Politik 10. März 2025, von Amalia van Gent

Das Brot schmeckte nach faulem Fisch

Bergkarabach

Der aserbaidschanische Autokrat Ilham Alijew bezeichnet den armenischen Exodus aus der Exklave Karabach als «freiwillige Abwanderung». Zwei Frauen berichten, wie es wirklich war.

Shogher wollte schon früh Journalistin werden: «Ich glaubte an die Macht der Worte», sagt sie, lächelt schüchtern, wägt ab, ob ihre Worte die Interviewerin verstören könnten. Ihre Stimme wird lauter: «Ich glaubte, mit der Macht der Worte die Welt verändern zu können!» Dann lacht sie spöttisch über ihre damalige grenzenlose Naivität.

Damals, im Februar 2023 beschloss die 24-Jährige, die Reise nach Bergkarabach zu wagen. «Ein riskantes Unterfangen», sagt sie heute. Seit drei Monaten hatten aserbaidschanische Männer, angeblich «Umweltschützer» unvermutet Checkpoints im sogenannten «Latschin-Korridor» errichtet und den freien Personen- und Warenverkehr mit ihrer Heimat stark eingeschränkt. 

In der Falle

Der «Latschin-Korridor» war die einzige Verbindung ihrer Heimat mit der Aussenwelt. Er war Bergkarabachs Lebensader. «Aber ich wollte meinen Großvater sehen, er lag im Sterben». Shogher durfte in einem IKRK-Fahrzeug mitfahren. Das IKRK sorgte nach Beginn der Blockade für die Zusammenführung von Familien und brachte vor allem Kinder und alte Menschen, die in Armenien gestrandet waren, zurück in die Heimat. Noch liessen die berüchtigten «Umweltschützer» Transporte des IKRK durch. 

In der Hauptstadt Berg-Karabachs Stepanakert widmete sich die junge Journalistin dem einzigen Thema, das die Bevölkerung quälte: dem Hunger. Hatten die falschen Umweltschützer bis Mai 2023 zumindest den Transport von Medikamenten und Kranken in und aus Bergkarabach geduldet, machten sie ab Juni die Grenzen hermetisch zu. Nichts dürfte die geografisch isolierte Bergregion mehr erreichen: Keine Lebensmittel, keine Medikamente, kein Gas und keine Menschen. Bergkarabach wurde für seine 120'000 Einwohnerinnen und Einwohner zur Falle.

Hunger als Waffe

Anfangs drehte Shogher für das staatliche Fernsehen Kurzfilme über die Regale in Apotheken, Bäckereien und Supermärkten, die Tag für Tag leerer wurden, bis nichts mehr übrig war. Oft stellte sie ihre Filme auf Youtube und Facebook. Noch war sie davon überzeugt, dass die Weltgemeinschaft die kollektive Bestrafung eines ganzen Volks nie akzeptieren würde.

«Bergkarabach hat schon einige Blockaden durch Aserbaidschan erlebt, aber keine von diesem abscheulichen Ausmass», sagt Shogher, und ihre Stimme klingt plötzlich müde, als wollte sie nicht mehr erzählen, was sie erlebt hatte, als fände sie jede Wiederholung sinnlos. «Im Winter hatten es die Menschen eiskalt, weil die Gasleitungen gekappt worden waren. Hunger plagte sie im Sommer. 

Ohne Sprit blieben die Lastwagen am Rand der Strassen parkiert; und so gab es auch kein Gemüse, kein Fleisch, keine Früchte aus unserer Provinz. Medikamente wurden zum Luxusprodukt. Ich kenne junge Mütter, die ihre Kinder verloren, weil sie keine Medikamente fanden oder sich keine leisten konnten».

Im Stich gelassen

Ende August gab es für viele nur noch Brot: Da die öffentlichen Bäckereien zuletzt mit schlechter Mehlqualität und mit Leinöl gebacken hatten, war das Brot hart wie Stein und hinterliess für Stunden im Mund einen Geschmack von faulem Fisch: «Ekelhaft. Aber wir hatten keine Wahl. Keine andere Wahl». 

Laut Shogher war die Mehrheit der Bevölkerung auch Ende August fest davon überzeugt, dass die Vereinten Nationen, die Weltöffentlichkeit, die Staaten den Einsatz von Hunger als Waffe nicht hinnehmen würden. Hunger als Waffe ist schliesslich ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht. «Wir dachten, wir müssten nur lange genug den Hunger aushalten. Dann würde Bergkarabach wieder frei sein und uns gehören». Aber: «Immer öfter starben die Schwächsten an Erschöpfung. Irgendwann fanden wir keine Särge mehr».

