Sie sagen, dass der Mensch anders beschaffen wäre, wenn er nicht zum Fleischesser geworden wäre. Warum?
Ilja Steffelbauer: Die Evolution hat uns nicht bewusst auf Fleisch umgestellt, es war schlicht eine Überlebensstrategie. Unsere Vorfahren lebten von Früchten und Pflanzen. Doch als einige Gruppen in die Savanne zogen, bot sich dort die Chance, auch an Fleisch zu kommen. Aas etwa war leichter zu finden als im dichten Wald. Je mehr sich unsere Vorfahren darauf spezialisierten, desto effizienter wurden sie in der Beschaffung von Fleisch. Das war der Startschuss für eine Spirale, die zu mehr Fleisch, zu mehr Energie und schliesslich zu unserem grossen Gehirn führte. Ohne Fleisch gäbe es uns nicht in der heutigen Form.
War die Sesshaftwerdung, die Domestizierung von Tieren, der Beginn unserer heutigen Probleme mit Fleisch?
Definitiv. Vorher jagten und sammelten wir. Das stellte eine relativ nachhaltige Methode dar. Mit dem Ackerbau kam jedoch auch die Notwendigkeit, Nahrung auf Vorrat zu produzieren. Die Viehzucht entwickelte sich zunächst als Ergänzung, wurde aber schnell wirtschaftlich dominierend. So setzte die Fleischproduktion auf einem nie da gewesenen Niveau ein. Das veränderte nicht nur den menschlichen Speiseplan, sondern auch unser Verhältnis zur Umwelt.
Die Geschichte von Kain und Abel ist ein Sinnbild für diesen Wandel.
Genau: Kain, der Ackerbauer, und Abel, der Viehhirte. Es ist ein uraltes Bild für zwei konkurrierende Lebensweisen. Die frühen Bauern brauchten Land, das den Jägern und Viehzüchtern als Weide diente. Diese Konflikte führten zu Kriegen, gesellschaftlichen Umwälzungen und letztlich zu unserer heutigen Weltordnung. Der Fleischkonsum war dabei immer schon ein Statussymbol und wurde zum Motor gesellschaftlicher Ungleichheiten.