Faith Fajembola steht verlegen am Rednerpult. Die Vierzehnjährige legt heute erstmals Zeugnis ab. Sie erzählt, dass sie im Sommer ins Gymi gekommen ist, ihre Noten aber auf der Kippe waren. Darum habe sie im Januar das dreiwöchige Fasten mitgemacht und sogar bis 3. Februar ausgedehnt – an jenem Tag wurden die Ergebnisse der Probezeit mitgeteilt. Lächelnd sagt sie ins Mikrofon: «Ich habe bestanden!» Jubelnder Applaus.
Es ist Sonntagmorgen. Im oberen Stockeiner Autogarage in der Industriezone von Buchs ZH hat gerade der Gottesdienst der «Winning Faith Ministries» begonnen. Die Kirche ist seit 2015 hier eingemietet. Wie die meisten der rund hundert afrikanischen Kirchen in der Schweiz ist sie pfingstlerisch geprägt (s. Kasten) und gehört damit zu jenem Zweig des Christentums, der weltweit am stärksten wächst.
Der Saal ist ein liebevoll gepflegtes Reich: Der braune Plattenboden glänzt frisch geputzt, an der Decke deuten Flaggen auf die Herkunftsländer der Mitglieder: Nigeria, Uganda, Ghana, Kamerun, Kenia, Liberia, Schweiz. Auf der Bühne glitzert ein Schlagzeug in buntem Licht, es stehen Elektrogitarren und Mikrofonständer parat. Die roten Stuhlreihen füllen sich im Verlauf des Gottesdiensts mit schick gekleideten Männern, Frauen und Kindern.
Wünschevorbringen. Jetzt ergreift der 39-jährige Samuel Nwadimma das Wort. Auch er erfuhr in der Fastenzeit Gottes Kraft. Sein Bruder in Nigeria wollte auswandern. Er versuchte, ihn abzuhalten, in Europa sei es nicht, wie er denke. Nwadimma wandte sich an Gott: Es ist in deiner Hand. Sein Bruder bekam ein Visum für die USA.
Nach dem Gottesdienst erzählt der ernste Mann, dass er jedes Jahr 21 Tage lang von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends auf Essen und Trinken verzichte. «Mit leerem Magen kann ich mich besser auf Gott konzentrieren. Fasten ohne Beten ist Zeitverschwendung.» Er glaubt, dass mit Fasten verbundene Gebete besonderes Gewicht haben. Letztes Jahr bat er Gott, dass sein Geschäft mit Occasionsautos wieder in Schwung kommt. Gott half auch da.
Während die Fastenzeit der historischen Kirchen vor Ostern angesiedelt ist, pflegt Winning Faith Ministries eine eigene Tradition: Jedes Jahr wird mit drei Wochen Fasten und Beten eröffnet. Nwadimma sagt: «Anfangs Jahr bringe ich Gott meine Pläne und Wünsche vor, und das verschafft mir Erleichterung.» Das Fasten ist für ihn ein Mittel, sich Gott hinzuwenden, der Verzicht als Willenstraining steht weniger im Zentrum.
Wundererfahren. Pastor Jonathan erzählt im Gottesdienst weitere Geschichten von Gottes Wirken, seine Schweizer Frau übersetzt: Von einer krebskranken Frau im Endstadium, die gesund wurde, und einem verstorbenen Baby, das aufwachte. Der Applaus wird mit jedem Wunder frenetischer.
Auf drei Bildschirmen an der Decke bezeugen Bibelstellen: Gottes Wille für seine Kinder ist Gesundheit, Wohlstand, Eheglück, Karriere, Erfolg in allen Dimensionen des Lebens. Wer ein gottgefälliges Leben führt und Gott stets an seine Versprechen erinnert, wird Erfüllung erfahren.
«Es ist wie im Fussballmatch. Auch wenn du 2:0 im Rückstand bist, gib nicht auf, bevor die 90 Minuten um sind!», schmettert der Pastor ins Mikrofon. Der Schlagzeuger, der Trompeter und der Chor machen Stimmung, Gott wird gepriesen. Während der Kollekte tanzt eine Polonaise durch die Stuhlreihen: «I am a winner, I am a winner in the Lord Jesus!»
Den Menschen Hoffnung und Vertrauen zu schenken, ist das Hauptanliegen von Winning Faith Ministries. Obwohl diemeisten Mitglieder seit Jahren in der Schweiz leben, ist ihr Alltag von Herausforderungen geprägt: Erschwerte Jobsuche, Ehekrisen, schulische Probleme der Kinder und Konflikte mit ihnen. Ebenso wichtig wie die Botschaft, dass Gott jede Situation zum Guten wenden kann, ist der Rückhalt durch die Gemeinschaft, die sich als grosse Familie versteht.
Party feiern. Die historischen Kirchen kritisieren die in vielen Pfingstkirchen zentrale Verkündigung, dass ein gläubiger Christ mit innerweltlichem Erfolg rechnen darf, als «Wohlstandsevangelium». Sie vermissen in dieser Theologie den Platz des erniedrigten Christus, des unheilbar Kranken oder behinderten Menschen, und fragen: Wird nicht suggeriert, der Gläubige könne Gott durch Gebete oder Geldspenden zur Gnade zwingen?
Doch der Ball wird zurückgespielt: Konzentrieren sich die historischen Kirchen nicht zu sehr auf die spirituelle Dimension des Heils und zu wenig auf die leiblich-materiellen Sorgen der Menschen, wie es Jesus tat?
«Kommt unbedingt alle in einer Woche wieder und bringt Gäste mit! Wir machen dann etwas Besonderes, räumen alle Stühle weg, es gibt Fingerfood.» Pastor Jonathan beendet den zweistündigen Gottesdienst mit einem feurigem Werbespot für den Valentinstag: «Verbring diesen Tag mit der Liebe deines Lebens, Jesus. Wir werden eine tolle Party veranstalten.»
