Zuerst ist da ein Zögern, ein Kampf mit sich selbst. Maria ringt um Worte, will den Namen ihres Kindes aussprechen. Doch es gelingt ihr nicht. Fortan wird sie Jesus nur noch «mein Sohn» nennen.
Es ist eine Mischung aus Schmerz und wütender Anklage, mit der Regisseur Jochen Strauch seine Maria im gleichnamigen Stück die erste Marke setzen lässt. Es verdeutlicht von Beginn an, dass das Publikum im Theater Rigiblick in den kommenden rund 70 Minuten eine Figur erleben wird, die nicht viel mit der biblischen Vorlage zu tun hat.
Text und Musik im Dialog
Die Idee, wie die Lebensgeschichte und die Passion Christi sowie die Entstehung der Evangelien völlig anders und aus der Perspektive einer ganz und gar menschlichen Maria erzählt werden könnte, stammt vom irischen Schriftsteller Colm Tóibín. In seinem Buch «Marias Testament» (2012) wird aus der oft schablonenhaft ikonografischen Mutter eine literarische Figur, eine zweifelnde und kritisch denkende Person. In einem einzigen langen Monolog liess Tóibín Maria ihre Sicht der Dinge erzählen. Dabei entwarf er ein Gegenstück zum Bild der leidenden Mutter, die das Schicksal beklagt. Maria wird zu einer selbstbewussten, emanzipierten Frau.
In der Zürcher Produktion verkörpert die Schauspielerin Mona Petri Maria. Anders als in vorgängigen Bühnenfassungen des Stoffes lässt Regisseur Strauch die Hauptfigur nicht alleine durch ihre Lebenserinnerungen streifen. Ein Ensemble unter der Leitung von Peter Solomon am Cembalo spielt in zahlreichen Intermezzi Giovanni Pergolesis Stabat Mater.
Damit wird ein wunderbar vorgetragenes Stück geistlicher Klassik als Gegenpol zur Erzählung gesetzt. In der Musik kontrastiert die wehklagende Muttergottes (Gesang: Anna Gschwend und Stephanie Szanto) den reflektierenden Geist der Tóibín’schen Maria.
Strauch erklärt gegenüber «reformiert.» den Ansatz mit dem Willen zum wiederholten Perspektivenwechsel. Damit gelinge es, «das offizielle Narrativ des Stabat Mater mit einem psychologischen, heutigen Narrativ zu schraffieren».
