Shogher wollte schon früh Journalistin werden: «Ich glaubte an die Macht der Worte», sagt sie, lächelt schüchtern, wägt ab, ob ihre Worte die Interviewerin verstören könnten. Ihre Stimme wird lauter: «Ich glaubte, mit der Macht der Worte die Welt verändern zu können!» Dann lacht sie spöttisch über ihre damalige grenzenlose Naivität.
Damals, im Februar 2023 beschloss die 24-Jährige, die Reise nach Bergkarabach zu wagen. «Ein riskantes Unterfangen», sagt sie heute. Seit drei Monaten hatten aserbaidschanische Männer, angeblich «Umweltschützer» unvermutet Checkpoints im sogenannten «Latschin-Korridor» errichtet und den freien Personen- und Warenverkehr mit ihrer Heimat stark eingeschränkt.
In der Falle
Der «Latschin-Korridor» war die einzige Verbindung ihrer Heimat mit der Aussenwelt. Er war Bergkarabachs Lebensader. «Aber ich wollte meinen Großvater sehen, er lag im Sterben». Shogher durfte in einem IKRK-Fahrzeug mitfahren. Das IKRK sorgte nach Beginn der Blockade für die Zusammenführung von Familien und brachte vor allem Kinder und alte Menschen, die in Armenien gestrandet waren, zurück in die Heimat. Noch liessen die berüchtigten «Umweltschützer» Transporte des IKRK durch.
In der Hauptstadt Berg-Karabachs Stepanakert widmete sich die junge Journalistin dem einzigen Thema, das die Bevölkerung quälte: dem Hunger. Hatten die falschen Umweltschützer bis Mai 2023 zumindest den Transport von Medikamenten und Kranken in und aus Bergkarabach geduldet, machten sie ab Juni die Grenzen hermetisch zu. Nichts dürfte die geografisch isolierte Bergregion mehr erreichen: Keine Lebensmittel, keine Medikamente, kein Gas und keine Menschen. Bergkarabach wurde für seine 120'000 Einwohnerinnen und Einwohner zur Falle.
Hunger als Waffe
Anfangs drehte Shogher für das staatliche Fernsehen Kurzfilme über die Regale in Apotheken, Bäckereien und Supermärkten, die Tag für Tag leerer wurden, bis nichts mehr übrig war. Oft stellte sie ihre Filme auf Youtube und Facebook. Noch war sie davon überzeugt, dass die Weltgemeinschaft die kollektive Bestrafung eines ganzen Volks nie akzeptieren würde.
«Bergkarabach hat schon einige Blockaden durch Aserbaidschan erlebt, aber keine von diesem abscheulichen Ausmass», sagt Shogher, und ihre Stimme klingt plötzlich müde, als wollte sie nicht mehr erzählen, was sie erlebt hatte, als fände sie jede Wiederholung sinnlos. «Im Winter hatten es die Menschen eiskalt, weil die Gasleitungen gekappt worden waren. Hunger plagte sie im Sommer.
Ohne Sprit blieben die Lastwagen am Rand der Strassen parkiert; und so gab es auch kein Gemüse, kein Fleisch, keine Früchte aus unserer Provinz. Medikamente wurden zum Luxusprodukt. Ich kenne junge Mütter, die ihre Kinder verloren, weil sie keine Medikamente fanden oder sich keine leisten konnten».
Im Stich gelassen
Ende August gab es für viele nur noch Brot: Da die öffentlichen Bäckereien zuletzt mit schlechter Mehlqualität und mit Leinöl gebacken hatten, war das Brot hart wie Stein und hinterliess für Stunden im Mund einen Geschmack von faulem Fisch: «Ekelhaft. Aber wir hatten keine Wahl. Keine andere Wahl».
Laut Shogher war die Mehrheit der Bevölkerung auch Ende August fest davon überzeugt, dass die Vereinten Nationen, die Weltöffentlichkeit, die Staaten den Einsatz von Hunger als Waffe nicht hinnehmen würden. Hunger als Waffe ist schliesslich ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht. «Wir dachten, wir müssten nur lange genug den Hunger aushalten. Dann würde Bergkarabach wieder frei sein und uns gehören». Aber: «Immer öfter starben die Schwächsten an Erschöpfung. Irgendwann fanden wir keine Särge mehr».
Trauer und Galgenhumor
Während unseres Gesprächs schwankt Shoghers Stimmung zwischen einer tiefen Desillusion und Trauer sowie einer für sie typischen Neigung, sich über absurde Situationen lustig zu machen. Wie etwa über das Verhalten der jungen, russischen Friedenssoldaten während des grossen Exodus der Armenier aus Bergkarabach in der letzten Septemberwoche. «Einige der Soldaten standen sichtlich unbeholfen am Strassenrand und suchten den Flüchtenden kleine Wasserflaschen zu schenken; andere wollten ihre «Nachsichtgeräte» gegen Zigaretten tauschen.
Man müsste sich kurz die Lage vorstellen: Abertausende von Menschen, «die erschöpft von einer neunmonatigen Blockade waren und im Krieg gerade ihre Kinder, Väter und Brüder, überhaupt alles verloren hatten, was bis dahin ihr Leben ausgemacht hatte, und nun aus der Heimat vertrieben werden; und die russischen Friedenssoldaten wollen ihre Nachsichtgeräte gegen Waren eintauschen!» Shogher bricht in einem lauten, fast ausgelassenen Lachen aus.
Als der Krieg begann
Tamara hatte zwei Leidenschaften in ihrem Leben: Forensik und Uniformen. Sie schloss ihr Studium in Strafrecht als eine der besten in ihrer Uni ab; und begann eine Karriere als Offizier in der Ermittlungsbehörde von Artsakh.
Artsakh ist die Bezeichnung für den Ministaat, den die Armenier nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Bergkarabach aufgebaut hatten, in seinem 30-jährigen Bestehen jedoch von keinem anderen Staat anerkannt worden war. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Berg-Karabachs seit jeher armenischer Abstammung war, galt die Region völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans. Artsakh orientierte sich gerne am Beispiel des Kosovo und hoffte, eines Tages ebenfalls anerkannt zu werden.