Trauer und Galgenhumor

Während unseres Gesprächs schwankt Shoghers Stimmung zwischen einer tiefen Desillusion und Trauer sowie einer für sie typischen Neigung, sich  über absurde Situationen lustig zu machen. Wie etwa über das Verhalten der jungen, russischen Friedenssoldaten während des grossen Exodus der Armenier aus Bergkarabach in der letzten Septemberwoche. «Einige der Soldaten standen sichtlich unbeholfen am Strassenrand und suchten den Flüchtenden kleine Wasserflaschen zu schenken; andere wollten ihre «Nachsichtgeräte» gegen Zigaretten tauschen. 

Man müsste sich kurz die Lage vorstellen: Abertausende von Menschen, «die erschöpft von einer neunmonatigen Blockade waren und im Krieg gerade ihre Kinder, Väter und Brüder, überhaupt alles verloren hatten, was bis dahin ihr Leben ausgemacht hatte, und nun aus der Heimat vertrieben werden; und die russischen Friedenssoldaten wollen ihre Nachsichtgeräte gegen Waren eintauschen!» Shogher bricht in einem lauten, fast ausgelassenen Lachen aus.

Als der Krieg begann

Tamara hatte zwei Leidenschaften in ihrem Leben: Forensik und Uniformen. Sie schloss ihr Studium in Strafrecht als eine der besten in ihrer Uni ab; und begann eine Karriere als Offizier in der Ermittlungsbehörde von Artsakh. 

Artsakh ist die Bezeichnung für den Ministaat, den die Armenier nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Bergkarabach aufgebaut hatten, in seinem 30-jährigen Bestehen jedoch von keinem anderen Staat anerkannt worden war. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Berg-Karabachs seit jeher armenischer Abstammung war, galt die Region völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans. Artsakh orientierte sich gerne am Beispiel des Kosovo und hoffte, eines Tages ebenfalls anerkannt zu werden.

Kommissionen fordern Friedensinitiative

Die Schweiz solle als neutrales Land eine wichtige friedensfördernde Rolle im Südkaukasus spielen. Das will die Aussenpolitische Kommission des Nationalrats mit einer Motion erreichen, die voraussichtlich im März im Ständerat behandelt wird. Der Nationalrat hat sie bereits letzten Dezember gutgeheissen. Auch die Aussenpolitische Kommission des Ständerats ist dafür. Die Aussenpolitische Kommission des Nationalrats will den Bundesrat beauftragen, rasch, jedoch spätestens innerhalb eines Jahres ein internationales Friedensforum zum Konflikt um Bergkarabach zu organisieren. Ziel ist es, einen Dialog zwischen Aserbaidschan und Vertretern der von Bergkarabach-Armenier zu ermöglichen, um die sichere und kollektive Rückkehr der dort historisch ansässigen armenischen Bevölkerung zu verhandeln.

Tamara begann ihre militärische Laufbahn als Leutnant in der Grenzstadt Martakert. «Wir wussten, dass ein Fall von Martakert das Ende von ganz Artsakh gleichkäme», sagt sie distanziert. Überhaupt ist Tamara während unseres Gesprächs bemüht, sich möglichst an die Fakten zu halten und ihre Emotionen zu kontrollieren. Ihre Stimme bleibt die ganze Zeit ruhig, ohne ein Auf und Ab. 

Was sie zu erzählen hat, ist allerdings erschütternd: «Der Krieg begann am Mittag des 19. September, genau um 13.04 Uhr». Weil es im September in Martakert ständig Stromausfälle gab, war Tamara zu der Zeit dabei, das Essen schnell aufzuwärmen. «Dann begann der Krieg: Aus allen Himmelsrichtungen kamen Granaten, Drohnen, Artillerie- Beschuss. 24 Stunden lang, ohne Pause». 

In der Schockstarre

In Martakert «hatten wir kein Licht, sie hatten den Strom abgeschaltet. Wir ahnten, dass es viele Tote gab». Tamara und ihre Kollegen versammelten die Menschen in einem Bunker, der unterhalb ihres Untersuchungsbüros lag. «Über 2000 Kinder, Kleinkinder, schwangere Frauen und alte Menschen sind da und alle weinten. In diesem Chaos, in dem die Menschen in Panik geraten, ist man wie erstarrt, unfähig, irgendwas zu fühlen». 

In Martakert gehörten ein Grossvater und sein Enkel zu den ersten zivilen Opfern. Der Vater hielt den Leichnam seines Sohnes in den Händen und murmelte wie von Sinnen: «Ich werde meinen Sohn nicht dalassen, ich werde seine Überreste selbst nach Armenien tragen». Aber: «Die aserbaidschanische Armee liess es nicht zu. Die Toten mussten dort liegen bleiben, ohne Grab».

Die Uniform verbrannt

24 Stunden später, genau um 13 Uhr war der Krieg zu Ende. Die Mitglieder der Sicherheitskräfte von Artsakh wurden angewiesen, ihre Uniformen und Ausweise zu verbrennen. Die Regierung in Baku liess durch ihre Medien das Gerücht verbreiten, dass armenische Männer und Frauen in Uniform sofort festgenommen werden würden. 

