Schwerpunkt 25. Januar 2022, von Hans Herrmann, Katharina Kilchenmann, Nicola Mohler, Fotos: Gerry Nitsch

Zwischen Konkurrenz und Liebe

Geschwister

Die Bibel erzählt viele Geschwistergeschichten. Harmonisch geht es darin selten zu. Oft werden in den Familien existenzielle Kämpfe ausgefochten um Erbe oder Gottes Segen.

Genesis 4,1–16: Die Rache des entthronten Erstgeborenen

Die Geschichte von Kain und Abel, dem ersten Geschwisterpaar der Bibel, laut Genesis den ersten Kindern der Menschheitsgeschichte überhaupt, zeigt deutlich: Geschwisterbeziehungen sind anspruchsvoll.

Als Erstgeborener von Adam und Eva erlebt Kain nach der Geburt seines Bruders das klassische Drama, das Erstgeborene erleben: Die Entthronung kränkt das einstige Einzelkind. Wenn vorher sämtliche Lie­be und Aufmerksamkeit der Eltern ihm gegolten hat, muss er sie nun mit Abel teilen. Kain leidet darunter, und seine Eifersucht bestimmt immer mehr sein Leben.

Von Gott übergangen

Auch Gott scheint den kleinen Bruder mehr zu mögen als Kain. Wa­rum sonst nimmt er Abels Opfergaben an und jene des Erstgeborenen nicht? «Und der Herr sah auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer sah er nicht» (Gen 4,4). Kain kocht vor Wut. Diese Zurückweisung ist eine zu viel. Er verliert die Kontrolle, lockt den Bruder aufs Feld und erschlägt ihn.

Die allererste Familiengeschichte in der Bibel zeigt bereits das Konfliktpotenzial auf, das in dieser Kon­stellation liegt. Der Neid treibt Kain zum Äussersten, dem Brudermord. Gott zeichnet den Mörder nach der Tat mit dem Kainszeichen, das  ihn schützen soll vor der Rache der anderen Menschen. Dass er mit seiner Schuld leben muss, ist offensichtlich Strafe genug.

Genesis, 25,19–33,20: Den blinden Vater ausgetrickst

Schon im Bauch gehen die Zwillinge aufeinander los. Und tatsächlich könnten die Brüder unterschiedlicher nicht sein: Der behaarte Esau ist ein Draufgänger und wird Jäger. Jakob hingegen ist gern zu Hause und kocht. Während Esau der Liebling seines Vaters Isaak ist, vergöttert Rebekka den stillen Jakob.

Esau hat als Erstgeborener verschiedene Privilegien in der Familie, Jakob macht sie ihm streitig. Ein­mal erpresst er den Bruder: Er bekomme nur zu essen, wenn er sein Erstgeburtsrecht abtrete. Esau willigt ein, so gross ist sein Hunger und «so gering achtet er das Erstgeburtsrecht» (Gen 25,34).

Später erschleicht sich Jakob mit­hilfe der Mutter den Segen des Vaters. Rebekka hört, wie Isaak Esau den Segen verspricht. Er soll ihm ein Wild erjagen und des Vaters Lieb­lingsgericht kochen. Sofort schickt Rebekka Jakob zur Herde mit dem Auftrag, zwei Zieglein zu bringen. Jakob tritt in den Kleidern seines Bruders mit dem von der Mutter gekochten Gericht vor seinen blinden Vater. Weil Isaak glaubt, seinen Favoriten Esau vor sich zu haben, segnet er dessen Zwillingsbruder.

Küsse statt Revanche

Der betrogene Esau schwört Rache. Um Jakob zu retten, überzeugt Rebekka ihren Mann, ihn zur Brautsuche zum Schwager zu schicken.

Die Brüder leben danach jahrelang getrennt. Jakob fürchtet den Zorn des Bruders, als er in das Heimatland zurückkehrt, und will ihn mit Geschenken besänftigen. Als die Brüder sich begegnen, wirft Jakob sich «sie­benmal zur Erde nieder» (Gen 33,3). Doch Esau umarmt und küsst ihn. Die Zwillinge, die beide die Gna­de Gottes gefunden haben, die sich im wirt­schaft­lichen Glück zeigt, ver­söhnen sich.

Lukas 10,38–42: Die WG zweier ungleicher Schwestern

Marta und Maria leben zusammen mit ihrem Bruder Lazarus im Haus der verstorbenen Eltern, das der Le­gende nach in Bethanien steht, einer Ortschaft südöstlich von Jerusa­lem. Die drei Geschwister sind eng miteinander verbunden und genies­sen ihre unkonventionelle Lebensform, unverheiratet und ohne Kinder einen Hausstand zu teilen.

Eines Tages hören sie, dass ein Mann namens Jesus von Nazareth im Dorf sei. Sie besuchen ihn und sind fasziniert von seinen Geschichten, die von Gott, Liebe und Versöhnung erzählen. Tief beeindruckt laden sie ihn und seine Jüngerinnen und Jünger ein, bei ihnen im Haus zu wohnen. Dank ihrer Gastfreundschaft wird Jesus ein gemeinsamer Freund. Und immer wenn er wieder in der Gegend predigt, ist er zu Gast in dieser Wohngemeinschaft.

Umgekehrte Vorzeichen

Allerdings schleicht sich unter den beiden Schwestern eine festgefahrene Rollenverteilung ein, die zum Konflikt führt. Wenn Jesus zu Gast ist und erzählt, übernimmt Marta sämtliche Haushaltspflichten: Sie kocht, holt Wasser und richtet die Betten her. Maria hingegen sitzt nah beim hochwillkommenen Gast und lauscht seinen Geschichten.

