Schwerpunkt 27. Oktober 2026, von Marie-Christine Andres Schürch

Vom Exorzismus zum Befreiungsdienst

«zVisite» – Heilung

Auch heutzutage möchten Menschen von Dämonen befreit werden. Die katholische Kirche bietet dafür den Heilungs- und Befreiungsdienst an – eine «heikle, aber notwendige» Aufgabe.

Die Bibel berichtet, dass Jesus Frauen, Männer und sogar Kinder von «unreinen Geistern» befreite. Es waren besonders diese «Dämonenaustreibungen», die seinen Ruf als Heilsbringer begründeten. Doch woher stammen diese Geister und Dämonen? 

Luzia Sutter Rehmann, Professorin für Neues Testament an der Universität Basel, hat für ihr 2023 erschienenes Buch «Dämonen und unreine Geister» biblische Texte nach Dämonen, Geistern und Satan durchsucht. Über die Dämonen, die im Neuen Testament vorkommen, schreibt sie: «Der Begriff Dämon ist eine Chiffre, die auf etwas Ungutes hinweist, auf etwas Unsägliches, einen Todesschatten, der Lebenskraft raubt, bedrückt, quält.» In den Schöpfungstexten finde sich kein Hinweis auf die Erschaffung von Dämonen: «Gott hat keine Todesschatten geschaffen. Sie entstehen da, wo Hass und Gewalt herrschen.» Gemäss Luzia Sutter Rehmann gibt es keine Dämonen – wohl aber die Auswirkungen von Gewalt, Unrecht, Verbitterung und Verletzung.

Für die katholische Kirche gibt es das personifizierte Böse

Für die Lehre der römisch-katholischen Kirche sind Dämonen aber nach wie vor mehr als erlebte Traumata. Die Kirche versteht Dämonen als gefallene Engel, die sich aus freiem Willen von Gott abgewandt haben und den Menschen vom Heil abhalten wollen. Das hält der Katechismus der katholischen Kirche fest. Eine weitere theologische Grundlage ist das Lehrschreiben der Kongregation (heute: Dikasterium) für die Glaubenslehre «Christlicher Glaube und Dämonenlehre» von 1975. Die österreichische Theologin Teresa Schweighofer schrieb dazu: «Für das Lehramt der katholischen Kirche steht fest: Es gibt nicht nur das abstrakte Böse, sondern auch das personifizierte Böse. Beide können auf unsere erfahrbare Welt einwirken.» 

Die rituelle Vertreibung böser Mächte und Geister aus Menschen, Lebewesen oder Gegenständen wird als «Exorzismus» bezeichnet (griechisch: exorkismós, «das Hinausbeschwören»). Entsprechende Praktiken gab es schon in der vorchristlichen Antike, und es gibt sie auch in anderen Religionen. Im Christentum geht die Praxis auf das Neue Testament zurück, in dem Jesus mehrfach Dämonen austreibt und seinen Jüngern die Vollmacht dazu überträgt. Die römisch-katholische Kirche kennt den sogenannten «kleinen Exorzismus», ein einfaches Befreiungsgebet, und den «grossen Exorzismus», ein streng geregeltes, offizielles Kirchenritual.

Im Mittelalter war das oberste Ziel eines Exorzismus, die Seele des Menschen für die Ewigkeit zu retten; dass Betroffene bei Teufelsaustreibungen verletzt wurden oder sogar starben, kam immer wieder vor. 

Geregelter Exorzismus ab der Jahrtausendwende

Auch in jüngster Vergangenheit wurden Fälle publik, in denen verzweifelte Menschen, die Heilung suchten, bei so genannten Exorzismus-Behandlungen schwer traumatisiert, verletzt oder missbraucht wurden. Ein Fall, der in der Schweiz, in umliegenden Ländern und vor allem auch im Vatikan das Bewusstsein für mögliche Gefahren des Exorzismus geschärft hat, war der Tod der 23-jährigen Deutschen Anneliese Michel. Sie starb 1976 nach zahlreichen Exorzismen an Erschöpfung und Unterernährung. 

Heute geht man davon aus, dass die Studentin Epilepsie hatte. Ihre tiefreligiösen Eltern glaubten jedoch, dass sie von Dämonen besessen sei und liessen zwei Priester Teufelsaustreibungen vornehmen, statt einen Arzt beizuziehen. Die Eltern und die beiden Geistlichen wurden später wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Für die katholische Kirche war dieser Fall ausschlaggebend, strenger auf die Einhaltung der Regeln für die Durchführung eines Exorzismus zu achten.