«Ich hatte eine brandneue Uniform, die ich nicht mal getragen hatte; sie lag zuhause; mein Kollege und ich gingen nach Hause, zogen unsere Uniformen ein letztes Mal an, sahen uns im Spiegel, zogen sie wieder aus und verbrannten sie. Wir verbrannten unsere Ausweise, wie verbrannten alle Archive der Stadt. Unser Schicksal hatte sich ohne uns entschieden». Tamaras Sprache ist schlicht und in ihrer Schlichtheit poetisch.

Der reale Horror

Am 24. September erhielten Tamara und ihre Kollegen den Befehl zum Aufbruch: «4500 Menschen verliessen weinend in langen Menschen- und Autokolonnen ihre Stadt, liessen Haus und Hof und ihr bisheriges Leben zurück. Die Kinder ließen ihre Spielsachen auf den Boden fallen. Und als wir gingen, schauten wir auf unsere Berge, auf unsere Stadt und wussten, dass dies unser Land war». Der große Exodus der Armenier aus Artsakh hat in Martakert begonnen.

Am 25. September hatte Tamara in der Leichenhalle von Stepanakert Dienst. Als ausgebildete Forensikerin musste sie mithelfen, die Toten des Kriegs zu identifizieren. Dann hörte sie den Knall der Explosion. «Ein ohrenbetäubender Knall». Es gebe hunderte von Toten, hiess es am Telefon. Tamara eilte zum Schauplatz. «Dutzende Männer und Frauen, die vor Schmerzen schrien und bettelten, einen Schuss in den Kopf zu bekommen, weil ihre Qualen unerträglich waren, weil sie den Tod dem Schmerz vorzogen». 

Die meisten der Opfer hatten Verbrennungen zweiten und dritten Grades, aber im Spital gab es wegen Aserbaidschans monatelangen Blockade keine Anästhesie- und keine Schmerzmittel. Die Toten waren verkohlt und bis zur Unkenntlichkeit angeschwollen, es sah aus, wie Szenen aus einem Horrorfilm». In diesen Tagen füllte sich die Leichenhalle Stunde um Stunde mit unzähligen Leichen: «Wir mussten feststellen, ob es sich um Kriegs- oder Explosionsopfer handelte, um die Erlaubnis zu ihrer Bestattung zu geben».   

Wenigstens die Opfer bestatten

Die Explosion an der Armee-Tankstelle von Artsakh ist mutmasslich auf einen Unfall zurückzuführen. Der Hunger, der Krieg und die Explosion, das alles machen der Albtraum aus, mit dem rund 120000 Flüchtlinge Nacht für Nacht zu kämpfen haben. 

Tamara kann in Stepanakert ihren alten Job als Forensikerin ausüben. Ihrem unnachgiebigen Bestehen auf eine Bestattung der Explosionsopfer ist es zu verdanken, dass zumindest sie nach Armenien überführt werden konnten. Noch heute besuchen Familienmitglieder der Opfer Tamara, nun in der Leichenhalle der armenischen Hauptstadt Jerewan, weil sie dort durch DNA-Proben die Identität der verkohlten Überreste auszumachen sucht. Und weil Tamara den Kindern, den Frauen und den Eltern ihre Verstorbenen zur Bestattung zurückgibt, wird sie liebevoll von ihnen «Engel der Toten» genannt. 

Zuhause ist der Frieden

Ob sie zurückgehen möchte? «Sogar zu Fuss», sagt Tamara entschlossen. «Ich würde rennen, so schnell wie meine Beine auch rennen können, damit ich früh zurück bin». 

Und was vermisst Shogher am meisten? «Unser Haus. Jeden Tag: Ich öffne morgens die Augen und will zu Hause sein, ich schliesse abends die Augen und will zu Hause sein. Zuhause ist für mich identisch mit Frieden». 

Der Traum von der Rückkehr

Stört es Shogher, dass jetzt ein Aserbaidschaner in ihrem Haus wohnt, will ich wissen. Sie überlegt und wirkt plötzlich ungewöhnlich fröhlich. «Nein», antwortet sie. «Ich verabscheue Gewalt und will auch niemanden vertreiben. Aber meine Urgrosseltern haben dieses Haus mit viel Mühe gebaut. In jeder Ecke, in jedem Stein stecken Erinnerungen an unsere Familie. Was soll ich meinen Kindern nach unserer Rückkehr zeigen, wenn dieses Haus zerstört wird?», fragt sie

Und dann flüstert Shogher: «Ich will meine Stadt nicht zerstört sehen, ich hoffe, eines Tages zurückzukehren. Nein, ich bin sicher, dass ich eines Tages zurückkommen werde. Ganz sicher.»