf Kapitel gegliedert, erfahren die Jugendlichen. Im ersten Raum geht es darum, wie Mythen entstehen, sich Erinnerung materialisiert und im Laufe der Zeit wandelt. 

Vor einem Schulwandbild von 1939, das die siegreichen Eidgenossen bei der Schlacht von Murten von 1476 zeigt, setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit der Wirkung dieser Darstellung auseinander. Sie vermittle das Bild einer wehrhaften, starken Schweiz und demonstriere Stärke, sind sie sich einig. 

Gegenüber und im Kontrast dazu hängt wandfüllend eine Tapisserie zur Schlacht bei Pavia von 1525. Sie ist erstmals in der Schweiz ausgestellt ist und eröffnet eine andere Perspektive: Die Klasse entdeckt darauf Schweizer Söldner, einigende liegen blutend am Boden, andere springen in den Fluss und ertrinken.

An zahlreichen Exponaten vorbei, die deutlich machen, wie sehr kriegerische Auseinandersetzungen die Geschichte der Schweiz bis heute geprägt haben, geht es in den nächsten Raum. In kurzen Abständen stellt der Museums-Guide Fragen, über die sich die Jugendlichen zunächst zu zweit oder zu dritt austauschen und anschliessend in der Gruppe diskutieren. Zum Beispiel: Wie entstehen Kriege und Konflikte? Was tat die Schweiz, als sie bedroht wurde. Was würdet ihr mitnehmen, wenn ihr flüchten müsstet? «Meine X-Box», meint ein Junge. «Handy und Ladegerät», antwortet jemand anderes. «Eine Decke.» 

Die Klasse steht nun um eine Vitrine. Darin sind Dinge zu sehen, die Menschen auf der Flucht über die Balkanroute verloren oder zurückgelassen haben: einzelne Kinderschuhe, ein Schlüssel, in Blistern verpackte Tabletten, zwei Feuerzeuge, eine Schoppenflasche. «Ein arabischer Pass», ruft jemand, «ein türkischer, kein arabischer», entgegnet eine Schülerin bestimmt. Rege wird diskutiert und gerätselt, weshalb ein so wichtiges Dokument wie ein Pass hier liegt. 

Unbehagen macht sich bei einigen Jugendlichen im Bereich des alpinen Réduits aus dem Zweiten Weltkrieg breit. Aus Lautsprechern dringen die Geräusche marschierender Truppen, dazwischen entferntes Sirenengeheul. Eine sich von Raum zu Raum verändernde Klangkulisse begleitet die gesamt Ausstellung. Als Bestandteil der Szenografie vermittelt sie eine diffuse, stetige Präsenz des Kriegs. 

Hier, zwischen Ausstellungsobjekten wie einer Felstarnung am Gotthard oder dem militärgrünen Geländewagen Haflinger, scheint die Beklemmung greifbarer zu werden. Thierstein kümmert sich um eine Schülerin, der ihr Unwohlsein deutlich anzusehen ist. Sie sei traurig und müsse an ihre Grosseltern denken, die den Jugoslawienkrieg erlebt hätten, sagt das Mädchen. 

Im letzten Teil der Ausstellung geht es um Handlungsspielräume, die Frieden und Sicherheit schaffen. Zu zweit ziehen die Jugendlichen mit einem Kärtchen los, suchen das Exponat, das darauf abgebildet ist und informieren sich darüber. Im Plenum erzählen sie, was sie beispielsweise über die Blauhelme, den Uno-Sitz in Genf oder das Rote Kreuz gelernt haben. Oder auch über den Wiener Kongress, die Neutralität oder die Kontroversen um Waffenexporte.

Den Abschluss bildet die Videoinstallation «Repeat after Me». Ukrainische Geflüchtete ahmen die Geräusche von Schüssen, Artillerie und Sirenen nach. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, die Klänge zu imitieren. Vier Mikrofone stehen bereit. «Was wäre für euch das Geräusch von Frieden?», fragt der Museumsführer, bevor er sich verabschiedet. «Vogelgezwitscher!» sagt jemand. Darauf pfeift und zwitschert die ganze Klasse für den Frieden. Dürfen wir endlich singen?», ruft ein Jugendlicher und greift zum Mikrofon. Doch die Führung ist zu Ende. Die Gruppe muss auf den Zug nach Bern. 

Im Nachhinein bedauert Lehrerin Thierstein, dass sie mit der Klasse nicht noch ein paar Minuten länger bei den Mikrofonen geblieben ist. «Ich bin sicher, die Jugendlichen hätte einen Song für den Frieden angestimmt, vielleicht ‘We are the world’ von Michael Jackson. Nach all dem Schweren in der Ausstellung hätte die Leichtigkeit gutgetan.» Überdies sei sie froh, dass der ukrainische Schüler nicht mit ins Museum gekommen sei. In der folgenden Woche will sie mit der Klasse über das Erlebte sprechen. 

Wir und der Krieg

Die Ausstellung «Wir und der Krieg» beleuchtet, wie bewaffnete Konflikte die Schweiz seit Jahrhunderten politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich prägen. Krieg ist Teil der Schweizer Geschichte und ebenso der Gegenwart. Er beeinflusst nationale Mythen, verschiebt wirtschaftliche Abhängigkeiten, verändert das soziale Gefüge und prägt politische Entscheidungen. Im Zentrum der Ausstellung stehen Fragen nach dem Selbstbild der Schweiz, nach Neutralität, humanitärem Engagement und wirtschaftlichen Verflechtungen. Historische Objekte, Bilder und multimediale Ausstellungsstationen machen sichtbar, wie sich Kriege auf die Schweiz auswirken. Die Schau lädt ein, die Rolle der Schweiz in einer konfliktreichen Welt neu zu betrachten. 

Bis 17. Januar 2027 

Landesmuseum.ch