Ein kleiner Lichtblick

Diplomatie

Das Friedensabkommen zwischen der einst autonomen Kurdenregion und der Zentralregierung in Syrien scheint zu halten. Historiker Hans-Lukas Kieser sieht weitere Hoffnungszeichen.

Und plötzlich war der Schriftzug auf Hausmauern gesprayt: Rojava. Im Januar kam es in Chur, Bern oder Zürich zu Kundgebungen für die autonome Kurdenregion im Nordosten Syriens, welche die syrische Armee überrannt hatte. Die Türkei unterstützte die Truppen der Zentralregierung mit Kampfdrohnen.

Hans-Lukas Kieser befürchtete damals «das Schlimmste»: erneute Massaker an der kurdischen Bevölkerung, Massenflucht. Der Historiker forscht intensiv zum Genozid an den Armenierinnen und Armeniern durch die Jungtürken zur Zeit des Ersten Weltkriegs und zum Ende des Osmanischen Reichs. Er ist Titularprofessor an der Universität Zürich und gilt als profunder Kenner der kurdischen Geschichte und Gegenwart. 

Ein Kurde in Damaskus

Nicht zuletzt dem Einsatz des evangelikalen Senators Lindsey Graham sei es zu verdanken, dass sich die USA erfolgreich für eine Konfliktlösung einsetzten, sagt Kieser.

Das Abkommen zwischen der kurdischen Selbstverwaltung und der Regierung unter Ahmed Al-Scharaa, der einst für die islamistische Terrororganisation Al Kaida gekämpft hatte, stiess international auf Skepsis. Bisher scheint der Friede jedoch stabil, das Abkommen wird ratifiziert. Die ersten kurdischen Familien konnten in ihre zerstörten Häuser in Afrin zurückehren. Die Stadt wurde 2018 von türkischen Truppen besetzt, ein grosser Teil der Bevölkerung musste flüchten.

Nun wurde in Damaskus Sipan Hemo zum stellvertretenden Verteidigungsminister ernannt. Der Kurde ist Kommandant der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die Rojava verwaltet und gegen die syrische Armee gekämpft hatten. Vor Ort habe sich wenig verändert, sagt Kieser. «Die Soldaten der SDF haben sich in die Kasernen zurückgezogen, ihr Kommando wurde jedoch nicht ausgetauscht.» Die Miliz soll in die Armee integriert werden.

Türkei fürchtet den Föderalismus

Die Kurden liessen sich gezwungenermassen auf das Abkommen ein, doch sie hoffen, trotz Kontrollverlusten weiterhin demokratischen Handlungsspielraum zu behalten. «Damaskus ist zu schwach und die Türkei zu wenig einflussreich, um ein zentralistisches System zu etablieren», sagt Kieser. Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist sogar ein föderales Syrien ein rotes Tuch.

Die politischen Rezepte, auf welche die Kurden in ihrer Geschichte gesetzt haben, «sind verbraucht», sagt Kieser: vom reaktionären Islam in Abgrenzung zum säkularen Kemalismus in der Türkei über linke Versprechen, die selbst vor dem Stalinismus nicht zurückschreckten, bis zum Ethnonationalismus. 

Verbrauchte Ideologien

«Die Kurden haben den Glauben an Ideologien verloren», sagt Kieser. Stattdessen setzten sie sich glaubwürdig für Demokratie und Gleichstellung ein. Natürlich bleibt die Pflege der eigenen Kultur, Sprache, Kunst und Literatur wichtig, doch das Ziel vom eigenen Staat steht nicht mehr im Vordergrund. «Kurdische Kräfte wollen helfen, ein demokratisches Syrien aufzubauen.»

Kurz nach dem israelischen und amerikanischen Angriff auf Iran kursierten Gerüchte, der amerikanische Geheimdienst rüste kurdische Milizen hoch, um eine zweite Front zu eröffnen. Kieser glaubt aber, dass sie sich «nicht voreilig in den Konflikt hineinziehen lassen».

Bodentruppen des Westens

Auch diese Lektion haben die Kurden gelernt. Ihre Milizen waren es, die den Islamischen Staat besiegten. «Sie waren die Bodentruppen des Westens», sagt Kieser. Die kurdisch kontrollierten Gebiete wurden zum Schutzraum für verfolgte Jesiden und Christen. Dennoch liess US-Präsident Donald Trump sie in seiner ersten Amtszeit fallen.

Kieser beobachtet, wie in Syrien Kurden und christliche Armenier und Assyrer «ihre demokratischen Ideen in den Staat hineintragen und ihre Fäden bis nach Damaskus spinnen». Trotz angespannter Sicherheitslage und prekärer Versorgungslage erkennt Kieser deshalb «zarte Zeichen der Hoffnung»