Wenn das Leben andere Pläne hat

Kinderwunsch

Er bestimmte fünf Jahre lang ihr Leben. Katrin Schmitter und Fabian Fellmann durchliefen Abklärungen und Behandlungen. Am Ende führte der Weg jedoch woandershin. 

Montagmittag in einer hellen Altbauwohnung in der Stadt Bern. Katrin Schmitter und Fabian Fellmann sitzen am Küchentisch, trinken Kaffee. Sie sprechen über ein Thema, das sie schon lange begleitet. 

Fünf Jahre wünschten sie sich nichts sehnlicher, als Eltern zu werden. Der Kinderwunsch bestimmte ihr Leben. 

Es gab spontane Schwangerschaften, doch Schmitter verlor das Kind kurz darauf jeweils wieder. Nach der zweiten Fehlgeburt empfahl die Frauenärztin, ein Kinderwunschzentrum aufzusuchen. Dort bekamen die beiden einen Satz zu hören, der sie bis heute beschäftigt: «Bis zu drei Fehlgeburten sind eigentlich normal.» Schmitter erinnert sich, wie sie daraufhin fragte: «Was heisst denn normal?» 

Das Gefühl von Kontrollverlust

Mit jedem Zyklus kam auch die Angst vor einem erneuten Verlust. Im Zentrum habe man ihnen erklärt, dass man in den meisten Fällen keinen klaren Grund finde, warum es nicht klappe. Zuerst hatten beide das Gefühl: Jetzt, unter professioneller Obhut, geschieht endlich etwas. 

Bald jedoch fühlte es sich nach Kontrollverlust an. Der Alltag richtete sich nach den Behandlungsterminen, nach Blutwerten und Eisprung. «Ich war gefühlt alle zwei Tage dort», berichtet Katrin Schmitter. Aber die Therapie sei nicht wirklich auf sie zugeschnitten gewesen.

Während der Corona-Pandemie hatte ich zum ersten Mal nicht das Gefühl, ich bin schuld.
Katrin Schmitter

Der Kinderwunsch begann, Zeit, Energie und Aufmerksamkeit zu absorbieren. Das Paar wechselte das Zentrum, entschied sich für eine In-vitro-Fertilisation. Doch Schmitter wurde nicht schwanger. Dann kam die Corona-Pandemie. Alles wurde eingestellt. Für die heute 46-Jährige war die Zwangspause entlastend. «Zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, ich bin schuld.» 

Ihr Partner jedoch erlebte diese Phase ambivalent. «Kinderwunsch ist ein Paarthema», sagt Fellmann. «Es braucht immer zwei.» Gleichzeitig finde fast alles am Körper der Frau statt. «Sie ist viel unmittelbarer betroffen.» 

Schwierige Position für den Mann

Für ihn habe das bedeutet, die Partnerin auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel zu ermutigen und zugleich zu sehen, dass dieser Weg für die Partnerin kaum mehr aushaltbar sei. «Das ist eine schwierige Position.» Aufhören sei kein klarer Schnitt gewesen. «Das ist ein Trauerprozess», sagt Fellmann.

Nach der Pandemiepause wurde Schmitter noch einmal auf natürlichem Weg schwanger, verlor das Kind jedoch erneut. Danach war für sie klar, dass sie diesen Weg nicht weitergehen konnte. «Jetzt ist fertig», sagt sie. «Ich wollte das nicht noch einmal durchmachen.» 

In dieser Zeit eröffnete sich eine andere Möglichkeit. Fellmann, der als Journalist arbeitet, erhielt eine Korrespondentenstelle in Washington. Sie gingen gemeinsam in die USA. «Das hätten wir so nicht gemacht, wenn wir ein Kind gehabt hätten», sagt Schmitter. Der Aufenthalt schuf Distanz, auch innerlich. 

Die klassische Familie gilt weiterhin als unhinterfragte Norm.
Fabian Fellmann

In Washington begann die Kommunikationsfachfrau gezielt in Artikeln und Beiträgen nach Geschichten zu suchen, die ihrer ähnelten. «Aber ich habe fast nur solche mit Happy End gefunden», sagt sie. Erzählungen von Paaren, die alles unternehmen – und bei denen es am Ende doch noch klappt. 

Doch was, wenn es nicht so ausgeht? Die Frage blieb meist unbeantwortet. Aus dieser Leerstelle entstand vor drei Jahren der Podcast «Expectations – geplant und ungeplant kinderfrei», den sie mit Rahel Perrot moderiert. Menschen erzählen dort ihre Geschichten. Bereits gut 60 Folgen sind erschienen: Es entwickelte sich so ein Peer-Projekt für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch.

Frage nach eigenen Kindern bleibt persönlich

Kinder sind Teil ihres Lebens, nur nicht ihre eigenen. Schmitter und Fellmann sind Götti und Gotte von zwei Kindern, mit engem Kontakt. Nähe, Verantwortung und Beziehung finden statt. Die Frage nach eigenen Kindern bleibe eine persönliche. «Neutral wird sie für mich nie sein», sagt Schmitter.

Im Alltag komme sie dennoch oft früh, etwa beim Kennenlernen. «Zum Small Talk eignet sich das Thema nicht.» Offenheit sei wichtig, aber auch Achtsamkeit: «Wer nach Kindern fragt, sollte auch bereit sein, bei einem Nein zuzuhören, und sich im Klaren sein, dass dahinter eine sehr persönliche Geschichte steht.» 

Unhinterfragte Norm 

Die Wintersonne scheint hell auf den Holzboden, draussen zieht der Tag weiter. Fellmann hält fest: «Die klassische Familie gilt weiterhin als unhinterfragte Norm.» Für Lebenswege, die anders verlaufen, fehlen oft Sprache und gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Kinderlosigkeit werde schnell als Defizit gelesen. Dabei zeige sich gerade hier, wie stark Lebensentwürfe von Erwartungen geprägt seien. 

Immer wieder höre sie in Gesprächen, man könne «trotzdem» glücklich sein, auch ohne Kinder. Dieses Trotzdem brauche es jedoch nicht. Schmitter hält inne. «Ich bin glücklich.» Nicht als Trost für etwas, das fehle.