1999 – 23 Jahre später – vereinheitlichte der Vatikan schliesslich den «grossen Exorzismus». Dieser ist ein einstündiges, von zwei Priestern fast vollständig in lateinischer Sprache vorgetragenes Gebet, das auf das «Rituale Romanum» von 1614 zurückgeht. Für den überarbeiteten Exorzismus wird stärker betont, dass immer zuerst zwischen psychischen Krankheiten und einer möglichen Besessenheit unterschieden werden müsse.

Psychische Ursachen für angebliche Besessenheit

Aus Sicht der modernen Medizin und Psychologie gibt es keine übernatürliche Besessenheit. Die meisten Phänomene, die früher so gedeutet wurden, lassen sich heute diagnostizieren. Dazu gehören die dissoziative Identitätsstörung, Schizophrenie und Psychosen sowie neurologische Erkrankungen wie Epilepsie oder das Tourette-Syndrom. Auch die katholische Kirche erklärt heute, dass sich fast alle Fälle angeblicher Besessenheit auf psychische Ursachen zurückführen lassen. Erst wenn Medizinerinnen keine Erklärung finden, prüfen Exorzisten Hinweise auf spirituelle Ursachen. 

Anzeichen für Besessenheit sind laut den Vorbemerkungen zum «Grossen Exorzismus» das fliessende Sprechen oder Verstehen fremder, alter oder unbekannter Sprachen, welche die betroffene Person nie gelernt hat, aussergewöhnliche Körperkraft, die sich nicht wissenschaftlich erklären lässt, das Wissen über Dinge, die weit entfernt passieren, oder über Geheimnisse fremder Personen und die aggressive Abneigung gegen Symbole wie Kruzifix, geweihtes Wasser oder Gebete.

Es scheint hierzulande also nicht primär die offizielle römisch-katholische Kirche zu sein, die Gläubigen mit Teufel und Dämonen Angst einjagen will. Es gibt zahlreiche Menschen, die auf die Kirche zukommen mit der Bitte, sie von Plagen zu befreien. 

Beim Heilungs- und Befreiungsdienst des Bistums Basel melden sich regelmässig Menschen, die von der Kirche Heilung erhoffen. Die Anrufenden klagen etwa über Schmerzen, die sie noch nie hatten und die unsicher machen. Es melden sich auch Menschen, die nach früherem Drogenkonsum Albträume entwickeln oder sich im Schlaf von bösen Geistern verfolgt fühlen. Andere hören Stimmen oder leiden unter Zwangshandlungen.

Hilfesuchende ernst nehmen

Markus Thürig, Generalvikar des Bistums Basel (siehe Kasten), sagt: «Es braucht den Heilungs- und Befreiungsdienst, weil Menschen Befreiung erbitten von Mächten, die sie bedrängen oder bedrohen. Es besteht eine Nachfrage; Zahlen veröffentlichen wir nicht.»

Der ehemalige Weihbischof Martin Gächter machte sich während seiner Tätigkeit im Heilungs- und Befreiungsdienst Notizen zu den eingehenden Anfragen. «Vor zwanzig Jahren waren es jedes Jahr etwa 35 bis 50, in den letzten Jahren kamen jedes Jahr etwa 60 Anfragen am Telefon oder per Mail», sagte er 2023. Er betonte, wie wichtig es sei, Menschen nicht abzuweisen: «Bitten um einen Exorzismus lösen bei Seelsorgenden und überhaupt in der Kirche viel Unsicherheit und Fragen aus – oft auch Ablehnung. Doch geplagte Menschen müssen ernst genommen und gut begleitet werden.»

Geisterglaube, Freikirchen und Social Media

Die evangelische Informationsstelle Relinfo berichtete im Frühling 2020 von wöchentlichen Anrufen von Menschen, die glauben, von einem Dämon besessen zu sein. Religionsexperte Georg Otto Schmid hielt in einem Interview mit SRF fest, die Anfragen zu Exorzismus und Befreiungsdienst hätten klar zugenommen:  «Es gibt heute mehr Menschen in der Schweiz, die einen Exorzismus wünschen, als vor 25 Jahren, als ich mit dieser Arbeit begonnen habe.» Die Gründe dafür sieht Schmid einerseits in der Migration aus Ländern, in denen der Glaube an Geister traditionell dazugehört, andererseits in Menschen, die sich zu einer pfingstlich-charismatisch-freikirchlichen Weltsicht bekennen, welche die Existenz von Dämonen propagiert.

Es gelinge ihm nur selten, diesen Geisterglauben zu relativieren, sagte Schmid gegenüber SRF. Deshalb versuche er in einem solchen Fall, den Betroffenen in ihrer Weltsicht eine Hilfe zu bieten und zu schauen, dass – wenn sie schon einen Exorzisten suchten – es einer sei, der die Sache seriös durchführe. 

