Schwerpunkt 27. Oktober 2026, von Felix Reich, Beatrix Ledergerber

«Es gibt dieses völlig sinnlose Sterben»

«zVisite» – Heilung

Die Pfarrerin Susanna Meyer Kunz und der Imam Saban Azizi arbeiten als Seelsorgende am Universitätsspital Zürich. Sie erzählen von der Verzweiflung und der Hoffnung auf Wunder.

Seit drei Jahren arbeiten auch muslimische Seelsorgerinnen und Seelsorger am Universitätsspital Zürich (USZ). Wie lautet Ihre Bilanz? 

Susanna Meyer Kunz: Die Patientinnen und Patienten profitieren sehr. Wir haben sehr viele Menschen aus dem Balkan in Behandlung. Sie gehören zu einer Minderheit, haben vielleicht Mühe mit der Sprache, sind krank, fühlen sich hilflos. Wir standen zwar auch diesen Menschen bei, doch zum Beispiel bei Erfahrungen von Kindsverlust hatten wir nicht ausreichende Kompetenz, um adäquat zu reagieren. 

Saban Azizi: Wir profitieren von den langjährigen Erfahrungen unserer christlichen Kolleginnen und Kollegen. Vorher waren wir als Freiwillige auf Abruf in der Seelsorge, nun sind wir institutionell eingebunden. In Extremsituationen sprechen Menschen oft lieber in ihrer Muttersprache. Dann führen wir auch Gespräche mit christlichen Patientinnen und Patienten.

Und wo gibt es Schwierigkeiten? 

Meyer Kunz: Eine Herausforderung ist, dass keine muslimische Religionsgemeinschaft öffentlich-rechtlich anerkannt ist. Dem USZ ist sehr daran gelegen, dass sie trotzdem als Seelsorgende arbeiten können. Unser Hausjurist und Fachleute in den Landeskirchen haben einen grossen Aufwand betrieben, um die nötigen Grundlagen zu erarbeiten. Aber es sind noch Notlösungen.

Azizi: Viele Muslime kennen nur die traditionelle Seelsorge des Imams einer Moschee, die stark religiös und traditionell geprägt ist. Einige sind vor einem politisierten Islam geflüchtet und wollen zuerst gar nichts mit Religionsvertretern zu tun haben. Ihnen gilt es das Konzept der Seelsorge zu erklären und ihnen die Angst vor der Beeinflussung zu nehmen. Wenn es zu einem Gespräch kommt, sind sie meistens sehr erleichtert und dankbar.

Kennt der Islam Rituale, die nur ein Imam vollziehen kann – wie das Sterbesakrament, das nur katholische Priester spenden dürfen? 

Azizi: Nein, wir Seelsorgenden, auch die Frauen, können alle Formen der Seelsorge, Rituale oder Gebete anbieten. Es gibt aber Menschen, die von ihrem kulturellen Verständnis her unbedingt einen Imam wollen. Dann werde ich hinzugezogen, weil ich sowohl als Imam wie auch als Spitalseelsorger ausgebildet bin. Wir machen das, weil die Menschen es wünschen, nicht weil es vom Islam her notwendig wäre.

Susanna Meyer Kunz

Seit 2019 leitet Susanna Meyer Kunz die reformierte Spitalseelsorge am USZ. Nach der Ausbildung zur Pflegefachfrau studierte sie Theologie und absolvierte Weiterbildungen in Psychoonkologie und Notfallpsychologie. 

Es gibt religiöse Auslegungen, die Krankheit als Strafe Gottes oder als Leidensweg zur Reinigung verstehen. Werden Sie oft mit solchen Konzepten konfrontiert? 

Meyer Kunz: Menschen mit schweren Essstörungen haben zuweilen sehr rigide Vorstellungen. Oft wurden sie in Freikirchen sozialisiert, manche werden ausgegrenzt. Dann gibt es gläubige Menschen, die nicht zu viele Schmerzmedikamente nehmen wollen, weil auch Christus gelitten habe. Im Gespräch wandelt sich manchmal dieses Gottesbild. 

Azizi: Manchmal sagen Angehörige: Du bist doch ein guter Mensch, warum hast du eine so schwere Krankheit? Das belastet sie sehr. Es gibt einen Vers im Koran, in welchem der Prophet Abraham Gott um Heilung bittet. Daraus folgern wir: Gott hat die Krankheiten, aber auch die Heilung erschaffen. Krankheit gehört zum Leben, ich kann Gott um Heilung bitten oder darum, die Krankheit gut zu tragen.

Nicht immer ist sinnvoll, was medizinisch möglich ist. Wie bringt sich die Seelsorge ein, wenn ethisch komplexe Entscheide anstehen? 

Meyer Kunz: Geht es um medizinethische Fragen, werden wir in die Fallbesprechungen einbezogen. Betroffene ermutigen wir, eigene Entscheidungen zu treffen. Dass Therapieziele angepasst werden, weil es in erster Linie um die Lebensqualität geht und eine Krankheit nicht mehr um jeden Preis bekämpft werden kann, ist breit anerkannt. 

