«Als wäre man ein bunter Vogel»

Kinderwunsch

Elena und Lia haben einen Herzenspapi und einen biologischen Vater. Und eine Mutter mit viel Power. 

«Mami hat nie ein Geheimnis aus unseren Familienverhältnissen gemacht, weder uns beiden noch anderen gegenüber», berichtet Elena, und ihre Zwillingsschwester Lia nickt dazu. Die 22-jährigen Studentinnen, die eigentlich anders heissen, sitzen nebeneinander auf dem Sofa und sprechen in unaufgeregtem Ton über ihre ungewöhnliche Familiengeschichte. 

Von klein auf wussten die beiden, dass sie zwei Väter hatten. Jürg, den deutlich älteren Partner ihrer Mutter, nennen sie Herzenspapi. Er lebt in einer anderen Stadt. Da er bereits erwachsene Kinder hatte, wollte er kurz vor der Pension nicht nochmals Vaterschaftspflichten übernehmen. 

Mehrere Halbgeschwister 

Ihre Mutter respektierte dies – und fand im Internet einen Samenspender, der sich anerbot, regelmässigen Kontakt zu den von ihm gezeugten Kindern zu pflegen. Er wurde ihr biologischer Vater.

Es gibt ein Foto von ihm, Lia und Elena kurz nach der Geburt. Alle paar Jahre sahen sie sich, einmal sogar mit den Müttern und dem Dutzend Kindern, die mithilfe des gleichen Spenders entstanden waren. Lia: «Er ist für uns kein Unbekannter. Aber weder sonderlich interessant noch relevant.» 

Mutter war für uns verantwortlich, kümmerte sich um ein tragfähiges soziales Netz, arbeitete und trug das volle finanzielle Risiko.
Elena (Name geändert)

Mit 19 trafen sie ihn das erste Mal ohne ihre Mutter. Und erfuhren von ihm persönlich, was ihn veranlasst hatte, nicht anonymer Samenspender zu werden. Seine eigene Mutter hatte ihm, der 1946 in Deutschland geboren wurde, nie verraten, wer sein Vater war. Diese Leerstelle in seinem Leben hatte ihm derart zugesetzt, dass er sich entschied, Kindern eine transparent geregelte Herkunft und den Kontakt zum Erzeuger zu ermöglichen. 

Ihnen sei die Tragweite ihrer Familienkonstellation erst im Lauf des Erwachsenwerdens klar geworden, sagen Lia und Elena. Noch heute sorge die simple Frage etwa nach der Berufstätigkeit der Eltern zuweilen für sozialen Stress. 

Lia: «Antworte ich, ohne dabei zu lügen, fühlt es sich schnell an wie Oversharing, wie ein Zuviel, weil es keine Kurzversion unserer Geschichte gibt. Man fühlt sich wie ein bunter Vogel.» Elena sagt je nach Situation auch mal nur, es sei kompliziert. 

Fragiles Familienmodell

Beide sind tief beeindruckt von dem, was ihre Mutter geleistet hat. «Sie war für uns verantwortlich, kümmerte sich um ein tragfähiges soziales Netz, arbeitete und trug das volle finanzielle Risiko», sagt Elena. Darüber hinaus habe sie einen absolut klaren Wertekompass. 

Dieser sei weder moralisierend, noch orientiere er sich an gesellschaftlichen Normen, sondern ermutige, selbst zu denken und die Verantwortung für getroffene Entscheidungen zu übernehmen. «Das hat sie uns megafest mitgegeben und hilft uns, offen auf die Welt zuzugehen.» 

Früher war es für Mami nicht möglich, sich mit dem Gedanken zu konfrontieren, wie verletzlich unser Familienmodell war.
Lia (Name geändert)

Ein grosses Glück war, dass niemand von ihnen jemals schwer erkrankte oder andere gravierende Krisen eintraten. Darüber habe die Familie in den letzten Jahren häufig gesprochen. 

«Früher war es für Mami nicht möglich, sich mit dem Gedanken zu konfrontieren, wie verletzlich unser Familienmodell war», sagt Lia. Als Kind spüre man, wenn man zur Hauptsache von einer einzigen Person abhängig sei. Wäre ihr etwas passiert, wäre das «komplett verheerend» gewesen. So aber könne man mit einer positiven Bilanz zurückschauen. 

Die Zwillinge sind auch dankbar, dass Herzenspapi Jürg bis heute zu ihrem Leben gehört. Es habe zwar durchaus Momente gegeben, in denen sie sich eine normale Familie wünschten. Doch nirgends sei alles perfekt. «Wir haben es megagut zu dritt. Wir sind uns extrem nah», sagen beide.