«Keiner will die Eltern überführen»

Kinderwunsch

Als Hannes Streif erfuhr, dass er von einem anonymen Samenspender abstammt, geriet ei­niges ins Wanken.

Als Anwalt ist es Hannes Streif gewohnt, dass Menschen lügen. Der 45-Jährige weiss, dass sie mit kleinen und grossen Verschiebungen ihre eigene Geschichte zu ihren Gunsten zurechtrücken, im Bestreben, Schaden zu begrenzen. «Lügen ist menschlich», sagt er, «das haut mich nicht aus den Socken.» Auch er selbst erfindet manchmal Notlügen, privat, nicht im Beruf. 

Eine Lüge aber riss ihn aus seinen Gewohnheiten. Sie hinterliess in seinem Leben eine Zäsur, die bis heute spürbar ist. 

Hier in dieser Kanzlei, wo die Aufdeckung dieser Lüge ihren Anfang nahm, erhielt er 2017 ein Päckchen eines Unternehmens, das DNA-Tests anbot, um mehr über die eigene ethnische Herkunft zu erfahren. Aus purer Neugier wollte Hannes Streif schauen, woher seine dunklen Augen und Haare stammen könnten. Das Resultat ein paar Wochen später brachte dann aber keine Ahnen in Übersee, sondern: zwei Halbbrüder.

Ein Fremder im Spiegel 

Streif dachte erst an eine Verwechslung. Dann, dass sein Vater eine Aussenbeziehung hatte. Die Wahrheit eröffnete ihm eine Mail an den einen Halbbruder, der in Wien lebt. Dieser erzählte ihm, dass sie einen gemeinsamen biologischen Vater haben. Einer, der im Jahr 1981 anonym Samen spendete. 

Im Spiegel erblickte ich damals plötzlich einen Fremden. Im Lift, im Badezimmer – überall betrachtete ich mich und dachte: Wer zum Teufel schaut mich da an?
Hannes Streif

Als Streif seine Mutter damit konfrontierte – der Vater war verstorben –, erzählte sie ihm, dass dieser unfruchtbar war und sie sich im Inselspital Bern hatte behandeln lassen. Wer der Spender war, wusste sie nicht, das Spital gab keine Informationen. Das ist heute verboten, ein Mensch hat das Recht auf das Wissen über seine Herkunft. 

Jetzt, neun Jahre später, haben sich Hannes Streifs Gefühle rund um seine Herkunft gelegt. Als er aber im Sitzungszimmer seiner Kanzlei berichtet, was dies damals auslöste, werden sie noch einmal deutlich spürbar. «Im Spiegel erblickte ich damals plötzlich einen Fremden. Im Lift, im Badezimmer – überall betrachtete ich mich und dachte: Wer zum Teufel schaut mich da an?» 

Der Vater war ein Student

Nach einer intensiven Recherche fand er heraus: Sein biologischer Vater war ein Student, der während vier Jahren pro Woche zweimal Samen spendete. Kontakt mit ihm aufzunehmen, war leider nicht mehr möglich, auch er war inzwischen gestorben. Streif fand jedoch dessen  zwei Töchter. Sie erzählte ihm, dass ihr Vater ein Lebemann gewesen sei, das Leben genoss. 

Mein biologischer Vater und ich, wir wären ein super Match gewesen.
Hannes Streif

Bis heute hat er mit ihnen und inzwischen einem Dutzend weiteren Halbgeschwistern Kontakt. Es dürfte erst die Spitze eines Eisbergs sein. Er strahlt, als er erzählt, dass sie sich regelmässig träfen und stets viel Spass hätten. «Wir haben alle den gleichen Humor – und wir Männer nutzen alle das gleiche Deo.» Er sagt überzeugt: «Mein biologischer Vater und ich, wir wären ein super Match gewesen.» 

Die Wahrheit zumuten 

Mit dem Wissen um seinen Vater fühlte Streif sich wieder ganz. «Als hätte ich den Arm, der mir abgerissen worden war, wieder angenäht bekommen.» Seine ambivalenten Gefühle den Eltern gegenüber verschwanden aber nicht mehr. Er sagt: «Ich grollte ihnen sehr. Wie konnten sie mir das vorenthalten?» 

Sein sozialer Vater habe der Mutter auf dem Sterbebett das Versprechen abgenommen, dass sie es ihrem Sohn nie mitteilen dürfe. «Ich bedaure, dass ich ihm nicht mehr sagen konnte: Hey, du hättest es mir sagen können, ich wäre dir nicht böse gewesen.» Das habe er auch zu seiner Mutter gesagt.
«Dass ich ein Kind von einem Samenspender bin, ist nicht schlimm. Schlimmer ist, dass ich meine Eltern überführen musste. Das will man nicht.»