Azizi: Ich erlebe oft, dass es vor allem den Angehörigen schwerfällt, loszulassen. Manchmal ist es eine Frage der Sprache. Die Familie einer bereits hirntoten Person wollte partout nicht einwilligen, dass die Maschinen abgestellt werden. Nach mehreren Gesprächen mit den Ärzten wurde ich hinzugezogen. Erst jetzt konnten sie die Situation richtig verstehen und liessen die Veränderung der Therapieziele zu.

Die Evangelien erzählen von Jesus und den Aposteln, die Kranke heilen. In einem Spital stellt sich jedoch niemand ans Bett und sagt: «Steh auf und zeig, dass du gehen kannst» (Joh 5,8). Sind die Heilungsgeschichten Stolpersteine oder trotz allem Quellen der Hoffnung? 

Meyer Kunz: Für mich sind sie eine Bereicherung. Sie stehen für eine Wirklichkeit, die im hoch technologisierten Klinikalltag oft keinen Platz hat. Wunder geschehen: Menschen, die trotz schlechter Prognosen gesund werden. Zudem sagt Jesus mehrmals, der Glaube habe die Menschen geheilt. Damit wirft er die Frage auf, was dieses Aufstehen bedeutet. Die Erzählungen laden dazu ein, darüber nachzudenken, was einem Patienten wichtig ist.

Saban Azizi

Imam Saban Azizi arbeitet als Seelsorger am USZ. Die muslimische Seel­sorge wird vom gemeinnützigen Verein Qualitätssicherung der Muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen im Kanton Zürich verantwortet.

Und wenn nur Verzweiflung bleibt? 

Meyer Kunz: Es gibt dieses völlig sinnlose Sterben: eine junge Mutter, die auf dem Zebrastreifen von einem betrunkenen Autolenker angefahren wird, ein Jugendlicher, welcher schwer an Krebs erkrankt. Dann sind die Heilungsgeschichten tatsächlich Stolpersteine, diese Spannung lässt sich nicht auflösen. 

Erzählt auch der Koran von wundersamen Heilungen? 

Azizi: Mehrfach erwähnt wird Hiob, der 18 Jahre lang krank im Bett lag. Als er sich mit einem Bittgebet an Gott wendet, wird er plötzlich gesund. Dass Gott unsere Bitten erhört, ist eine starke Ressource. 

In Wirklichkeit lassen sich Krankheiten nur selten wegbeten. 

Azizi: Auch davon erzählt der Koran. Hiob wird von allen Freundinnen und Freunden verlassen. Sie machen ihm Vorwürfe, weil sie glauben, dass er gesündigt haben muss. Allein seine Frau steht ihm bei. Es geht also um jene Zuwendung, die auch in der Seelsorge zentral ist. Hiob, der in Bibel und Koran vorkommt, kann da eine hilfreiche Figur sein: Gott hat Tod und Leben, Krankheit und Gesundheit geschaffen. Die Ursache für eine Krankheit bleibt oft im Dunkeln. Jemandem beizustehen, heisst dann, die Verzweiflung und Sinnlosigkeit auszuhalten. Heilung kann auch bedeuten, dass die Seele zur Ruhe kommt. 

Meyer Kunz: Wichtig ist, dass wir Heilung nicht nur individuell verstehen. Wer auf der Notfallabteilung arbeitet, wird beinahe täglich mit Fällen von häuslicher Gewalt konfrontiert. Es gibt strukturelle Krankheiten in der Gesellschaft.

Und was können die Religionen dazu beitragen, dass die Gesellschaft Heilung erfährt? Sie haben ja auch durchaus Spaltungspotenzial. 

Azizi: Deshalb müssen sie das Gemeinsame betonen und vorleben, was Friede und Versöhnung heisst. 

Meyer Kunz: Den Opfern beistehen und die Täter begleiten, zum Beispiel in der Gefängnisseelsorge, das halte ich für eine ganz zentrale Aufgabe der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Gewaltverbrechen hinterlassen immer Verletzungen. Sie können nur durch Aufarbeitung heilen, in der vielleicht sogar Versöhnung möglich wird. 

«zVisite»

Dieser Text ist eine Produktion der interreligiösen Zeitung «zVisite». zVisite ist eine Kooperation von reformiert., die evangelisch-reformierte Zeitung, Forum, katholisches Pfarrblatt Kanton Zürich, tachles, das jüdische Wochenmagazin, Lichtblick, Zeitung der römisch-katholischen Pfarreien des Kantons Aargau, Christkatholisch, Zeitschrift der Christkatholischen Kirche, Kirchenbote, evangelisch-reformierte Zeitung BS, BL, SO, SH und Zentralschweiz, dem katholischen Pfarrblatt Bern und dem Online-Magazin religion.ch der interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, Iras Cotis.