Auf die Anfrage via Instagram reagiert Mathilde Sabbagh schnell. Im sozialen Netzwerk postet die Pfarrerin der presbyterianischen Kirche in Al-Hassakah Fotos von ihren drei kleinen Kindern und von festlichen Gottesdiensten ihrer Gemeinde im Nordosten von Syrien.
Die Profiteure der Krise
Die Antworten, die Sabbagh auf die Fragen von «reformiert.» sendet, kontrastieren allerdings mit den Bildern auf Instagram. Sie erzählen von Not und Unsicherheit.
Die Versorgungslage sei prekär, schreibt die Pfarrerin. Das christliche Viertel der Stadt ist weder an die Wasserversorgung noch ans Stromnetz angeschlossen, beides wurde im Bürgerkrieg zerstört. Die Menschen müssen das Wasser kaufen und die Besitzer von Stromgeneratoren dafür bezahlen, dass ihr Haus ans Netz angeschlossen wird.
Strom für kurdische Viertel
Laut Sabbagh muss eine vierköpfige Familie 150 Dollar pro Monat für Wasser und Strom ausgeben, das Durchschnittseinkommen liege aber bei 90 Dollar. «Zu den Leuten, die unter der Armutsgrenze leben, gehören hauptsächlich Christen», sagt die Pfarrerin. Die kurdischen Viertel hingegen würden rund um die Uhr mit Strom versorgt.
«Für die Christen und ihre Kirchen war die Präsenz der kurdischen Streitkräfte nie ein Vorteil», hält Mathilde Sabbagh fest. Sie bitte die Soldaten nicht um ihren Schutz, fühle sich aber nicht bedroht. Allerdings zögen es «Christen in Syrien immer vor, von einer Regierung regiert zu werden und nicht von Milizen».
Streit um das Schulsystem
Ein Konflikt zwischen den Kirchen und der kurdischen Selbstverwaltung entzündete sich am Bildungswesen. Als die SDF die Kontrolle über die öffentlichen Schulen übernahm und vom nationalen Lehrplan abwich, waren alle privaten Schulen in ihrer Existenz bedroht.
«Die Kirchenleitungen unternahmen grosse Anstrengungen, Schulschliessungen zu verhindern», sagt Sabbagh. Die Schule der presbyterianischen Kirche konnte den Unterricht schliesslich mit zweimonatiger Verspätung beginnen.
Viele Christen ziehen weg
Ob sich die Lage nun entspannt, da die kurdischen Kräfte ins syrische Bildungsministerium eingebunden wurden, ist offen. Die Bildung bleibt für die Kirchgemeinde ein wichtiges Anliegen. Christliche Kinder müssen kein Schulgeld bezahlen, Muslime erhalten finanzielle Unterstützung, wenn sie sich die Schule nicht leisten können.
Die Suche nach finanzieller Unterstützung für die Schule halte sie ständig auf Trab, sagt Sabbagh. Ihre grösste Sorge sei aber, dass am Sonntagmorgen im Gottesdienst einmal die Kirchenbänke leer bleiben. Denn die Gemeinde ist überaltert, viele junge Christinnen und Christen ziehen weg. «Ich hoffe, dass meine Kinder mir später einmal nicht vorwerfen, dass ich mich entschieden habe, hier zu bleiben», sagt die Pfarrerin.
Gemeinsame Identität fehlt
Mathilde Sabbagh fürchtet sich davor, dass ihr Land nach über 50 Jahren Diktatur im Chaos versinkt und dauerhaft zum Anziehungspunkt für Terrorismus werden könnte. Als ihre Hoffnung formuliert sie die Vision, dass «sich alle Menschen als Syrer verstehen», statt sich in erster Linie als Angehörige von religiösen Gruppen, Stämmen oder Parteien zu definieren.
