Lebensfragen 30. Juni 2026, von Ralph Kunz

Kann die Religion mehr sein als ein billiger Trost?

Theologie

Fachleute beantworten Ihre Fragen zu Glauben und Theologie sowie zu Problemen in Partnerschaft, Familie und anderen Lebensbereichen.

Es gibt so viel Leid auf der Welt. Auch persönlich bin ich immer wieder mit schweren Schicksalen und dem Tod konfrontiert. Wenn ich dann die Bibel lese oder mir gegenüber Christinnen und Christen Erlösung versprechen und auf das Jenseits verweisen, hilft das mir nicht weiter. Ist dieses Vertrösten nicht einfach nur ein billiger Trost?

Sie verweisen auf den Verdacht der Religionskritik, die Hoffnung auf Erlösung könnte einen Trost bereithalten, der die Menschen davon abhält, sich für eine bessere Welt einzusetzen. Für Karl Marx war dies erwiesen. Er sah in der Religion eine Art Opium, das den Weltschmerz zwar lindert, aber keine Wunden heilt.

Es ist also nur recht, das religiöse Trostversprechen als billigen Trost zu kritisieren. Da ist etwas Wahres dran! Doch trifft der Vorwurf der Vertröstung nicht auch auf den Marxismus zu? Sobald wir von der Zukunft sprechen – egal, ob  es um Gesellschaft, Geld oder Gott geht –, können wir nur Besserung versprechen. Dieses Versprechen basiert auf Vertrauen. Auch der Marxist glaubt. Während er hofft, dass das Reich der Freiheit kommt, kämpft der Kapitalist für die Freiheit des Handels. Keiner kann aus Steinen Brot machen. Alle kochen mit Wasser. Das gilt auch für Christen, die beten: «Dein Reich komme!»

Die Frage ist, wer leere Versprechungen macht und wessen  Versprechen sich erfüllen. Nehmen wir Jesus. Der Vorwurf, er würde auf das Jenseits vertrösten, ist beinahe absurd. Jesus verkündet die Gegenwart Gottes. Sie ist so kraftvoll und so nahe, dass denen, die sich ihr öffnen, das Herz überfliesst und Hoffnung spriesst.

Maria kann ein Lied davon singen. Wurde sie vertröstet? Oder ist der echte, lebensverändernde Trost des Glaubens erst in der Begegnung erfahrbar, die auch mir Gott einpflanzt? Könnte es sein, dass jene, die sich so getröstet wissen, aus tiefster Überzeugung dem Frieden auf Erden nachjagen? Wir haben keine Zauberformel, die wir den Verächtern der Religion aufschwatzen könnten. Verspricht Religion nur noch den Himmel, wird sie jenseitig. Und auf eine solche Vertröstung können wir – ob gläubig oder ungläubig – getrost verzichten.

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Fachleute beantworten Ihre Fragen zu Glauben und Theologie sowie zu Problemen in Partnerschaft, Familie und anderen Lebensbereichen: Corinne Dobler (Seelsorge), Martin Bachmann und Salome Roesch (Partnerschaft und Sexualität) und Ralph Kunz (Theologie). 

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