Frau Wehrli, was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Irma Wehrli: Es freut uns sehr, dass unsere jahrelange Arbeit Früchte trägt. Dieser Preis ist ein Zeichen der Anerkennung der Ökumene in Davos, die sich durch all die Jahre und personellen Wechsel bewährt hat. Beten ist schliesslich das Kerngeschäft der Christinnen und Christen und etwas, das uns alle verbindet. Dieser Preis ist ein Symbol für den Zusammenhalt unter Christen. Er zeigt, dass wir uns in wesentlichen Dingen nicht auseinander dividieren lassen.
Das WEF gibt es seit 1971, «Schweigen und Beten» erst seit 1999. Wie kam es dazu?
Die Initiative kam von der damaligen Pastoralassistentin der katholischen Kirchgemeinde in Davos, Esther Lendenmann. Sie setzte sich in den 1990er Jahren in Guatemala und Kolumbien für die Indigenen ein und sah sich mit dem Elend der Armen, infolge der Auswüchse des Neoliberalismus konfrontiert. Ihre Idee mit «Schweigen und Beten» der Opfer in Solidarität zu gedenken, stiess in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Davos (AKiD) auf offene Ohren. Gerade im Zusammenhang mit dem WEF fragen wir uns ja: Was für eine Welt wollen wir. «Committed to improving the state of the world», wie es das WEF propagiert, ist ein hoher Anspruch. Einer, der auch die Kirche herausfordert und sie sich fragen kann: Was fangen wir damit an? Wir von «Schweigen und Beten» antworten im Sinne der Ökumenischen Versammlungen der europäischen Kirchen: «Wirtschaft soll Menschen dienen.»
Wie kann «Schweigen und Beten» etwas verändern?
Unser Motto richtet sich nach dem Zitat von Albert Schweitzer: «Beten verändert nicht die Welt, aber beten ändert Menschen und Menschen ändern die Welt.» Menschen, die zusammen beten, die Stille wahrnehmen, entwickeln eine Haltung gegenüber den Mitmenschen. Ich denke nicht, dass eine Ideologie die Welt verändert. Es ist die direkte Begegnung und Hilfe der Mitmenschen, die etwas bewirkt und ausstrahlt. Seit einigen Jahren beten verschiedene Kommunitäten und Klostergemeinschaften in der Schweiz mit uns zur gleichen Zeit.
Wer nimmt in Davos teil bei «Schweigen und Beten»?
Es ist ein kleines Grüppchen von Menschen, die diese Form kennen und tragen; Menschen aus den Kirchgemeinden oder solche die in der Form des Meditierens geübt sind. Dann gibt es immer wieder auch Teilnehmer aus dem Umfeld des WEF, die die Ruhe suchen.
Ist dieser Kreis gewachsen?
Es gab ein Auf und Ab. Alles in allem war es immer ein kleiner Kreis, aber in Jahren, in denen die Weltlage angespannter war, hatte man deutlich mehr Menschen.
Das Projekt war anfangs eine Laienbewegung. Jetzt ist es in der Ortskirche verankert. Wie wirkte sich das aus?
Dass die Pfarrer das Projekt unterstützen und tragen schafft gute Voraussetzungen für die Kontinuität. Vielleicht wird es dadurch noch mehr wahrgenommen. Denn unser Anliegen ist, die Davoser Bevölkerung einzuladen, sich mit dem WEF auseinanderzusetzen und einen Kontrapunkt zu setzen.
Was bedeutet Ihnen das Projekt persönlich?
Für mich war das «Schweigen und Beten» immer auch ein persönlicher Kontrapunkt zu meinen sonstigen Arbeiten in der Kirchgemeinde. In stürmischen Zeiten hatte ich einen Ort in mich zu gehen und aufzutanken. Diese schlichte Form, das Fehlen der Rede, regt das eigene Handeln an.
