Die Naturverbundenheit wird zur Superkraft

Jugendarbeit

In Möriken erkunden Kinder und Erwachsene in einem Langzeitprojekt die Vielfalt in der Dunkelheit. Sie spielen Verstecken im finsteren Wald und übernachten unter freiem Himmel.

Bevor der schmale Weg in den Wald abbiegt, bleiben alle kurz stehen. Vorhin auf der Wiese, als die 18 Kinder und acht Erwachsenen sich darin geübt hatten, sich ohne Licht im Wald zu bewegen, war es noch recht hell gewesen. Jetzt, kurz vor halb zehn, ragen die Laubbäume dunkel in den Nachthimmel auf. 

Aufmerksam lauschen die Kinder dem grossgewachsenen Mann mit dunkelbraunem Bart und ebensolcher Kleidung. «Menschen sind laut, besonders wenn sie nicht allein unterwegs sind», sagt Naturpädagoge Kevin Eichenberger. 

Der Weg liegt im Dunkeln 

Mit gedämpfter Stimme erinnert er daran, dass der Wald das Zuhause vieler Wildtiere ist und sie sich zurückziehen, sobald Leute in der Nähe sind. «Heute versuchen wir, Teil des Waldes zu werden», sagt er und macht den Fuchsgang vor, eine rücksichtsvolle Art, wie sich Menschen in der Natur fortbewegen können.

Vorsichtig tastet er mit der Vorderfusskante den Boden ab und tritt erst auf, wenn weder Äste noch Zweige knacksen. So verschwinden nun Kinder und Erwachsene fast lautlos im finsteren Wald. 

Die Gruppe nimmt an der «Nacht unter den Sternen» teil, die Ende Mai von der reformierten Kirche Holderbank-Möriken-Wildegg zum vierten Mal organisiert wurde. Das Projekt macht möglich, die Dunkelheit gemeinsam zu erkunden und zu lernen, sich darin sicher zu bewegen, selbst wenn die gewohnten Orientierungspunkte fehlen.

Das Ziel sei herauszufinden, worauf man sich verlassen könne, sagt Kirchenpflegerin Rahel Wunderli im Gespräch mit «reformiert.». «Die Dunkelheit wird zum Sinnbild für Situationen im Leben, in denen der Weg nicht klar erkennbar ist.»

Keine Angst vor Wildtieren 

Bereits um 18 Uhr hatte sich die Gruppe vor der Kirche Möriken getroffen, ausgerüstet mit Schlafsack, Mätteli, Zahnbürste und Taschenlampe. Jüngere Kinder werden von ihren Eltern begleitet, die 10- bis 13-Jährigen sind allein gekommen. 

Pascale ist schon zum vierten Mal dabei und ein bisschen aufgeregt. Heute stehen die Chancen gut, dass alle miteinander im Wald übernachten können. Vor einem Jahr kam im Lauf des Abends ein Sturm auf, und die Gruppe musste das Camp in die Kirche verlegen und dort übernachten. Vor wilden Tieren habe sie keine Angst, sagt die 12-Jährige. «Höchstens vor grossen Spinnen.»

Nach einem 15-minütigen Fussmarsch ist der Schlafplatz erreicht. Alle richten sich ein. Andrea Gysi und ihre beiden Kinder legen einen ägyptischen Beduinenteppich aus, der sie beim Zelten jeweils begleitet. Pfarrer und Co-Leiter Martin Kuse gräbt ein Loch, das als Wald­toi­lette dient. Dann geht es runter ans Flüsschen Bünz – zum Baden, Feuermachen, Bräteln und Backen von Schlangenbrot über der Glut. 

Nach dem Essen übernimmt Kevin Eichenberger, der von allen geduzt werden darf, das Programm. Als Kind habe er die Idee geliebt, dass es Superkräfte gebe, und über die Jahre tatsächlich mehrere gefunden: «Eine davon ist die Naturverbundenheit, wir alle können sie uns aneignen.» Er zeigt vor, wie Eidechsen schlängelnd kriechen oder Hasen hoppeln. Alle machen mit, es wird gelacht, gescherzt, und die Zeit vergeht wie im Flug.

Wir erleben, dass um uns eine Welt existiert, zu der wir Sorge tragen müssen.
Martin Kuse, Pfarrer Holderbank-Möriken-Wildegg

Auf dem Rückweg zum Schlafplatz im Wald spielen Kinder und Erwachsene Weg-Verstecken. Die Hälfte der Gruppe geht mit Kevin voraus. Ein bis zwei Meter abseits des Pfads verstecken sich die Kinder zwischen den Bäumen. Sie tarnen sich geschickt, verharren regungslos. Die zweite Gruppe muss nun versuchen, die Versteckten zu finden. Alle sind beeindruckt, wie sehr ein Mensch mit dem Wald verschmilzt, wenn er ganz still ist. 

Später am Feuer rücken alle zusammen, lauschen Kevins Geschichten und erzählen, welche Superkräfte sie gerne hätten. Danach spielen die Kinder im dunklen Wald, diesmal ohne die Erwachsenen. Nach einer wärmenden Suppe kuscheln sich alle in ihre Schlafsäcke. Im Wald wird es ruhig. 

Noch nie so friedlich 

Wunderli und Kuse sind sich hinterher einig, dass die Gruppe noch nie so friedlich gewesen sei. Klar ist, dass sie die Nacht unter den Sternen, die bisher vom Innovationsfonds der Aargauer Landeskirche gefördert wurde, im nächsten Jahr auch ohne diese Unterstützung wieder auf die Beine stellen wollen.

Für Kuse hat eine solche Naturerfahrung einen zutiefst religiösen Kern: «Wir erleben, dass um uns eine lebendige Welt existiert, deren Teil wir sind.» Daraus erwachse die Verantwortung, die Schöpfung zu bewahren. «Was man kennt, zu dem trägt man auch Sorge», sagt der Pfarrer.