«Spiegel der Gesellschaft»

Fleisch

Wie es heute produziert und konsumiert wird, zeige die Welt, in der wir leben, sagt der Historiker Ilja Steffelbauer. Und: Wie der Umgang mit Fleisch die Gesellschaft spaltet. 

Sie sagen, dass der Mensch anders beschaffen wäre, wenn er nicht zum Fleischesser geworden wäre. Warum? 

Ilja Steffelbauer: Die Evolution hat uns nicht bewusst auf Fleisch umgestellt, es war schlicht eine Überlebensstrategie. Unsere Vorfahren lebten von Früchten und Pflanzen. Doch als einige Gruppen in die Savanne zogen, bot sich dort die Chance, auch an Fleisch zu kommen. Aas etwa war leichter zu finden als im dichten Wald. Je mehr sich unsere Vorfahren darauf spezialisierten, desto effizienter wurden sie in der Beschaffung von Fleisch. Das war der Startschuss für eine Spirale, die zu mehr Fleisch, zu mehr Energie und schliesslich zu unserem grossen Gehirn führte. Ohne Fleisch gäbe es uns nicht in der heutigen Form. 

War die Sesshaftwerdung, die Domestizierung von Tieren, der Beginn unserer heutigen Probleme mit Fleisch? 

Definitiv. Vorher jagten und sammelten wir. Das stellte eine relativ nachhaltige Methode dar. Mit dem Ackerbau kam jedoch auch die Notwendigkeit, Nahrung auf Vorrat zu produzieren. Die Viehzucht entwickelte sich zunächst als Ergänzung, wurde aber schnell wirtschaftlich dominierend. So setzte die Fleischproduktion auf einem nie da gewesenen Niveau ein. Das veränderte nicht nur den menschlichen Speiseplan, sondern auch unser Verhältnis zur Umwelt. 

Die Geschichte von Kain und Abel ist ein Sinnbild für diesen Wandel. 

Genau: Kain, der Ackerbauer, und Abel, der Viehhirte. Es ist ein uraltes Bild für zwei konkurrierende Lebensweisen. Die frühen Bauern brauchten Land, das den Jägern und Viehzüchtern als Weide diente. Diese Konflikte führten zu Kriegen, gesellschaftlichen Umwälzungen und letztlich zu unserer heutigen Weltordnung. Der Fleischkonsum war dabei immer schon ein Statussymbol und wurde zum Motor gesellschaftlicher Ungleichheiten. 

Ilja Steffelbauer, 49

Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Krems. Geboren wurde er in St. Valentin, Niederösterreich. Er studierte Geschichte und Alte Geschichte in Wien und Athen und befasst sich mit sozialer Evolution in Geschichte und Gegenwart. In seinem Buch «Fleisch: Weshalb es die Ge­sellschaft spaltet» versucht Steffelbauer eine Kultur- und Umweltgeschichte des menschlichen Fleischkonsums. 

Heute sind wir mit einer neuen Stufe dieser Ungleichheit konfrontiert: Überfluss hier, Hunger dort. Was läuft falsch? 

Wir haben es sozusagen geschafft, riesige Mengen Fleisch unglaublich billig zu produzieren. Dies auf Kosten der Umwelt, der Tiere und letztlich auch der Menschen. Der Anbau von Futtermitteln beansprucht gigantische Flächen, während gleichzeitig Millionen von Menschen hungern. Hinzu kommt eine immense Verschwendung: In der westlichen Welt wird ein grosser Teil des produzierten Fleisches nie gegessen, sondern entsorgt. Die industrielle Logik der maximalen Produktion erzeugt damit paradoxerweise sowohl Überfluss als auch Mangel. 

Und was ist die Lösung? Der gute alte Braten nur am Sonntag?

Es geht nicht nur um Reduktion, sondern um eine grundlegende Änderung des Systems. In der Vergangenheit war Fleisch ein wirklich seltenes Gut, das man mit Respekt behandelte. Heute ist es ein Wegwerfprodukt. Eine Umstellung auf weniger, aber nachhaltiger produziertes Fleisch wäre eine Lösung. Allerdings erfordert das nicht nur individuelles Umdenken, sondern auch strukturelle Veränderungen in der Landwirtschaft und Politik. 

Was konkret muss sich denn ändern? 

Erstens: Wir müssen zwingend weg von der industriellen Massenproduktion. Kleine, regenerative Landwirtschaftsbetriebe, die Tiere artgerecht halten und die Umwelt nicht zerstören, müssen unbedingt stärker gefördert werden. Zweitens: Wir brauchen eine echte Kostenwahrheit. Billigfleisch ist nur billig, weil die Umwelt- sowie Gesundheitskosten nicht eingepreist werden. Wenn Fleisch seinen wahren Preis hätte, würden viele Menschen automatisch weniger konsumieren. Und drittens: Konsumenten müssen wieder direkten Zugang zu Produzenten haben, zum Beispiel durch Hofläden, regionale Märkte oder Kooperativen.

