Wir berichteten in der Mai-Ausgabe von «reformiert.» über Mennoniten in der Kolonie Little Belize im Staat Belize. Sie schotten sich ab und haben strenge Regeln. Auch Sie sind Mennonit und leben in der Schweiz. Was verbindet Sie mit den Mennoniten in Little Belize?
Riki Neufeld: Der wichtigste gemeinsame Nenner ist sicher die Bekenntnistaufe im Erwachsenenalter und das Ziel, in der Nachfolge Jesu zu leben. Auch sind wir gegen den Wehrdienst. Aber wir sagen augenzwinkernd: Wo zwei Mennoniten sind, gibt es drei Meinungen. Das Spektrum an Frömmigkeitsstilen und Glaubensvorstellungen ist enorm breit, nur schon zwischen Bern und Langnau im Emmental.
In Belize wird in den Mennonitenschulen der «Mennonitische Katechismus» gelesen. Gott erscheint darin sehr bedrohlich.
Ich kenne diesen Katechismus nicht. Auf dem Bienenberg machen wir keine Angstmacher-Theologie. Es gibt viele Bekenntnisschriften, doch keine gilt für alle. Die Mennoniten gingen geschichtlich und kulturell viele Wege, und das beeinflusste die jeweilige Theologie. So prägten die Aufklärung und das kritische Denken die Theologie der europäischen Mennoniten viel stärker als jene in Südamerika oder Afrika. Die Mennoniten in Afrika haben ihre Wurzeln auf dem afrikanischen Kontinent. Zum Christentum kamen sie durch die Begegnung mit den mennonitischen Missionswerken. Wir ringen immer wieder mit der Frage, was das Verbindende ist und wie wir es stärken können.
Die konservativen Gemeinschaften in Mittel- und Südamerika verzichten auf moderne Technologien und lehnen Musik und Tanzen ab. Das Leben soll schwer sein. Warum?
Zunächst steckt wohl die Angst vor dem Wandel dahinter, wie sie in vielen Gemeinschaften auf der Welt besteht. Im Leben der Altmennoniten spielt zudem der Gehorsam eine grosse Rolle.
Woran zeigt sich das?
Ich zeige es an einer Geschichte: In Paraguay kidnappte eine paramilitärische Gruppe einen Altmennoniten, um Lösegeld zu fordern. Er war fünf Monate mit verbundenen Augen an einen Baum gekettet, bevor er freikam. Mein Vater besuchte ihn im Spital. Der Mann sagte: «Ich betete am meisten dafür, dass ich dem Gebot der Feindesliebe gehorchen kann.» So ausgeprägt ist bei Mennoniten der Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes. Der absolute Gehorsam bewirkt aber auch, dass sich kaum jemand traut, geltende Regeln zu hinterfragen.
Kindern wird Gehorsam in Little Belize mit Züchtigung eingebrannt.
In den konservativen Kolonien definiert Gehorsam stark die Gemeinschaft. Wie die Abschottung stiftet er Identität. Wer nicht gehorcht, wird ausgeschlossen, verliert seine Strukturen, die Familie. Die Angst davor ist gross, also gehorchen die meisten, obwohl sie an den Regeln zweifeln. In Europa ist Gehorsam durch seine Geschichte, unter anderem des Dritten Reichs, negativ besetzt. Die Menschen sind freier. Für konservative Mennoniten kann die Botschaft, dass Christus von religiösen Zwängen befreite, sehr kraftvoll sein. Viele offene Mennoniten bemühen sich, Menschen in konservativen Gemeinden mit dieser Botschaft zu unterstützen.
In was für einer Gemeinschaft wuchsen Sie auf?
Wir lebten in der Hauptstadt Paraguays, in Asuncion. Meine Grosseltern waren als Jugendliche aus Russland nach Paraguay geflüchtet, nachdem die Oktoberrevolution alles Religiöse bekämpft hatte. Schon Zarin Katharina die Zweite machte im 18. Jahrhundert klar: Mennoniten dürfen bei uns leben und müssen keinen Wehrdienst leisten, aber sie werden von der russisch-orthodoxen Umwelt abgeschottet.
Die Abschottung ist also kein theologisches Programm, sondern durch äussere Zwänge entstanden?
Ja. Deshalb wollten sich viele Mennoniten in Paraguay nicht weiter abschotten, sondern die Gute Nachricht Christi in Worten und sozialem Engagement leisten. Sie gründeten viele Schulen, in die auch die Ärmsten des Landes gehen können. Das sind normale Schulen, in denen in Deutsch und Spanisch unterrichtet wird. Meine Mutter war auch noch gegen Alkohol und Tanzen. Für mich ist das kein Thema mehr. Jede Gemeinschaft ringt mit Kontinuität und Wandel. Das zeigt jede Abstimmung in der Schweiz.
Worin unterscheiden Sie sich als mennonitischer Jugendpastor vom reformierten Jugendpfarrer?
Die Unterschiede sind wohl nicht gross. Vielleicht suche ich stärker ein gemeinschaftliches Leben. Die Mennoniten haben ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl, Solidarität wird stark gelebt. Wir sind ständig mit der Frage beschäftigt, wie sich das bewahren lässt in einer Gesellschaft, die immer stärker individualisiert ist, auch im Glauben. Wir wollen das wahrhaftige Leben von Jesus, vom Mensch gewordenen Gott, teilen und danach unser Leben gestalten. In meiner Gemeinschaft in Biel debattieren wir viel und suchen Wege. Immer wieder taucht die Frage auf, wie wir Spannung aushalten, die durch unterschiedliche Meinungen entsteht.
Bei den Reformierten sind die einen für politische Einmischung, andere für reine Verkündigung. Wie ist das bei den Mennoniten?
Wir fragen auch immer wieder, was unsere soziale und politische Verantwortung ist – gerade in einem Land wie der Schweiz, wo man so stark politisch mitreden kann. In den meisten Gemeinden hält man sich zurück, auf der Kanzel politische Statements zu predigen. Andere möchten sich stärker politisch engagieren, je nach Prediger. Wir sind in Sachen Moralisierung generell zurückhaltender geworden. So kann bei uns Wehrdienst leisten, wer will. Dennoch möchten wir darüber diskutieren können.
Bekamen die Täufer im Reformationsjubiläumsjahr genügend Raum und Würdigung?
Ich finde schon. Ich nahm an verschiedenen Podiumsdiskussionen teil und fand das jedes Mal enorm wertvoll. Aber vielleicht ist das der Nicht-Schweizer in mir. Ich ringe nicht darum, als Teil der Reformation anerkannt zu werden. Meine Kollegen erleben das etwas anders. Ihr historisches Bewusstsein hat sich anders entwickelt als meines.