«Energiepolitik ist für christliche Ethik zentral»

Energiegesetz

Kirchen stehen hinter der Energiestrategie des Bundes - ein durchaus von theologischen Argumenten geleiteter Positionsbezug.

Das Thema Energie elektrisiert kirchliche Gemeinschaften und Verbände. So erfreut sich die Abstimmung über die Energiestrategie 2050 einem breiten kirchlichen Unterstützerkreis: Vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, dem Evangelischen Frauenbund bis hin zum ökumenisch ausgerichteten Verein «oeku Kirche und Umwelt» geht die klimapolitische Koalition, in der auch viele katholische Organisationen inklusive dem Basler Bischof Felix Gmür eingeschlossen sind.

Zentraler Hebel der Ethik

Nun lässt sich einwenden: Ist das Energiegesetz mit seinen komplexen, technischen Vorgaben nicht ein Thema, an das kaum ein christlicher Werte-Massstab angelegt werden kann? Der Ethiker Christoph Stückelberger kontert: «Das ist eine Kernfrage der christlichen Ethik. Energie bestimmt unsere Form des Zusammenlebens. Hier verweben sich Fragen nach der Nord-Südgerechtigkeit, nach Frieden und auch nach der Forderung, die Schöpfung zu bewahren», sagt Stückelberger. Nach Stationen als Zentralsekretär für Brot für alle und der Leitung des Kirchenbund-Ethikinstituts ist er heute als Gründer und Präsident von Globethics.net sowie Direktor der Geneva Agape Foundation aktiv.

Beim Stichwort Friede erinnert er an die zahlreichen Konflikte um Energiequellen, die von Nahost über maritime Grenzkonflikte bis hin zu Bürgerkriegen gehen, wie sie aktuell im Südsudan oder Nigeria mit grosser Aktualität ausgetragen werden. Beim Stichwort Nord-Südgerechtigkeit wiederum fallen ihm die Landvertreibungen in Gebieten mit Energiequellen ein – sei es in Kolumbien die Ausbeutung von Kohle durch Schweizer Konzerne wie Glencore oder Uran durch französische Firmen in Mali.

Der Aspekt der Bewährung der Schöpfung gewinnt immer dringlicher durch den fortschreitenden Klimawandel an Bedeutung. „Die Propheten der Bibel standen oft in einer vergleichbaren Situation“, sagt er. Für ihn ist dies ein biblischer Fingerzeig, dass der «Zeitfaktor ein ethischer Faktor» sei. 1989 hätte die Oeku eine Klimakampagne initiiert. «Wenn die Forderungen damals umgesetzt worden wären, hätten wir heute schon die 2000-Watt-Gesellschaft. Wenn wir aber später einsteigen, um den Klimawandel noch zu stoppen, dann sind die Opfer und Kosten grösser.»

Der christliche Ethiker will aber Eins-zu-Eins-Ableitungen aus der Bibel für die Energiepolitik vermeiden. «Wir können nicht in der Bibelkonkordanz das Wort Energie nachschlagen», sagt Stückelberger. Aber die Psalmen oder die neutestamentlichen Werte und Tugenden liefern nach Stückelberger viele wichtige Stichworte für die Energiedebatte. „Die Bibel ermutigt zu Demut und Bescheidenheit, aber auch zur Innovationskraft für einen neuen Umgang mit Ressourcen.»

Technologie immer zweischneidig

Ja zu erneuerbaren Energien soll also nicht als Technikfeindlichkeit missverstanden werden: «Wir müssen uns klar sein: Jede Technologie ist ambivalent und wir Menschen sind immer nur mit bruchstückhaften Wissen ausgestattet. Das unterscheidet uns von Gott. Aber wir sollen Gottes Geist für nachhaltige Innovationen nutzen.»

Auch Franz X. Stadelmann, Vorstandsmitglied der oeku, ist es als Naturwissenschaftler wichtig, nicht nur technisch zu argumentieren. Mit Blick auf eine christliche Energieethik zitiert er Calvins Lehre vom „rechten Gebrauch der irdischen Güter“ sowie Hildegard von Bingen, die das Masshalten zur „Mutter aller Tugenden“ erhoben habe. Die aktuelle Situation sei aber charakterisiert durch Masslosigkeit: «Es kann doch nicht sein, dass die seit rund 2,5 Millionen Jahren existierende Menschheit in nur ein bis zwei Generationen über die Hälfte der fossilen Energiequellen wie Erdöl und Erdgas verbraucht.» Das sei sowohl in Hinsicht dieser Ressourcenverschwendung, wie auch der CO2-Emissionen und dem damit einhergehenden Klimawandel unverantwortlich gegenüber den kommenden Generationen.

Stadelmann setzt neben dem Ausstieg aus der heutigen risikobehafteten Kernenergietechnik auf erneuerbare Energiequellen, die fehler- und umwelttoleranter sind sowie dezentraler. Die neue Energiestrategie des Bundes sei ein wichtiger Schritt dazu. Seine Hoffnung: Schon in naher Zukunft gibt es beispielsweise Speichermedien, die auf kleinem Raum viel Energie speichern können. Dann könnten sowohl die Schwankungen der regenerativen Energien bei fehlendem Wind oder geringer Sonneneinstrahlung ausgeglichen werden, sowie mit Smart-Grids Verlusten im Leitungssystem minimiert werden. Er erinnert auch daran, dass die Schweiz mit ihren Stauseen bereits jetzt über grosse Speicherkapazitäten bei hohem Energiebedarf verfügt.

Christen gegen Energiegesetz

Eine kleine Minderheit innerhalb der Kirchen, die «Arbeitsgemeinschaft Christen + Energie» setzt aber ein grosses Fragezeichen an der durch die Energiestrategie 2050 geförderten Solarenergie. Nicht tauglich für die Schweiz, begründen sie ihre Nein-Position gegenüber dem Energiegesetz. Stadelmann räumt ein: „Die Schweiz ist von seiner Klimasituation und Landschaft sicher nicht so komfortabel wie etwa Spanien oder Nordafrika.» Aber auch hier lasse sich die Sonnenenergie sinnvoll nutzen.

Stadelmann will nicht alles der politischen Lenkung überlassen. Auch der Einzelne solle selbstverantwortlich genügsamer mit der Ressource Energie umgehen. In dieselbe Kerbe schlägt die seit langem ökologisch engagierte Pfarrerin Gina Schibler aus Volketswil, die die Internetseite «Gott wird grün» betreibt. Sparsamer mit Energie umgehen heisst für die Theologin: Das Auto stehen lassen und mehr zu Fuss, mit dem Fahrrad unterwegs sein. Weniger Flugreisen pro Jahr unternehmen. Weniger Fleisch essen und weniger Kleider kaufen. Aber zu grauem Asketentum werde deshalb die Schweiz keineswegs verurteilt, im Gegenteil: «Wir werden uns gesünder ernähren, bewegungsreicher und gemeinschaftlicher leben. Wir werden stolz sein, den Wandel zu schaffen und gute Haushalter Gottes zu sein.»

Ein zweizeiliger
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