Bistum, Bischof, Weihbischof

Ein Bistum (auch Diözese genannt) ist ein Verwaltungsbezirk der röm.-kath. Kirche, der von einem Bischof geleitet wird. Das Bistum Basel umfasst als grösstes Bistum der Schweiz zehn Kantone und über eine Million Katholik:innen. Bischof Felix Gmür stehen für die Erfüllung seiner Leitungsaufgaben und seiner seelsorgerlichen Tätigkeiten ein bis zwei Weihbischöfe sowie ein Generalvikar zur Seite, aktuell Weihbischof Josef Stübi und Generalvikar Markus Thürig (ab 1. November: Ruedi Heim).

Generalvikar Thürig vermutet, dass soziale Medien dazu beitragen, dass Menschen das Gefühl bekommen, ihre Probleme hätten eine dämonische Ursache und könnten nur durch einen Exorzismus gelöst werden. Er hält fest: «Meist liegen aber sowohl die Probleme als auch die Lösungen dafür in anderen Bereichen. Das klärt sich oft in einem persönlichen Gespräch.»

Autoritästpersonen haben ein estarke Wirkung

Der erfahrene Seelsorger Hans Niggeli arbeitet auf der forensischen Abteilung der Psychiatrischen Dienste Aargau in Königsfelden. Er weiss, dass es immer wieder Psychiatriepatientinnen und Patienten gibt, die via Internet oder über eine Pfarrei explizit einen Priester suchen. Niggeli gibt zu bedenken, dass es eine starke Wirkung haben könne, wenn jemand, der als Autoritätsperson angesehen wird, zu einem sagt: «Dir sind deine Sünden vergeben!» 

Viele von Niggelis Klienten und Klientinnen kämpfen mit «Dämonen», zum Beispiel mit inneren Stimmen, die sie bedrängen. Er habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die in einem stark religiösen Umfeld aufgewachsen sind, eher glaubten, von Dämonen besessen zu sein: «Starke Religiosität kann eine Ressource sein, aber auch ein Risikofaktor für eine Psychose.» Er habe bei seiner Arbeit erlebt, dass ein Dämon etwas sei, das einem die Macht über sich selbst nehme – also auch alle Drogen. Ihm sei wichtig, die Menschen in ihrem Leiden ernst zu nehmen und ihnen zu helfen, eine Gegenkraft zu finden. Gebete können ein solches Gegenmittel sein. «Wir Seelsorgenden bitten zusammen mit den Betroffenen um Schutz und Segen.» 

Kein Spektakel, sondern Geduld

Martin Gächter zog aus seiner jahrzehntelangen Tätigkeit das Fazit, dass nur selten Fälle echter Besessenheit auftreten, die einen Exorzismus nötig machen. Die meisten betroffenen Menschen bräuchten keinen Exorzismus, sondern ein Heilungs- und Befreiungsgebet, das sie stärke und von ihren Plagen befreie. Der Befreiungsdienst bestehe selten bis nie aus spektakulären Erfahrungen, wie man sie aus Filmen kenne, sagte auch der ehemalige österreichische Bischof Klaus Küng 2011 gegenüber der österreichischen Tageszeitung «Der Standard». Die Arbeit umfasse meist «immer wiederkehrende, geduldige Gebete mit der und über die betroffene Person, die sich, ähnlich einer regelmässigen Arztbehandlung, über Monate, ja Jahre ziehen können und nach und nach zu einer Besserung führen sollten.»

Interdisziplinärer Austausch

Am Bischofssitz des Bistums Basel in Solothurn trifft sich zweimal pro Jahr ein Gesprächskreis von zirka zwanzig Priestern, Theologinnen, Seelsorgenden, Ärzten und Psychiaterinnen aus der deutschen Schweiz, um sich über ihre Erfahrungen im Befreiungsdienst auszutauschen. Die interdisziplinäre Gruppe berät jeweils über ein gemeinsam gewähltes Thema, zum Beispiel über häufige psychische Erkrankungen. Das Fachwissen bringen Gruppenmitglieder oder externe Fachpersonen ein. 

Markus Thürig fasst zusammen: «Für die betroffenen Menschen geht es meist um neue Perspektiven, um Handlungsfähigkeit in einer scheinbar ausweglosen Situation, um Versöhnung – manchmal mit der eigenen Lebensgeschichte – um eine Änderung von Lebensgewohnheiten, um die Wiederaufnahme einer Gottesbeziehung, um ein gestärktes Vertrauen in Gottes Macht, Geleit und Wirken. Das Zusammenwirken zwischen Seelsorgenden, Ärztinnen und Psychiatern hat sich sehr bewährt. Wir machen damit gute Erfahrungen.»

