Sie begnügt sich mit 20 Quadratmetern

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Bea Eigenmann wohnt in einem Tiny House auf dem Baugrund der Kirchgemeinde Wädenswil. Sie führt durch das Haus und zeigt sogar ein Geheimversteck.

In einer Holzkiste hinter dem Haus wachsen Tomaten, am Eingang neben der Treppe spriessen Minze und Thymian, aber die Ernte, auf die Bea Eigenmann besonders stolz ist, kommt direkt aus dem Gefrierfach. «Meine Eiswürfel sind von der Sonne gemacht, von den eigenen Solarpanels», sagt sie und lacht. 

Die 52-Jährige sitzt leger in Tunika und Leggings gekleidet am Gartentisch, über dem Kopf flattern T-Shirts an der Wäscheleine, auf dem Nachbargrundstück reifen die Äpfel in den Plantagen. Seit März wohnt sie hier auf einem Grundstück der reformierten Kirche Wädenswil. Nicht in einer der heiss begehrten Immobilien in Stadtnähe – sondern in einem Tiny House, also in einem klitzekleinen Haus.

Videorundgang durch das Tiny House

Die Kinder im Wohnwagen

Während viele sich im Zuge der Pandemie vergrössern, mehr Platz und Raum suchen, hat sich Bea Eigenmann verkleinert. Sie hat ihre 100-Quadratmeter-Eigentumswohnung verkauft und ist in ein Holzhaus mit 20 Quadratmetern Fläche gezogen. Von all den Dingen, die sie beim Umzug zurücklassen musste, fehlt ihr nichts. «Ich wollte Ballast abbauen, weniger Verantwortung für ein altes Haus und mich aufs Wesentliche konzentrieren», sagt die von ihrem Ex-Partner getrennt lebende Mutter von drei Kindern. Zwei wohnen die Hälfte der Woche noch bei ihr, sie sind in Ausbildung. Momentan schlafen sie in einem Wohnwagen, doch bald sollen sie ein Zimmer in einem Anbau bekommen.

Beim Gundstück, auf dem das Tiny House steht, handelt es sich um Bauland an bester Lage, zwischen alten Bauernhäusern und Neubau-Terrassenwohnungen, wie sie am Zürichsee üblich sind. Eigenmann: «Das Haus ist eine Massanfertigung und ein Familienprojekt.» Ihr ehemaliger Partner, ein Schreiner, hat es mit seiner Firma für sie gebaut, eine Tochter packte während eines Praktikums mit an. Eigenmann schätzt den Wert des Holzhauses auf etwa 250 000 Franken. Denn obwohl es so klein ist, ist alles drin: eine Küchenzeile mit farbigen Holzfronten, ein WC und eine freistehende ovale Badewanne. Im Obergeschoss befindet sich das Schlafzimmer. Der Strom stammt von der eigenen Solaranlage, gekocht wird mit Gasflaschen. Im Winter heizt ein Schwedenofen. Sitzt Eigenmann im Homeoffice am weissen Schreibtisch neben dem Sofa, sieht sie das Grün der Halbinsel Au. Sie arbeitet für Greenpeace in der Personalabteilung. Das Leben im Kleinhaus hat für sie auch ideologische Gründe. «Es ist eine tolle Wohnform, um Boden zu nutzen, ohne ihn zu versiegeln. Quasi eine andere Form der Verdichtung.»

Gemeinschaft erwünscht

Minihäuser sind populär, Tausende lassen sich auf Youtube besichtigen. Auch Eigenmann sieht sich als Botschafterin, ist offen für Besuche von Schulklassen oder Studenten. Gerade für Junge, die sich ein grosses Haus nicht leisten können, seien Tiny Houses attraktiv, glaubt sie. Auch wenn es auf Rädern steht, sieht Bea Eigenmann ihr Haus nicht an einem fernen Strand oder hoch im Gebirge. Sie lebt seit 25 Jahren in Wädenswil, geniesst den Anschluss an die Grossstadt, Kulturveranstaltungen und ihren Freundeskreis. Allerdings will sie nicht ewig auf weiter Flur allein stehen. Auch mit Blick auf das Alter möchte sie sich anderen Kleinstwohnform-Projek- ten anschliessen. «Insofern ist das Haus auch eine Investition in meine Zukunft.»

Bea Eigenmann, 52

Die gebürtige Zürcherin ist für zwei Jahre Zwischenmieterin auf einem Grundstück, das die reformierte Kirchgemeinde Wädenswil an Projekte im Bereich Kleinstwohnformen vermietet. Bea Eigenmann ist die zweite Mie- terin, die erste Familie zog mit ihrem Haus im Herbst 2020 weiter.