Bäuchlings liegt der Kunde da, mit freiem Oberkörper. Nun setzt Asima Onur ein halbes Dutzend kleine Gläser auf seinen Rücken. Mit einer Handpumpe saugt sie Luft aus den Gläsern. Dabei entsteht Unterdruck. Blaue Flecken bilden sich.
Hand angelegt wird hier gemäss den Regeln einer Tradition, die bereits der Prophet Mohammed empfahl. Die Hijama-Praktikerin Asima Onur lebt und arbeitet in Olten, wo sie mit muslimischer Heilkunst den Kundinnen und Kunden etwas Gutes tun will.
Hijama – das blutige oder nasse Schröpfen – gehört im Islam zur prophetischen Medizin. Diese stützt sich auf Überlieferungen aus dem Leben Mohammeds. Dazu zählen Heilmittel wie Honig, das Rezitieren von Koransuren oder eben das Schröpfen. «Die beste Behandlung, die ihr anwenden könnt, ist Hijama», sagte Mohammed gemäss einem Hadith von Sahih al-Buchari, einer Überlieferung über das Leben des Religionsgründers.
Ritzen, absaugen, einreiben
Nach einigen Minuten entfernt Onur die Gläser, desinfiziert die Haut und ritzt die Flecken mit einer Klinge ein. Sie setzt die Schröpfgläser wieder auf die Wunden und pumpt erneut Luft ab. Blut quillt aus der aufgeritzten Haut. Die Wunden reibt Onur zum Abschluss mit Johanniskrautöl ein. «Das hilft bei der Heilung», erklärt sie.
Zum Schröpfen kam Onur auf Umwegen. Schon als Kind wollte sie kranken Menschen helfen. «Meine Mutter war ständig krank», erinnert sie sich. «Ich begleitete sie oft zum Arzt, um zu übersetzen.» Ein Medizinstudium sei für sie aber nie infrage gekommen. «Da muss man Leichen sezieren, und davor habe ich zu viel Respekt.»
Stattdessen machte Onur eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete im Büro. Der Wunsch, kranken Menschen zu helfen, blieb aber. Als sie von Hijama hörte, war sie fasziniert: «Wenn der Prophet es empfohlen hat, muss es etwas Gutes sein», dachte Onur, die in einer kurdischen Familie muslimischen Glaubens in Bern aufgewachsen ist. Auf der Suche nach einer Ausbildungsmöglichkeit stiess sie auf eine Fachschule für Chinesische Medizin in Basel. Dort absolvierte sie die Ausbildung zur Komplementärtherapeutin. Heute führt die 38-Jährige eine Praxis in Olten.
Einzelne Studien
Die meisten Kunden, die bei Onur eine Hijama-Sitzung buchen, sind Muslime. Sonst ist die Kundschaft aber durchmischt. Wer nicht zum Schröpfen kommt, ist an anderen Therapien interessiert. Das könne sich ändern, betont Onur. Die Methode tue allen Menschen gut.
Schröpfen ist eine uralte Heilmethode. Laut den US-amerikanischen National Institutes of Health deuten einzelne Studien darauf hin, dass Schröpfen Schmerzen lindern und das Wohlbefinden steigern kann. Belastbare wissenschaftliche Belege fehlen aber.
Von «heilen» möchte Asima Onur nicht sprechen. «Man wird nicht automatisch geheilt, wenn man Hijama macht», stellt sie klar. Für sie ist das Schröpfen eine ganzheitliche Therapie, bei der die Patienten selbst mithälfen, damit sich die Beschwerden linderten, ähnlich wie in der traditionellen chinesischen Medizin. Zudem kämen auch Gesunde zum Schröpfen, um ihr Wohlbefinden zu steigern. «Menschen etwas Gutes zu tun, ist meine Berufung», sagt Onur.
