Politik 02. Juli 2026, von Anna-Theresa Bachmann, Mitarbeit: Khachatur Najaryan

Religiöser Gigantismus

Reportage

Die Dörfer am Hatis-Berg in Armenien hoffen auf den Aufschwung. Denn ein russlandfreundlicher Oligarch, der auch die Politik aufmischt, lässt eine riesige Jesus-Statue aufstellen. 

Welche Schuhgrösse hat Jesus? Armen Samvelyan steht im Garten seiner Werkstatt am Stadtrand von Jerewan und betrachtet die riesigen Zehen, zwischen denen saftig grüne Gräser in die Höhe schiessen. «105 vielleicht», lacht der Künstler, halb amüsiert, halb verlegen. Ganz sicher sei er sich nicht.

Was hier, eingezäunt von Wellblech und umgeben von Schutt und Stein, in Einzelteilen auf den Abtransport wartet, soll schon bald die grösste Jesus-Statue der Welt werden, grösser noch als die berühmte Christusfigur über Rio de Janeiro. Insgesamt rund 100 Meter soll die armenische Variante hoch werden: 33 Meter Statue, wie die Lebensjahre Jesu, der Rest Sockel.

Von Cognac bis Zement

In Auftrag gegeben hat das Megaprojekt jedoch nicht etwa die armenisch-apostolische Kirche, der mehr als 90 Prozent der Bevölkerung angehören und die das Projekt ablehnt. Sondern Gagik Zarukjan, einer der reichsten Männer des Landes. Der Oligarch hat mit Geschäften von Cognac bis Zement ein verzweigtes Imperium aufgebaut.

Kritiker nennen ihn spöttisch «Dodi Gago», den dummen Gagik. Andere bezeichnen ihn als «Donald Trump Armeniens», da Zarukjan seit Jahren in der Politik der Kaukasus-Republik mitmischt.

Seine russlandfreundliche Partei «Wohlhabendes Armenien» scheiterte bei den jüngsten Wahlen zwar knapp am Einzug ins Parlament. Sein religiös angehauchtes Prestigeprojekt treibt Zarukjan dennoch weiter voran. Viele fragen sich: Entsteht hier ein Monument für Christus – oder eins für Zarukjan selbst?

Eine schöne Statue

Wer den Künstler hinter dem umstrittenen Riesenjesus in seinem Atelier besucht, spürt wenig von den Kontroversen. Bildhauer Samvelyan, der aus einer bekannten Künstlerfamilie stammt, scheint die Aufmerksamkeit um seine Arbeit eher unangenehm zu sein.

«Uns allen hat Gott eine Gabe gegeben, die wir nutzen sollten», sagt er. Seine sei es, schöne Statuen zu schaffen. Den Auftrag haben er und sein Team wohl deshalb erhalten, weil sie schnell liefern konnten. Über die Summe, die Zarukjan für das gigantische Projekt zahlt, sagt er lieber nichts. Und auch sonst hält er Abstand zu seinem prominenten Mäzen, den er nur «den Auftraggeber» nennt, als wollte er die Debatte um Macht und Geld von seiner Arbeit fernhalten.

Kunst auf Bestellung

Selbst wenn er über seine Inspiration sprechen soll, bleibt Samvelyan zurückhaltend. Wie er zu seinem Entwurf gekommen ist, verrät er nicht. Nach längerem Nachfragen zeigt er im Nebenraum ein Modell seines ursprünglichen Konzepts. Statt des heute geplanten, begehbaren Sockels, der dem Projekt seine endgültige Höhe verleiht, hatte er die Figur auf einer geschwungenen, ansteigenden Rampe platziert. Die Symbolik wirkt wie der Versuch, die Distanz zwischen Mensch und Göttlichem sichtbar zu machen. «Aber der Auftraggeber wollte etwas anderes», sagt Samvelyan knapp. Er liefert, was bestellt wird. 

