Die römisch-katholische Kirche diskriminiert Frauen strukturell. Macht dies einen Unterschied für Leadership?
Simone Curau-Aepli: Selbstverständlich. Frauen und nicht-geweihte Männer sind per se von einem wesentlichen Teil von Leadership ausgeschlossen.
Sie haben in dieser diskriminierenden Struktur als Präsidentin vom Frauenbund Schweiz eine Leadership-Rolle innegehabt. Wie ging es Ihnen dabei?
Simone Curau-Aepli: In meinem Verband war ich nicht diskriminiert. Insofern habe ich einen Platz eingenommen, der mir offenstand und diesen habe ich gestaltet. Beauftragt von unten habe ich meine Aufgabe genau darin gesehen: mich einzusetzen für Wandel, strukturell und auch kulturell.
Die Freiheit, den eigenen Raum einzunehmen, gibt es also auch in einer diskriminierenden Struktur?
Simone Curau-Aepli: Nur begrenzt.
Sind Frauen in der EKS auf allen Ebenen gleichberechtigt?
Rita Famos: Formell schon. Frauen können – zumindest in der evangelisch-reformierten Kirche in der Schweiz – sämtliche Aufgaben übernehmen. Bis wir dahin gekommen sind, waren wir allerdings 100 Jahre unterwegs.
Dann ist aber die Frage, wie es um die tatsächliche Repräsentanz von Frauen in den Synoden, den Kirchenpflegen, den Pfarrämtern steht. Zwischen 40 und 50 Prozent der Sitze in den Synoden sind aktuell von Frauen besetzt, bei den kantonalen Präsidien haben wir elf Kirchenpräsidentinnen von insgesamt 25. Wir sind also noch auf dem Weg, bis die Verhältnisse wirklich paritätisch sind und die Teams wirklich gemischt. Wir haben eine relativ hohe Lohngerechtigkeit: Pfarrerinnen und Pfarrer verdienen gleich viel. Gleichzeitig gibt es stark von Frauen ausgeführte Kirchenberufe wie zum Beispiel Katechetinnen, die tiefer bezahlt werden.
Ist all das auch das Ergebnis von gutem Leadership in diesem letzten Jahrhundert, auch von Frauen?
Rita Famos: Es hat Lichtfiguren und Role Models gebraucht – aber ich will betonen, dass es das Ergebnis eines Teamworks ist. Da gab es zunächst bibellesende, gläubige Frauen, die schlicht nicht für wahr gehalten haben, dass sie Menschen zweiter Klasse sein sollten und begonnen haben, dies zu äussern. Dann waren da die theologisch arbeitenden, die vor allem die Bibel, die so lange patriarchal gelesen wurde, neu analysiert und geschlechtssensibel interpretiert haben. Auch brauchte es politische Entscheide in den Synoden, Kirchgemeinden und Kirchgemeindeversammlungen.
Haben Sie selbst ein Vorbild?
Rita Famos: Meine Mutter. Sie war alleinerziehend und hat sich und uns drei Geschwister allein grossgezogen. Für mich ist sie ein Vorbild, weil ich von Anfang an nie auf die Idee gekommen wäre in Frage zu stellen, dass eine Frau allein ihre Frau stehen kann. Bundesrätinnen, die frühen wie auch die gegenwärtigen, sind Vorbilder für mich. Aber auch Theologinnen wie Marga Bührig, oder die ersten Kirchenpräsidentinnen auf kantonaler Ebene, die Kirche selbstbewusst mitgestaltet haben.
Durch gutes Leadership müsste die Diskriminierung von Frauen in der römisch-katholischen Kirche doch ebenfalls überwunden werden können. Warum gelingt das nicht?
Simone Curau-Aepli: Realität ist, dass wir strukturell nicht den Hebel in der Hand haben. Natürlich darf frau so denken und auch so fragen. Persönlich frage ich mich manchmal, ob ich mir das überhaupt wünschen würde, dass der Papst als «Kopf» der römisch-katholischen Kirche mit einem Federstrich die Diskriminierung aufheben würde. Oder ob ich nicht doch den langen Weg weitergehen möchte.
Wie wirkt das von aussen auf Sie, Rita Famos?
Rita Famos: Ich finde, es gibt gute Signale, dass in der römisch-katholischen Kirche vieles auf dem Weg in die richtige Richtung ist. Immer mehr Frauen kommen in hochrangige Leitungsverantwortungen, das wird die Institution verändern. Und wie gesagt: Bei uns in der Kirche ist es 100 Jahre gegangen.
Sind Sie jetzt nicht einfach ein bisschen nett?
Rita Famos: Nein, ich bin nicht nett – ich meine das ernst. Es braucht einen sehr langen Atem. Ich habe in der DDR studiert und niemand hätte es für möglich gehalten, dass der Mauerfall eines Tages plötzlich passiert. Das hat meine Einstellung zu Prognosen, was möglich ist und was nicht, optimistischer gemacht.
Kein weibliches Leadership-Versagen also in der römisch-katholischen Kirche?
Rita Famos: Es ist kein Versagen der katholischen Frauen. Im Gegenteil: Ich bewundere alle meine katholischen Kolleginnen für ihren langen Atem. Und wir dürfen nicht vergessen: Die grosse Mehrheit der Kirchen und Institutionen weltweit sind immer noch patriarchal geprägt. Nicht nur in dieser einen Kirche, sondern auch bei den Orthodoxen, in vielen evangelikalen Strömungen, auch in den meisten anderen religiösen Traditionen. Der Weg ist für viele noch nicht zu Ende.
