Warum Paare eher über Sex als über Geld sprechen

Beziehung

Geld ist bei vielen Paaren immer noch ein Tabuthema. Paartherapeut und Bestsellerautor Michael Mary rät, in Finanzfragen knallhart zu verhandeln.

Der Frühling ist die Zeit der Liebe. Warum sich nicht neu in den Partner, die Ehefrau verlieben? Mit ­einem Impulstag für Paare will die ökumenische «Paarberatung und Mediation im Kanton Zürich» frischen Wind in Beziehungen bringen. Als Gastreferent tritt Mi­chael Mary auf. Für den Hamburger Paartherapeuten und Bestsellerautor ist klar: Heute können Paare wesentlich besser über Sex reden als übers Geld. Der schnöde Mammon ist immer noch ein Tabuthema. 

Geld ist nicht gleich Geld

«In Beziehungen geht es um Liebe, und Liebe und Geld sollen ja angeblich nichts miteinander zu tun haben», sagt Mary. So fehlten schlicht die Worte, um als Paar vernünftig über finanzielle Fragen zu sprechen. Um dem abzuhelfen, unterscheidet der Psychologe in seinem Buch «Die Liebe und das liebe Geld» drei Arten von Geld: Partnergeld, Freundesgeld, und Liebesgeld. 

Über Liebesgeld lässt sich nicht verhandeln. Man macht dem anderen ein Geschenk und drückt damit seine Gefühle für ihn aus. Ansprüche daraus ableiten oder Gegenleistungen fordern ergibt keinen Sinn. 

Beim Freundesgeld geht es darum, einander Gutes zu tun. Doch dabei gilt: Was den einen glücklich macht, darf den anderen nicht unglücklich machen. «Wenn sie darunter leidet, dass er so viel Geld fürs Golfen ausgibt, muss man Ausgleiche finden», sagt Mary. Denn Geben und Nehmen sollen sich auf ­Dauer die Waage halten. «Man kann zum Beispiel vereinbaren, dass der Mann während einem Jahr seinem Hobby frönt, im Jahr darauf aber die Frau mehr Geld bekommt für etwas, das ihr wichtig ist», schlägt der Psychologe vor. Der Ausgleich muss auch nicht unbedingt materieller Art sein, findet er. «Es kann sich dabei auch um Zeit oder einen anderen Gefallen handeln.» 

Vor den Augen des Notars

Beim Partnergeld aber, wo es um Unterstützung und Leistungsausgleich geht, rät Mary sehr wohl, knallhart zu verhandeln. Und idea­lerweise auch Verträge vor einem Notar abzuschliessen. «Wenn meine Partnerin möchte, dass ich mich in den nächsten drei Jahren um die Kinder kümmere und meine Karrie­re zurückstecke, würde ich schon fragen, was ich dafür kriege.» Dass dies viel zu wenig der Fall ist, zeigt sich für den Psychologen etwa in der Tatsache, dass alleinerziehende Frauen im Alter nicht selten in der Armut landen. 

Frauen haben Nachsehen

Natascha Zumbühl begegnet das Thema Geld insbesondere bei Trennungen. Die Psychologin arbeitet auf der Stadtzürcher Beratungsstelle von «Paarberatung und Media­tion im Kanton Zürich». «In Trennungsberatungen und Mediationen zeigt sich oft, dass man besser schon früher über Geld hätte sprechen sollen», sagt Zumbühl. 

Bedeutung erhalten Geldfragen, wenn man unter ein Dach zieht und vor allem, wenn man eine Familie gründet. «Hier braucht es klare finanzielle Absprachen, denn wer sich mehrheitlich um die Kinder kümmert, verdient in der Regel auch weniger, da muss man ­eine gerechte Verteilung finden», so Zumbühl. Statistiken bringen zutage: Obwohl die Zahl erwerbstätiger Frauen in der Schweiz ständig steigt, sind immer noch meistens die Männer die Hauptverdiener. Mit den oft niedrigen Teilzeitpensen der ­Frauen verbunden sind nicht zuletzt geringere Aufstiegschancen und schlechtere soziale Absicherung.  

Um Geldstreitigkeiten im Paaralltag zu vermeiden, hat Natascha Zumbühl einen Tipp: «Ich finde es gut, wenn beide etwas Geld zur freien Verfügung haben, über das nicht diskutiert werden muss.» Ein mögliches Vorgehen wäre: Die Einkünfte kommen in einen Topf für die gemeinsamen Ausgaben. Von dem, was übrig bleibt, erhalten beide gleich viel Taschengeld. 

Trotzdem glücklich

Und wie hoch ist das Risiko, dass ­eine Beziehung in die Brüche geht, wenn das Geld an allen Ecken und Enden fehlt? «Finanzprobleme sind belastend», sagt Zumbühl. Doch das Gelingen einer Beziehung hänge von viel mehr Ressourcen ab als den finanziellen. Das können etwa ähn­liche Werte und Erwartungen, ein befriedigender Job, ein gutes soziales Umfeld sein. «Nicht selten erlebe ich Paare, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen und sehr glücklich sind miteinander», erzählt die Psychologin. 

Der wohl häufigste Trennungsgrund, der ihr begegnet, ist: Wenn die emotionale und die körperliche Verbundenheit verloren geht. Weil man zu wenig Zeit miteinander verbringt, was gerade in der Kinderphase oft der Fall ist. Weil man zu wenig ehrlich und offen ist miteinander. Oder weil man es nicht schafft, ungleiche persönliche Entwicklungen unter einen gemeinsamen Hut zu bringen.

Die Kirchen mischen in Beziehungsfragen mit

Paarberatung hat bei den Kirchen Tradition. Schon ab den 1950er-Jahren führten regionale Vereine der reformierten und katholischen Kirchen Eheberatungen durch, später wurden diese zu einem ökumenischen Angebot vereinigt, das seit 1988 vom Kanton unterstützt wird. 2016 wurden alle Stellen im ökumenischen Verein «Paarberatung & Mediation im Kanton Zürich» organisiert. Die beiden Landeskirchen finanzieren das Angebot mit je 800 000 Franken im Jahr. Der Kanton steuert 440 000 Franken bei. 

Für alle erschwinglich

Die Fachstelle begleitet Paare auch bei Trennung und Scheidung, mit Media­tionen und Rechtsauskünften. Die Angebote stehen allen offen – unabhängig von Konfession, Geschlecht, Alter und Einkommen. Die Tarife sind einkommensabhängig. Insgesamt rund 2000 Paare lassen sich jährlich auf den neun Beratungsstellen im Kanton Zürich beraten. Einmal im Jahr organisiert der Verein den «Paarimpulstag» mit Referaten und Workshops zu Beziehungsthemen. Und seit letztem November gibt es ausserdem das neue Angebot «Beziehungs-Talk». An jeweils zwei Abenden in Folge geht es um Erotik und Sexualität. Beraterinnen und Berater geben inhaltliche Impulse, die in entspannter Bistro-Atmosphäre zu zweit diskutiert werden können.

Nächster «Beziehungs-Talk», 

8. und 15. Mai, jeweils 19–21 Uhr, Zürich. 

Anmeldung: www.zusammenreden.ch