Ist vielleicht doch etwas dran an der Seelenwanderung?

Religion

US-Forschende schliessen aufgrund von Indizien nicht aus, dass es Seelenwanderung geben könnte. Jedoch das Christentum kommt ohne die Lehre von der Reinkarnation aus.

In der Juli-Ausgabe des populärwissenschaftlichen Reportagemagazins «Geo» ist ein Beitrag erschienen, der ein oft und zum Teil emotional diskutiertes Thema aufgreift: die Theorie von der Reinkarnation, die besagt, dass die Seele nach dem Tod irgendwann in einem anderen Körper wiedergeboren wird.

Der «Geo»-Artikel berichtet von der US-amerikanischen Forschungsstätte Dops in Charlottesville. Diese untersucht bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert die Fälle von Kindern im Alter zwischen zwei bis sechs Jahren, die plötzlich behaupten, in einem früheren Leben jemand anderes gewesen zu sein. Und detailgenau berichten, wo und wie sie gelebt haben und wie sie gestorben sind.

Das Phänomen verstehen

Pro Jahr gehen beim Dops immerhin etwa 100 solcher Fälle ein. Die Forscherinnen und Forscher nehmen – im Gegensatz zu vielen anderen Menschen im Westen – solche Berichte ernst und gehen ihnen nach. Nicht, um die Richtigkeit der Reinkarnationslehre zu beweisen, sondern um Daten zu sammeln und das Phänomen verstehen zu lernen.

Manche Berichte lassen sich als Produkte von elterlicher Beeinflussung oder unbewusster Informationsaufnahme durch die Kleinkinder interpretieren. Andere Fälle geben aber Rätsel auf und legen nahe, dass die betreffenden Kinder Wissen wiedergeben, das sie in einem vorherigen Leben erworben haben müssen.

Wie etwa im Fall von James Leininger, einem Jungen aus Louisiana, der bereits im Alter von zwei Jahren unter heftigen Alpträumen litt und in allen Details von seinem früheren Leben als amerikanischer Kampfpilot während des Zweiten Weltkriegs im Pazifikraum berichtete. Und auch, wie er schliesslich umgekommen war, gefangen in einem brennenden Flugzeug nämlich. Was er erzählte, entsprach genau den Erlebnissen des Piloten James Huston, der 1945 in der Schlacht um Iwo Jima abgeschossen wurde.

Möglichst viele korrekte Details

Aufgrund solch kohärenter Schilderungen kommt es, dass manche der Fälle von den Forschenden als authentisch eingestuft werden. Bedingung ist, dass sich eine Vielzahl konkreter Details unabhängig verifizieren lässt. Dass sich mit diesem Material die Lehre von der Seelenwanderung eindeutig beweisen lasse, behaupten die Leute vom Dops jedoch nicht.

Immerhin scheint der Befund all jene, die sich eher buddhistischem als christlichem Gedankengut nahe fühlen, in ihren Vorstellungen zu bestätigen – ebenso jene, die sich im Geist des New Age aus verschiedenen Versatzstücken eine eigene, esoterisch gefärbte Privatreligion erschaffen haben. Im Hinduismus und Buddhismus ist die Lehre von der Seelenwanderung zentral: Ein Mensch kann in seinem irdischen Leben Gutes oder Schlechtes anhäufen. Beides wirkt sich auf das sogenannte Karma aus, eine Art Bilanz der eigenen Taten, die über das weitere Schicksal entscheidet.

Ist das Karma vorwiegend negativ, wird man im nächsten Leben in ungünstigen Umständen wiedergeboren – als Lebewesen, dessen Bewusstsein noch nicht jene Reife hat, die ohne weiteren Umweg ins Nirwana führt, ins buddhistische Paradies also. Im Gegenteil: Das Wesen, das sich im vorherigen Dasein ein schlechtes Karma zugelegt hat, muss noch manches Mal wiedergeboren werden, um zu reifen, Einsicht zu gewinnen und schliesslich jenen Zustand der Erleuchtung zu gelangen, welcher der Schlüssel zum Nirwana ist.