Sieg der Europafreunde

Die Partei von Ministerpräsident Nikol Paschinjan hat die Parlamentswahlen vom 7. Juni gewonnen. Damit bleibt Armenien auf einem europafreund­lichen Kurs. Allerdings wurde das prorussische Bündnis «Starkes Armeni­en» von Milliardär Samwel Karapetjan stärkste Oppositionskraft. Regie­rungschef Paschinjan strebt einen Beitritt der EU an. Ihn belastet wei­terhin der Konflikt mit Aserbaidschan. 100 000 Armenier mussten aus der Region Bergkarabach fliehen, die von aserbaidschanischen Truppen überrannt wurde. Christliche Spuren drohen dort ausgelöscht zu werden.

Die Auslieferung allerdings ist kompliziert. Den Hatis-Berg, wo die Statue 35 Kilometer nördlich von Jerewan aufgestellt werden soll, wird die Statue nicht am Stück erreichen. «Wir müssten im alten Ägypten sein, um das zu schaffen», so Samvelyan. Die Lösung, die Figur per Helikopter auf den Gipfel zu fliegen, wurde verworfen. Obwohl die Statue nicht aus Stein, sondern aus verstärktem Aluminium besteht, ist sie zu schwer. Deshalb wird sie in Teile zerlegt und auf Lastwagen den Berg hinaufgekarrt werden.

Sehnsucht nach Touristen

Dort, auf rund 2500 Metern Höhe, nimmt das Projekt Gestalt an. Der untere Teil des Sockels – die Eingangshalle – steht bereits in den Grundzügen. Der Riesenjesus wird von vielen hier sehnsüchtig erwartet. Nicht nur von den Arbeitern auf der Baustelle, die erzählen, dass sie stolz seien, an einem «Jahrhundertbau» mitzuwirken. Auch von den Menschen in den Dörfern am Fusse des Berges, die künftig jeden Tag zu Jesus hinaufschauen werden. Und sich von dem Projekt viele zahlende Touristen versprechen.

In Kaputan, einem Örtchen mit rund 1500 Einwohnern, begrüsst der Bürgermeister das Vorhaben. Dabei gehört er der Partei von Premierminister Nikol Paschinjan an, einem der wichtigsten politischen Gegenspieler Zarukjans. Doch wenn es um die wirtschaftliche Zukunft der Region gehe, müsse man pragmatisch sein, sagt er.

Verstaubtes Kulturzentrum

Ähnlich sieht es der Wächter einer kleinen Basaltkapelle aus dem 14. Jahrhundert, die auf einem Hügel über dem Dorf thront. Eigentlich könnte die Statue ihm die wenigen Besucher streitig machen, die sich hierhin verirren. Wer eine Kerze anzündet oder die Glocke läutet, lässt meist ein paar Dram zurück. Trotzdem sei die Statue eine gute Sache. Bringe sie mehr Menschen in die Region, sei allen geholfen.

Wie gut der Gegend Investitionen tun würden, wird im alten Kulturzentrum von Kaputan besonders deutlich. In der Aula mit kleiner Bühne und verstaubten Sitzreihen ist seit Jahren niemand mehr aufgetreten. Dabei gibt es Potenzial.

Eine christliche Nation

Im ersten Stock unterrichtet Astghik Khachatryan eine kleine Gruppe von Mädchen aus dem Dorf in armenischen Volkstänzen. Der Raum gehört zu den wenigen, die halbwegs saniert und nutzbar sind. Spiegel, die beim Erlernen der Schritte helfen würden, fehlen. Also arbeitet die junge Tanzlehrerin halt mit dem, was eben da ist.

Khachatryan stammt aus einem Nachbarort und ist nach dem Tanzstudium in Jerewan wieder zurückgekehrt. «Wenn es um Kultur geht, fehlt hier das Geld», sagt sie. Viele in der Region hätten in den vergangenen Jahren ihr Land aufgegeben oder verkauft. Andere warten ab, wie sich die Gegend rund um das geplante Monument entwickeln wird.

Die Tänzerin steht dem Projekt grundsätzlich offen gegenüber. Einen religiösen Sinn sieht sie nicht darin. «Wir brauchen keine Statue, um daran erinnert zu werden, dass wir ein christliche Nation sind.» Dies sei ohnehin Teil der armenischen Identität.