Mit anderen Worten: Die Konsumierenden spielen eine Schlüsselrolle. 

Unbedingt. Viele Bauern leiden unter den Preisdiktaten der grossen Konzerne. Wenn Konsumierende bereit wären, direkt zu kaufen und faire Preise zu zahlen, würde sich das gesamte System verändern. 

Religiöse Regeln strukturierten den Fleischkonsum über Jahrhunderte hinweg und halfen, Ressourcen nachhaltig zu nutzen.

Wie können Innovationen helfen, das Problem des Überflusses und der Massentierhaltung zu lösen? 

Innovationen spielen eine entscheidende Rolle. Doch sind das zumeist innovative Verfahren innerhalb einer regenerativen Landwirtschaft, kombiniert mit schlauem Einsatz digitaler Technologien, keine grossen technologischen Neuerungen. Technologische Fortschritte in der Kreislaufwirtschaft könnten helfen, Abfälle zu reduzieren und Nährstoffe wie zum Beispiel Düngemittel effizienter zu nutzen und den Einsatz von Pestiziden zu minimieren. Dadurch könnte die Lebensmittelindustrie nachhaltiger werden. Teilweise könnte die Digitalisierung die Transparenz in der Lieferkette verbessern, sodass Verbraucher bewusster konsumieren. Doch nichts geht über lokale Netzwerke auf kooperativer Basis. 

Früher wurde der Fleischkonsum oft reguliert – welche Rolle spielten dabei religiöse Speisevorschriften? 

Im Judentum und Islam gibt es heute noch sehr klare Vorschriften, was als «rein» gilt. Das Christentum regulierte Fleischkonsum mit Fastenzeiten. Solche Regeln strukturierten den Fleischkonsum über Jahrhunderte hinweg und halfen, Ressourcen nachhaltig zu nutzen.

Wirkt sich der Bedeutungsverlust von Religion auf den Konsum aus? 

Mit der Säkularisierung sind auch Mechanismen der Regulierung verschwunden. Die Folgen liegen auf der Hand: Überproduktion, Umweltzerstörung und ein Fleischmarkt, der kaum noch ethische oder ökologische Grenzen kennt. Besonders paradox: Früher setzten religiöse Regeln natürliche Grenzen für den Fleischkonsum. Und heute, in einer Zeit des Überflusses, stellen wir uns die moralische Frage, ob sich Massentierhaltung überhaupt noch vertreten lässt.  

Die Entfremdung ist ein Problem, das über Tierrechte hinausgeht: Sie betrifft unsere gesamte gesellschaftliche Moral.

Haben wir ethisch gesehen denn das Recht, Tiere so zu behandeln? 

Die Frage ist nicht, ob wir Tiere töten dürfen, sondern, ob wir sie in einem System halten dürfen, das auf maximalem Profit und minimalem Respekt basiert. Früher wurden Tiere vollständig genutzt. Heute hingegen werden sie in einem brutal effizienten System «verarbeitet». Diese Entfremdung ist ein Problem, das über Tierrechte hinausgeht: Sie betrifft unsere gesamte gesellschaftliche Moral.

Inzwischen gibt es Alternativen, Laborfleisch zum Beispiel. Ist das die Zukunft? 

Ich bin da skeptisch. Die Technologie steckt noch in den Kinderschuhen, ist enorm energieintensiv und würde die Kontrolle über unsere Nahrungsmittel noch weiter in die Hände grosser Konzerne legen. Die Vorstellung, dass wir einfach weiter so konsumieren können, nur eben mit «saubererem» Fleisch aus dem Labor, ist eine Illusion. Eine nachhaltigere Landwirtschaft ist viel sinnvoller als ein kompletter Ersatz durch Hightech-Produkte. 

Glauben Sie, dass wir in 100 Jahren noch Fleisch essen werden? 

Das hängt von den Entscheidungen ab, die wir heute treffen. Setzen wir weiter auf industrielle Massenproduktion, könnte Fleisch entweder ein Luxusgut werden oder nur noch aus dem Labor kommen. Wenn wir aber lernen, nachhaltig zu wirtschaften, und den Fleischkonsum bewusster gestalten, wird Fleisch seinen Platz in der Ernährung behalten – nur eben nicht mehr in den Mengen, die wir heute kennen.

Ein Fazit: Warum spaltet Fleisch unsere Gesellschaft so sehr? 

Weil es an der Schnittstelle vieler grosser Debatten steht: Umweltzerstörung, soziale Gerechtigkeit, Gesundheit und Ethik. Fleisch ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wer es isst, wer es produziert, wer es sich leisten kann – all das sagt viel darüber aus, in welcher Welt wir leben. Solange wir keinen nachhaltigen Umgang damit finden, bleibt Fleisch ein hochpolitisches Thema.