Simone Curau-Aepli: Wenn schon Versagen, dann muss ich festhalten: Der Fisch stinkt vom Kopf. Es handelt sich definitiv um ein institutionelles Versagen.
Rita Famos, Sie schreiben in Ihrem Beitrag: «Gleichberechtigte Teilhabe der Geschlechter an Leitungspositionen und Leitungsstrukturen ist kein Nice-to-Have, sondern ein theologischer Imperativ.» Wie begründen Sie diesen Imperativ?
Rita Famos: Aus dem Schöpfungsbericht und der Gottesebenbildlichkeit von Mann und Frau: Es gibt keine Legitimation dafür, dass gewisse Rollen nur von gewissen Geschlechtern ausgefüllt werden können. Der älteste Text in der Bibel, das Mirjamlied, ist von einer Frau, der Prophetin Mirjam – es ist übrigens ein Lied, keine Predigt, keine Katechese, kein ausformuliertes Glaubensbekenntnis. Im Römerbrief, Kapitel 16 sind Frauen genannt: Apostelin Junia, die Diakonin Phoebe, die Missionarin Priska – die ersten Ämter, die sich herauskristallisiert haben, waren da bereits von Frauen besetzt. Von der feministischen Relecture der Bibel her finde ich, eine Gesellschaft und eine Kirche vergibt sich etwas, wenn sie die Verschiedenheit der Geschlechter und Menschen nicht achtet. Die Führung einer Organisation oder Gesellschaft nur der Hälfte der Talente zu übergeben und per se den anderen Teil auszuschliessen, da geht Potenzial verloren. Und: Es ist schlicht nicht schriftgemäss.
Teilen Sie diese Einschätzung, Simone Curau-Aepli?
Simone Curau-Aepli: Ja natürlich. In meinem Beitrag nehme ich ebenfalls Bezug auf den Schöpfungsbericht. Ich sage nicht, dass Gott Mann und Frau geschaffen hat – sondern männlich und weiblich. Darum freut mich auch der Titel des Buches «Weibliche Perspektiven». Für mich sind das Adjektive, Wesensmerkmale, die in allen Menschen angelegt sind, in Männern, wie in Frauen, wie in jenen dazwischen und in jenen, die sich als gar nichts von alledem fühlen. In den letzten 2000 Jahren sind vor allem männliche Eigenschaften als Leadership gewürdigt worden. Die weiblichen Qualitäten sind etwas anderes und ich glaube, dass durch sie eine neue Dimension von Gesellschaft, Führung und Kirche aufgebrochen ist. Der Feminismus ist die grösste Revolution, die es bis jetzt gegeben hat, und noch dazu eine nachhaltige
Rita Famos: und eine gewaltfreie. Übrigens möchte ich noch ergänzen zur theologischen Begründung der Gleichberechtigung: Im ältesten Glaubensbekenntnis aus dem Galaterbrief, Kapitel 3, Vers 28 heisst es: «Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht männlich noch weiblich; denn ihr seid allesamt eins in Christus Jesus.» Und dieser Christus, als er in den Himmel aufgefahren ist, hat keinen Stellvertreter ernannt. Er hat Jünger und Jüngerinnen beauftragt – das finde ich wichtig in Bezug auf den theologischen Imperativ.
Ihr Beitrag im Buch, Simone Curau-Aepli, beginnt mit der Angst, nicht sicher zu sein, ob Sie das überhaupt können – über Leadership zu schreiben. Woher kommt diese Angst?
Simone Curau-Aepli: Ich glaube, wir Frauen tragen da einen grossen, schweren Rucksack: Über Generationen ist uns vieles nicht zugetraut worden.
Frauen-Fussball ist ein gutes Thema, noch bis in die 1970 Jahre ging es nicht darum, ob Frauen Fussball spielen können, sondern ob sie es dürfen. Ich zum Beispiel durfte als Kind nicht ministrieren: Menstruieren durfte ich später dann, ministrieren nicht. Ich sehe in all diesen Prägungen eine Traumatisierung, die sich bei uns eingebrannt hat: Kann ich das? Bin ich gut genug? Wie hätten mich die anderen gern? Wem muss ich gefallen? Was kommt mir an Kritik entgegen? Und obwohl auch ich eine starke Mutter und eine ebensolche Grossmutter als Vorbilder hatte – meine Mutter lebt übrigens noch – sind diese Prägungen dennoch da.
Kennen Sie diese Angst auch, Rita Famos?
Rita Famos: Ja durchaus. Als ich mitten in der Krise um meinen Vorgänger gefragt wurde, ob ich für das Präsidium der EKS kandidiere, habe ich mich unmittelbar gefragt: Kann ich das? Natürlich auch, möchte ich mir das antun? Das erste Amtsjahr als Pfarrerin habe ich zum Beispiel sehr schwierig empfunden, weil ich mich gefragt habe: Genüge ich mir? Genüge ich den Ansprüchen, die gestellt werden? Ich möchte aber sagen, dass ich überzeugt bin, dass gleichzeitig genau das – sich selbst diese Fragen zu stellen – gerade ein wichtiger Aspekt von guter Leadership ist. Alle Exponentinnen im Buch erzählen davon, dass sie sich zunächst gefragt haben: Bin ich die Richtige? Diese Selbstreflexion ist für Männer und Frauen in Führungsfunktionen wichtig.
Im Buch kommen ausschliesslich Frauen zu Wort. Warum eigentlich?
Rita Famos: Ich habe auch Männer angefragt – und sie wollten nicht.
Rita Famos (Hg.): Leadership. Weibliche Perspektiven. TVZ 2026.