Marta ist verärgert. Bei Jesus beklagt sie sich deshalb über ihre faule Schwester: «Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Bewirtung mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie sol­le mir zur Hand gehen» (Lk 10,40). Doch statt Maria in die Küche zu schicken, redet Jesus der fleissigen Gastgeberin ins Gewissen: «Marta, Marta, du sorgst und mühst dich um vieles, doch eines ist nötig. Maria hat das gute Teil erwählt, das soll ihr nicht genommen werden» (Lk 10,41–42).

Schätzt Jesus die Arbeit der Gastgeberin gering? Oder will er mit seinem Tadel die Geschlechterrollen seiner Zeit infrage stellen? Und würde er die Geschichte heute vielleicht anders erzählen und Martas Care-Arbeit aufwerten? Die Erzählung lässt viele Deutungen zu. Jedenfalls zeigt sie, wie die Schwestern auf unterschiedlichen Wegen die Nähe Jesu suchen. So verschieden, wie Schwestern nun mal sein können.

Genesis, 29,1–35,20: Mit der falschen Frau im Bett

Jakob begehrt Rahel und will sie heiraten. Doch er muss sich seine Frau zuerst verdienen. Sieben Jahre arbeitet er für seinen künftigen Schwiegervater Laban. Dann endlich kommt der Hochzeitstag.

Nach der Hochzeitsnacht merkt Jakob entsetzt, dass er statt mit Rahel mit deren älterer Schwester Lea geschlafen hat. Hinter dem Betrug steckt der Schwiegervater. Laban hat­te sich der Tradition gebeugt und dafür gesorgt, dass die erstgeborene Tochter zuerst heiratet. Jakob geht erneut einen Deal ein. Eine Wo­che verbringt er mit Lea, dann erhält er seine Traumfrau.

Vorerst scheint die Zweckehe und nicht die Liebesheirat den Fortbestand zu sichern. Denn Gott stärkt die Stellung der ungeliebten Frau: «Der Herr aber sah, dass Lea zurück­gesetzt war, und er öffnete ihren Schoss, während Rahel unfruchtbar blieb» (Gen 29,31). Weil Rahel nicht schwanger wird, bittet sie Jakob, mit der Magd Bilha ein Kind zu zeugen. Sie erhofft sich, über den Umweg einer Leihmutter zu Kindern zu kommen.

Wettstreit des Gebärens

Die beiden Schwestern Rahel und Lea begeben sich in einen Wettstreit des Gebärens und buhlen um die Gunst ihres Mannes. Nach der Geburt der Kinder der Magd bringt Lea drei weitere Kinder zu Welt. Dann endlich wird auch Rahel Mutter. Josef, mit dem Gott Grosses vorhat, kommt zur Welt. Doch Rahels spätes Mutterglück währt nicht lan­ge. Sie stirbt bei der Geburt des zwei­ten Sohnes Benjamin.

Trotz der Konkurrenz erkennt die Theologin Margot Kässmann Solidarität in der Beziehung der beiden Schwes­tern. Sie helfen Jakob, als er heimlich wegwill vom eifersüchtigen Schwiegervater. Sie sind bereit, den von Jakob erworbenen Reichtum zu teilen. Das Gefühl des Miteinander werde durch die Spannungen nicht zerstört. Die Schwester bleibt die Schwester.

Margot Kässmann: Geschwister der
Bibel. Geschichten über Zwist und Liebe.
Herder-Verlag, 2019, 176 Seiten

Numeri 12,1–16: Geschwister proben den Aufstand

Aaron ist wortgewandt, das hat er bei Unterredungen mit dem ägyptischen Grosskönig bereits mehrmals bewiesen. Zudem besitzt er einen Stab mit besonderen Kräften. Seine Schwester Mirjam wird in der Bibel sogar als Prophetin bezeichnet: «Da nahm die Prophetin Mirjam, die Schwester Aarons, die Trommel in ihre Hand, und alle Frauen zogen hinter ihr hinaus mit Trommeln und in Reigentänzen. Und Mirjam sang ihnen vor» (Ex 15,20–21).

Das Geschwisterpaar spielt in der biblischen Geschichte über die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Knechtschaft eine bedeutende Rolle. Die alles überragen­de Gestalt ist allerdings ihr Bruder Mose, der das Volk durch die Wüste führt und über einen ganz besonderen Draht zu Gott verfügt.

Die Mischehe als Hypothek

So kommt es, wie es im Leben häufig kommt: Zwei Geschwister, die sich zurückgesetzt fühlen, verbünden sich gegen den Dritten, den do­mi­nanten Bruder, der scheinbar nach Belieben schaltet und waltet. Mirjam und Aaron kritisieren Mose wegen seiner Mischehe mit einer ku­schi­tischen, sprich afrikanischen Frau und weisen darauf hin, dass Gott nicht allein mit ihm, sondern ebenso mit ihnen gesprochen habe. Also stünden auch sie in einem besonderen Verhältnis zu Gott.

Für ihren Neid müssen sie büssen: «Und der Zorn des Herrn entbrannte gegen sie, und er ging. Als aber die Wolke vom Zelt gewichen war, sieh, da war Mirjam von Aussatz überschneit» (Num 12,9–10).

Nachdem Mose auf Aarons Bitte für die Schwester betet, darf sie nach siebentägiger Quarantäne genesen in die Gemeinschaft zurückkehren. Ob vom Familienstreit aber seelische Wunden zurückbleiben, lässt die Bibel offen.