Ein gutes Karma hingegen bewirkt, dass der Mensch in seinem nächsten Leben eine höhere Bewusstseinsstufe erlangen wird und so die Chance bekommt, dem angestrebten Endziel näher zu kommen. Dieser Ansatz ist verlockend und entspricht auch dem aktuellen Zeitgeist: Du kannst es schaffen, ganz aus eigener Kraft, du musst dich nur redlich bemühen. Und schaffst du es nicht, bekommt du eine zweite Chance, eine dritte und eine vierte. Und immer bist du es selbst, der es in der Hand hat. Und niemand sonst.

Der Mensch ist per se fehlbar

Soweit die Lehre von der Seelenwanderung, die in Indien und Ostasien auf eine jahrtausendealte Tradition zurückblickt. Was aber sagt das Christentum dazu? Dieses steht der Lehre von der Seelenwanderung beziehungsweise der Reinkarnation weitgehend ablehnend gegenüber. Denn die christliche Lehre besagt, dass der Mensch per se ein fehlbares Wesen ist. Das Gute gelingt ihm nicht allein aus eigener Kraft. Dazu braucht es die Anbindung an Gott. Letztlich liegt alles in seiner Hand, er ist die abschliessende Instanz.

In dieser Betrachtungsweise wird ein Menschenleben zu einem Weg aus Höhen und Tiefen, dessen Wert sich nicht an angesammelten guten Taten bemisst, sondern daran, dass Gott, der Schöpfer, sein Geschöpf auch in seiner Unvollkommenheit akzeptiert. Jedes Leben hat seinen Anfang und sein Ende und auch seinen unveräusserlichen Wert. Ein zweites oder gar drittes, viertes und fünftes irdisches Leben derselben Seele in einem anderen Leib ist nicht vorgesehen. Sondern ein ewiges Leben nach der Auferstehung am Jüngsten Tag, die aber mit einer irdischen Widergeburt im Sinn der Reinkarnationslehre nichts zu tun hat.

Und doch gibt es auch im Christentum Menschen und geistige Strömungen (wie etwa die Anthroposophie), die das Konzept der Reinkarnation verteidigen und hierzu auch nach biblischen Hinweisen suchen. In der Bibel gibt es tatsächlich zwei Stellen, die eine Seelenwanderung zu belegen scheinen.

Zwei oft herangezogene Bibelstellen

Das ist zum einen Vers 14 im elften Kapitel des Matthäusevangeliums, wo Jesus sagt, dass es sich bei seinem Wegbereiter Johannes dem Täufer um den wiedergekommenen Propheten Elija handle. Bei dieser Deutung wird aber übersehen, dass der Prophet nach biblischer Überlieferung gar nie verstorben, sondern von Gott in den Himmel entrückt worden war. Wenn ein Entrückter auf die Erde zurückkehrt, kann von Seelenwanderung nicht die Rede sein.

Eine weitere Bibelstelle, welche die Reinkarnationslehre stützen soll, ist die Heilung des blind geborenen Mannes, von der das neunte Kapitel des Johannesevangeliums berichtet. Die Jünger fragten Jesus: «Rabbi, wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?» Aber auch hier ist es theologisch schwer haltbar, in dieser Frage den Hinweis auf einen allfälligen jüdischen Karma-Gedanken zu erblicken. Denn es geht nicht um die Frage nach angehäufter Schuld in einem früheren Leben, sondern nach der Gerechtigkeit Gottes. Die Frage, ob der Mann für etwas, das er gar nicht getan haben konnte, von Gott mit angeborener Blindheit bestraft worden sei, ist eine rhetorische Frage. Sie soll lediglich die Frage verstärken, ob er vielleicht für die Sünden seiner Eltern büssen solle. Was nach jüdischer Auffassung ungerecht wäre.

Worauf Jesus antwortet: «Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.» Jesus heilt den Blinden, und dabei wird für alle auf spektakuläre Weise sichtbar, dass Gott durch Jesus heilt und damit in einem umfassenderen Sinn Heil bewirkt.

«So faszinierend die Vorstellung der Seelenwanderung auch ist, so gut sie manche ansonsten unlösbaren Fragen zu erklären scheint, biblisch lässt sie sich nicht begründen», lautet das Fazit des deutschen Theologen Tilmann Haberer in einem Essay im «Sonntagsblatt». Letztlich dürften der Christ und die Christin darauf vertrauen, «dass Gott mir gnädig ist und mich liebt, gutes Karma hin oder her».