«Vierzig Tage liegen vor uns zum Nachdenken über Fülle und Verzicht, über Wesentliches und Vergängliches.» Esther Schläpfer, Pfarrerin am Berner Münster, begrüsst die gut siebzig Besucherinnen und Besucher der ökumenischen Vesper zum Aschermittwoch. Draussen ist es Nacht und seit Langem wieder einmal winterlich kalt.
Auch drinnen zieht kaum jemand Jacke oder Mantel aus, es ist kühl im Münster. Im Chor ragt ein riesiges Baugerüst in die Höhe, das prächtige Gewölbe soll von jahrhundertealtem Schmutz und Russ befreit werden.
Aschestreuen. Zum ersten Mal seit 1528 wird im reformierten Münster wieder ein Aschermittwoch gefeiert, gemeinsam mit der christkatholischen und der lutherischen Gemeinde Bern. Auf dem Abendmahlstisch zeigen zwei violette Antependien den Beginn der Passionszeit an, an Ostern werden diese Tücher durch weisse ausgetauscht sein.
Asche ist Symbol für Busse, Reinigung,Vergänglichkeit und Neuwerden. Und sie wird in diesem Gottesdienst auch ganz materiell eingesetzt. Die christkatholischen Geistlichen Christoph Schuler und Anne-Marie Kaufmann, der lutherische Pfarrer Falko von Saldern und die reformierte Pfarrerin Schläpfer laden die Leute ein, nach vorn zu kommen, streuen etwas Asche auf ihr Haupt, zeichnen damit ein flüchtiges Kreuz aufs Haar, begleitet von den Worten: «Bedenke, Mensch, dass du Staub bist, und kehre um zu Gott, deinem Licht und Leben.»
Danach erklingt die Orgel mit Bachs «O Mensch bewein dein Sünde gross». Die Musik, so auch die Wechselgesänge mit dem Kantor, ist ein tragendes Element der Liturgie. Nebst den vielen, ungewohnt langen Momenten der Stille.
«Zerreisst eure Herzen, nicht eure Kleider.» Diese Worte des Propheten Joel werden immer wieder aufgenommen im Gottesdienst. Auch in der Predigt von Falko von Saldern. Der Lutheraner spricht von Kriegen, dem Flüchtlingselend, dem Klimawandel. Und vom verloren gegangenen Bewusstsein für kollektive Schuld und Busse.
«Wir sind überall in unserem Leben in Schuld verstrickt», sagt er. Oft habe man auch kaum eine Chance, sich ihr zu entziehen. Doch sie verschwinde nicht, bloss weil die Verantwortung dafür weit gestreut sei. «Kehrt um», bedeutet für den Pfarrer nicht vordergründige Busse. Es gelte, der verborgenen Schuld im Leben nachzugehen und gemeinsam dagegen anzugehen: «Allein können wir den Strukturen der Schuld nicht entkommen.»
Suppeessen. Nach dem Gottesdienst wechseln einige der Teilnehmer vom Münster direkt ins nahe gelegene Kirchgemeindehaus. Sie besuchen den Informationsabend der Fastengruppe. Viele machen schon länger mit beim vorösterlichen Fasten. Die meisten sind Frauen, doch immerhin haben sich diesmal schon vier Männer angemeldet. Um die dreissig Personen werden teilnehmen.
«Ostern ist für mich das wichtigste Kirchenfest», sagt Marguerite Imobersteg. Seit zwanzig Jahren fastet sie in der Passionszeit. Der Verzicht schenke ihr Dankbarkeit, lenke das Bewusstsein auf die Auferstehung und das ewige Leben. «Nach einer ersten Trauer kommen das Glücksgefühl und die Zuversicht, Schweres im Leben besser tragen zu können.»
Auf dem grossen Tisch stehen etwas verloren zwei Tetrapaks Fruchtsaft und zwei Schüsselchen mit Grissini. Pfarrerin Schläpfer schenkt Wasser aus, auch sie wird fasten. Vom 29. Februar an wird die Gruppe fünf Tage lang keine feste Nahrung zu sich nehmen und sich abends im Kirchgemeindehaus treffen, um gemeinsam die Fastensuppe zu essen, eine Bouillon, in der Gemüse ausgekocht wurde. Vor allem aber auch, um nach dem «Dessert», einem Löffelchen Honig, an der kurzen meditativen Feier teilzunehmen, die jeden Abend abschliesst.
«Wenn wir fasten oder wenn Menschen hungern, kommt es zu einer Umstellung des Stoffwechsels», sagt der pensionierte Arzt Martin Kägi. Wie immer erklärt er medizinische Fakten rund um das Ganzfasten, gibt Tipps, wie es am besten gelingt. Es ist das siebte Mal, dass er mitmacht, mit jedem Mal werde es schöner, sagt er.
Brotbrechen. Dass so viele Menschen frieren und hungern wie in Syrien, geht Kägi nahe: «Dafür braucht es nicht die emotionale Durchlässigkeit, die sich beim Fasten einstellt.» Es reiche der Blick in die Zeitung. Natürlich helfe sein fünftägiger Verzicht keinem Hungernden. Und doch glaubt er: «Mit dem Fasten wächst der Sinn für das Wesentliche.» Wieso etwa sollte er sein altes Handy durch ein Smartphone ersetzen?
Am ersten Samstag im März wird sich die Fastengruppe vor Sonnenaufgang wieder im Münster treffen. Zu einer letzten liturgischen Feier, während derer in der Mitte auf dem Abendmahlstisch schon das frisch gebackene Brot duftet. Ein magischer Moment. Da sind sich alle einig. Martin Kägi erzählt: «Wenn es draussen hell wird, bricht jeder ein faustgrosses Stück Brot ab. Und zögert den Moment, es zu essen, oft noch lange hinaus.»
