Am digitalen Bewerbungsdossier scheitern viele

Diakonie

Kostenlos und unabhängig: Die ökumenische Fachstelle DFA in Zürich berät seit 50 Jahren Menschen bei Fragen rund um Arbeitslosigkeit. Das Angebot ist nötiger denn je.

Wohnlich, hell und freundlich wirkt der Aufenthaltsraum der kirchlichen Fachstelle bei Arbeitslosigkeit (DFA) am Stauffacher. Eine Frau in farbiger Bluse studiert am kleinen Tisch beim Fenster das durch die DFA erstellte Stellenbulletin. Gleich hat sie einen Termin bei der Bewerbungsberatung. Früher sei es hier immer ziemlich voll gewesen, sagt DFA-Leiterin Katharina Engeler und deutet auf den grossen Raum. «Man musste sich bei uns nicht anmelden, deshalb standen die Leute oft bis ins Treppenhaus Schlange.» 

Die Beratungsstelle sei für die Ratsuchenden eine Art Treffpunkt gewesen, sagt Bewerbungsberaterin Monika Badreddine. Die Kehrseite davon war allerdings: Wer vor Ende der Öffnungszeiten nicht an die Reihe gekommen war, musste unverrichteter Dinge wieder gehen. 

Viele Kurzberatungen 

Die DFA ist ein kostenloses Beratungsangebot der Kirche, das Leu-te unabhängig von Alter, Herkunft oder Religion bei Fragen rund um Arbeitslosigkeit unterstützt. «Eine telefonische Kurzberatung erhalten alle», sagt Engeler. «Wir sind aber vorwiegend für jene Menschen da, die durch einen Stellenverlust zwischen Stuhl und Bank fallen, psychosoziale Unterstützung benötigen oder sich keine kostenpflichtige Rechtsberatung leisten können.» Im letzten Jahr wurden 6759 Beratungen in Anspruch genommen, davon waren 4252 Kurzberatungen. 

Seit der Corona-Pandemie hat sich vieles verändert. Etwa, dass es Beratungstermine vor Ort nur noch nach telefonischer Vereinbarung gibt. Besonders einschneidend sei die Digitalisierung, sagt Engeler. «Sie überfordert viele unserer Klienten und Klientinnen», sagt die Leiterin.

Für die meisten Jobs müssen sich Stellensuchende online bewerben, meistens mit einem digitalen Dossier. «Menschen mit wenig oder gar keiner Schulbildung und geringen Deutschkenntnissen, ein Grossteil unserer Klientel, schaffen das allein oft nicht.» Die Beratungen seien deshalb zeitintensiver als früher. 

Die DFA gibt es bereits seit 50 Jahren. Ausgelöst durch die Erdölkrise, geriet die Wirtschaft anfangs der 1970er-Jahre in die erste grosse Rezession der Nachkriegszeit. Viele Menschen verloren ihre Arbeitsstelle. Um sie zu unterstützen, richteten die katholische und die reformierte Landeskirche Zürich gemeinsam einen Solidaritätsfonds ein. Daraus entstand dann die Dienststelle für Arbeitslose DfA, wie sie zu Beginn hiess. 1976 nahm sie mit drei Mitarbeitenden in Winterthur und Zürich ihre Tätigkeit auf. 

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die DFA weiter und reagierte auf die sich wandelnden Anforderungen. 2016 schlossen sich die drei Standorte Uster, Winterthur und Zürich zusammen. 

Es kommen oft Leute, die von heute auf morgen keinen Lohn mehr erhalten.
Liliane Schmidt, Rechtsberaterin bei der DFA

Viele Kontaktaufnahmen betreffen derzeit rechtliche Fragen zum Arbeits- und Arbeitslosenversicherungsgesetz. «Manchmal verstehen die Leute auch nicht, dass im Anmeldebestätigungsmail des RAV ein Link zu einem Formular ist, das sie ausfüllen und zurückschicken müssen», sagt Badreddine. Oder sie verpassen einen Termin und werden mit Einstelltagen bestraft. «Sie erhalten dann weniger Geld von der Arbeitslosenkasse und wissen nicht, wieso. Bei einem sowieso schon kleinen Einkommen führt das zu zusätzlichem Stress.» 

Das Risiko wird ausgelagert 

In den Anfragen spiegelt sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt. «Es kommen häufiger Leute, die von heute auf morgen keinen Lohn mehr erhalten, weil ihr Arbeitgeber Konkurs gegangen ist», sagt DFA-Rechtsberaterin Liliane Schmidt. 

An allen drei Standorten stellen die Beraterinnen und Berater fest, dass die Arbeit im Stundenlohn und auf Abruf zunimmt. Dies komme in der Pflege, Reinigung und Gastronomie vor, auch bei grossen Institutionen und Marktführern, welche die Einsätze an Subunternehmen auslagern. «Damit überwälzt man das Betriebsrisiko auf die Arbeitnehmenden», kritisiert die Juristin. Oft sei es schwierig, aus einem solchen Vertrag ohne finanzielle Einbussen wieder auszusteigen. 

Ein Team von 17 Beratern und Juristinnen arbeiten bei der DFA. Sie versuchen, finanziellen Schaden zu mindern, beim Bewerben zu unterstützen und, ganz wichtig: Sie nehmen sich Zeit zuzuhören. Oft stehe die psychosoziale Beratung im Mittelpunkt, sagt Engeler: «Wir leben Diakonie.»