«Heikler, aber notwendiger Dienst»

Weltweit organisieren sich über 900 Exorzisten und Exorzistinnen und Hilfskräfte in der Internationalen Vereinigung der Exorzisten (AIE). Die treibende Kraft dahinter war Pater Gabriele Amorth, langjähriger Chefexorzist des Bistums Rom. In den 1990er-Jahren wollte Amorth die Arbeit der «Teufelsaustreiber» versachlichen, ihren Austausch fördern und dem Missbrauch von Exorzismus durch Scharlatane vorbeugen. Die Organisation tritt formell nicht im Namen der Weltkirche auf, hat aber den Segen des Papstes. Offenbar wird die Bedeutung dieses Dienstes im Vatikan als hoch eingeschätzt. Papst Leo XIV. etwa bezeichnete die Arbeit der AIE 2025 als «heiklen, aber notwendigen Dienst der Befreiung und des Trostes». 

Im Gegensatz zum Vatikan verwenden die römisch-katholischen Bistümer der Schweiz den Begriff «Exorzist» nur noch selten. Bereits der ehemalige Weihbischof Martin Gächter, der im Bistum Basel ab 1990 für Exorzismus verantwortlich war und diesen über 30 Jahre lang ausübte, betonte, dass er sich selbst nicht als Exorzist, sondern als Seelsorger im Befreiungsdienst verstanden habe.

Schweizweite Zusammenarbeit mit Medizin und Psychologie

Auch im Bistum Lausanne, Genf und Freiburg gibt es einen «Befreiungsdienst», der mit Psychiaterinnen und Ärzten zusammenarbeitet. Das Bistum Sitten, zu dem das Wallis gehört, hat keinen offiziell ernannten Exorzisten, praktiziert aber seelsorgerliche Befreiungsgebete im Rahmen der kirchlichen Praxis. Auch in den Bistümern Chur und St. Gallen gibt es keine offiziellen Exorzisten mehr. Der Churer Bischof Joseph Bonnemain erklärte als ehemaliger Arzt und langjähriger Spitalseelsorger, dass bei vermuteter Besessenheit vor allem medizinische, psychologische und psychotherapeutische Behandlung hilfreich sei. In beiden Bistümern bieten Seelsorgende Gespräche an und verweisen bei komplexeren Anfragen auf die Angebote oder Weiterbildungen im Bistum Basel oder an psychologische und medizinische Fachstellen.

Im Bistum Basel ist der «Heilungs- und Befreiungsdienst» im Generalvikariat, der Verwaltung des Bistums, verankert und versteht sich als «starke Gebetszusage, dass Christus der Sieger über alles Böse ist». Nach dem Rücktritt von Weihbischof Martin Gächter 2023 sind aktuell Diakon Dominik Meier-Ritz und Priester Christoph Baumgartner damit beauftragt, Anfragen entgegenzunehmen, Seelsorgende und Gläubige zu beraten, sowie den Heilungs- und Befreiungsdienst auszuüben.

Verantwortungslose Rede vom Teufel

Aufgeklärte Menschen könnten der Kirche angesichts der Beschäftigung mit Exorzismen vorhalten, sie sei im Mittelalter steckengeblieben. Die Rede von Teufel und Satan sei ein Anachronismus und verantwortungslos, schrieb der Sektenexperte Hugo Stamm auf seinem «Sektenblog» auf watson.ch im November 2025. «Für Kinder, Jugendliche, hochsensible Erwachsene und psychisch belastete Personen kann nur schon die Vorstellung von der Existenz eines Teufels Ängste und traumatische Reaktionen auslösen.»

Antwort auf ein Bedürfnis

Im Mai 2025 erklärte das Bistum Lugano, es habe offiziell einen neuen Exorzisten ernannt. Das Bedürfnis sei so gross gewesen, dass man die seit 2020 vakante Stelle neu habe besetzen müssen, lautet die Begründung gegenüber dem Schweizer Fernsehen SRF. Nachrichten wie diese zeigen, dass die Kirche mit ihrem Heilungs- und Befreiungsangebot auf ein Bedürfnis reagiert.

«zVisite»

Dieser Text ist eine Produktion der interreligiösen Zeitung «zVisite». zVisite ist eine Kooperation von reformiert., die evangelisch-reformierte Zeitung, Forum, katholisches Pfarrblatt Kanton Zürich, tachles, das jüdische Wochenmagazin, Lichtblick, Zeitung der römisch-katholischen Pfarreien des Kantons Aargau, Christkatholisch, Zeitschrift der Christkatholischen Kirche, Kirchenbote, evangelisch-reformierte Zeitung BS, BL, SO, SH und Zentralschweiz, dem katholischen Pfarrblatt Bern und dem Online-Magazin religion.ch der interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, Iras Cotis.