Recherche 27. April 2023, von Tilmann Zuber/kirchenbote.ch

«Gerechtigkeit ist ein Name Gottes»

Theologie

Dorothee Sölle starb vor 20 Jahren. Sie war eine der profiliertesten Theologinnen des 20. Jahrhunderts, die viele Bereiche mit der Frage nach Gerechtigkeit zusammenbrachte.

Es war ein sonniger Nachmittag, als der Fotograf und ich uns den Weg zwischen den voll besetzten Tischen vor der Kartause Ittigen hindurch bahnten. Wir hielten Ausschau nach Dorothee Sölle, mit der wir einen Interviewtermin hatten. Kurz darauf entdeckten wir sie zusammen mit ihrem Ehemann Fulbert Steffensky. Bei einem Bier und Mineralwasser genossen sie die letzten Sonnenstrahlen.

Das Interview, das wir 2002 führten, sollte eines ihrer letzten sein. Am 27. April 2003 starb Dorothee Sölle, die profilierteste Vertreterin eines Protestantismus, der Menschlichkeit mit der Frage der Gerechtigkeit verband.

Auf ihrem Grabstein steht der Satz: «In deinem Licht sehen wir das Licht.» Aus Anlass ihres 20. Todestages bringen wir Auszüge aus dem Interview, das nichts an Aktualität eingebüsst hat.

Heute definiert die Ökonomie, was gilt. Ich fürchte die Realität einer totalitären Wirtschaft, die keinerlei Humanität mehr erlaubt.

Frau Sölle, reden wir von Ihren Anfängen: Woher kommt Ihr politisches Bewusstsein?

Dorothee Sölle: Ich komme aus einem bürgerlich-liberalen Elternhaus. Mein Vater war ein kritischer Jurist und wollte – ich denke, das war 1936 – aus der Kirche austreten. Meine Mutter sagte: «Hans, doch nicht jetzt!», und er ist in der Kirche geblieben. Beide Eltern waren gegen die Nazis. Diese Einstellung hat mir geholfen, Dinge schärfer zu sehen; sie hat mein Denken von Beginn an politisiert. 

Ihr bekanntestes Werk heisst «Mystik und Widerstand». Mystik richtet sich nach innen, Widerstand nach aussen.

Widerstand und Mystik waren für mich nie getrennt. Mir war stets klar, dass jeder Widerstand eine tiefere religiöse Begründung braucht. 

Fehlt es der Politik heute an Mystik, an Innenschau?

Das will ich nicht sagen. Aber die Aufmerksamkeit für den Nächsten ist das grosse Geschenk der jüdischen Religion an die Menschheit: Diese seltsame Idee, dass die Regeln, die in meinem Clan gelten, auch ausserhalb gelten, weil die anderen so sind wie ich, ist bedroht. Heute definiert die Ökonomie, was gilt. Ich fürchte die Realität einer totalitären Wirtschaft, die keinerlei Humanität mehr erlaubt. 

Das klingt apokalyptisch.

Die Hoffnung sind die Menschen. Für mich bilden [die Demonstrationen von] Seattle, Prag, Davos und Genua einen Wendepunkt. Hier signalisierte eine neue, junge Generation: «The world is not to sale.» Die Welt steht nicht zum Verkauf. Die Opposition wächst an vielen Stellen, weil die Globalisierung von oben auf die Ablösung der öffentlichen Dienste hinarbeitet: Schule, Krankenheime, Altersheime – alles soll privatisiert werden. Die Demonstrationen sind Zeichen des Widerstands gegen das subtile Terrorsystem des Neoliberalismus.

Fairness ist die Übersetzung von Gerechtigkeit in die globalisierte Weltsprache. Diese Fairness bedeutet, dass man sich hinunterbeugt zu den Ärmsten, um mit ihnen noch etwas nett zu sein.

Ist es nicht so, dass von der Globalisierung längerfristig alle profitieren können – auch die Ärmsten?

In den USA wurde ich manchmal bei meinen Vorträgen gefragt: Warum brauchen Sie das Wort «Gerechtigkeit» so oft? «Doesn’t it smell a bit of communism?» (Schmeckt es nicht ein bisschen nach Kommunismus?) Ich guckte den Fragenden jeweils an und sagte: Für mich schmeckt es nach Gott. Gerechtigkeit ist ein Name Gottes.

Der Neoliberalismus duldet diese Gerechtigkeit nicht. Fairness ist noch erlaubt: Fairness ist die Übersetzung von Gerechtigkeit in die globalisierte Weltsprache. Diese Fairness bedeutet, dass man sich hinunterbeugt zu den Ärmsten, um mit ihnen noch etwas nett zu sein. Mehr nicht. Die Ärmsten haben keine Rechte mehr. 

Erwarten Sie von den Kirchen mehr Widerstand?

