Herr Dummermuth,Sie leben seit Jahren in den USA und arbeiten als Pfarrer einer presbyterianischen Gemeinde. Welche Bedeutung hat die presbyterianische Kirche in dem Land?
Wir sind eine der angestammten Denominationen, der «old mainline churches». Aber unsere Bedeutung hat stark abgenommen, mittlerweile haben wir noch etwa 1,1 Millionen Mitglieder im Land, die Tendenz schrumpfend. In unserer Gemeinde gab es beispielsweise 2017 eine grössere Austrittswelle, nachdem sich meine Denomination dazu durchgerungen hatte, die «Ehe für alle» zu akzeptieren. Das war ein Vorläufer des Kulturkampfes, wie wir ihn jetzt sehen.
Gestritten wird über Abtreibung, die Rechte von LGBTQ-Menschen, Bücher in Bibliotheken. Wie wirkt sich dieser Kulturkampf auf die Glaubenslandschaft aus?
Insgesamt gibt es auch in den USA Säkularisierungstendenzen. Die Zahl der Gläubigen nimmt ab. Aber ansonsten sehe ich eine Neuorganisierung. Die einst grossen traditionellen Denominationen verlieren Mitglieder, viele Menschen schliessen sich jetzt Megachurches und anderen grossen, unabhängigen Organisationen und Kirchen an. Manche der Gemeindemitglieder, die uns wegen der «Ehe für alle» verliessen, fanden eine neue Heimat, etwa bei den Methodisten. Aber die müssen sich nun auch mit dem Thema befassen, sie sind nur später dran mit der Diskussion.
Heisst das, die traditionellen Kirchen müssten sich konservativer positionieren, um weniger Mitglieder zu verlieren? Das war lange Zeit die vorherrschende These: die liberaleren Kirchen schrumpfen, während konservativ-evangelikal geprägte Gemeinden wachsen. Das stimmt so nicht mehr, mittlerweile stagnieren oder schrumpfen auch grosse evangelikale Kirchen wie die Southern Baptists. Gleichzeitig beobachte ich einen paradoxen Dominoeffekt: Weil in der öffentlichen Wahrnehmung Kirchen vor allem als konservative Grössen wahrgenommen werden, gehen immer mehr nicht-evangelikale Menschen auf Distanz zu Kirche oder identifizieren sich gar nicht mehr als Christinnen oder Christen.