Es gibt ja eine ganze Reihe von Christinnen und Christen, die anders denken und etwas unternehmen. Die Kirchenleitungen hingegen sind sehr zurückhaltend, obwohl das Programm «Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung» weiterhin gültig ist. 

Ihre Art, von Gott zu reden, hat Widerstand hervorgerufen. Andererseits hat sie Generationen ein neues Reden über Gott überhaupt erst möglich gemacht. Wie sind Sie darauf gekommen?

Zum Einen: Ich bin jemand, der versuchte, nach Auschwitz theologisch zu denken. Nach Auschwitz konnte ich mir diesen himmlischen Vater nicht mehr vorstellen, der alles so herrlich regieret und der doch, sozusagen per Knopfdruck, die Züge, die ins Konzentrationslager fuhren, hätte stoppen können.

Zum Anderen ist da der Besuch bei Martin Buber anno 1960. Als ich mich als Theologin vorstellte, fragte Buber: «Theologie? Wie machen Sie das? Es gibt doch keinen Logos von Gott. Es gibt eine Dentologie, die Zahnheilkunde; es gibt viele Logien, haufenweise Wissenschaften – aber man kann doch nicht auf diese Art von Gott reden.»

Dieses Erlebnis hat mich tief getroffen. Ich habe in meinem Leben darauf zwei Antworten gefunden. Die eine ist die jüdische: Wenn ich in einer Geschichte von Gott erzähle, teilt dies viel mehr mit als jede philologische Schläue. Die andere ist die Theopoesie. Ich versuche, Texte zu schreiben, in denen etwas davon sicht- und hörbar wird, was über den Logos hinausgeht – also ein Suchen in der Transzendenz.  

Ich hoffe, dass man künftig gemeinsam zum Abendmahl geht – das wollen die Menschen, denn sie lieben Christus und nicht die Bischöfe.

Sie haben ein halbes Jahrhundert Theologiegeschichte geprägt: Welches Christentum hat Zukunft?

Das Christentum, das Zukunft haben wird, wird drei Qualitäten haben. Es wird, erstens, ökumenisch sein: Man sollte die Ökumene beschleunigen. Ich hoffe, dass man künftig gemeinsam zum Abendmahl geht – das wollen die Menschen, denn sie lieben Christus und nicht die Bischöfe.

Zweitens: Das Christentum wird feministischer sein. Da hat sich innerhalb der Kirchen schon einiges geändert. Aber es reicht noch nicht. Wir brauchen mehr Gottesdienstformen, die von Frauen gestaltet werden, und mehr Einfluss auf Segenshandlungen. Es braucht eine Integration der Frauen – nicht, damit diese Karriere machen können, sondern damit die Kirche wirklich die Kirche Jesu Christi wird.

Das dritte Element ist die Mystik: Es ist ein Fehler der traditionellen Kirche, vor allem des Protestantismus, Aktivität und Passivität so merkwürdig zu verteilen. Der Friedensbewegung wollte die Kirche weismachen, das Entscheidende liege nicht in der Macht der Menschen, das müsse Gott tun. Ich halte dies für falsch. Die Einung zwischen dem Willen Gottes und unserem ist möglich und wird den Menschen stärken, das hat schon die mittelalterliche Mystikerin Teresa von Avila verstanden: 

Gott hat keine anderen Arme
als unsere,

er hat keine anderen Augen
als die unsrigen.

Was wir nicht sehen,
wird nicht gesehen.

Was wir nicht hören,
wird nicht gehört. 

Sie sind über siebzig, halten Vorträge, kämpfen für Gerechtigkeit ...

Es gibt einen wunderbaren Spruch von den Quäkern: «Jeder kann sein grenzenlos glücklich, absolut furchtlos und immer in Schwierigkeiten.» Das ist das, was alle Christen und Christinnen, die ich bewundere, erleben. Die sitzen nicht gemütlich vor dem Fernseher und verfolgen staunend, was in der Welt geschieht.

über auferstehung

Sie fragen mich
nach der auferstehung
sicher sicher
gehört hab ich davon
dass ein mensch dem tod nicht mehr entgegenrast
dass der tod
hinter einem sein kann
weil vor einem die liebe ist
dass die angst hinter
einem sein kann
die angst
verlassen zu bleiben
weil man selber –
gehört hab ich davon –
so ganz wird
dass nichts da ist
das fortgehen könnte
für immer

Ach fragt nicht
nach der auferstehung
ein märchen
aus uralten zeiten
das kommt dir
schnell aus dem sinn
ich höre denen zu
die mich austrocknen und kleinmachen
ich richte mich ein
auf die langsame gewöhnung ans totsein
in der geheizten wohnung
den grossen stein vor der tür

Ach frag du mich
nach der auferstehung
ach hör nicht auf
mich zu fragen

 

Aus: «Fliegen lernen» von Dorothee Sölle. Gedichte,
Berlin: Verlag Fietkau 1994