Recherche 06. September 2021, von Felix Reich

Vom ohnmächtigen Schweigen zur Resolution

Migration

Der Rat der EKS fordert, dass abgewiesene Asylsuchende aus Afghanistan ein neues Gesuch stellen können, und rechtfertigt sein Schweigen. Die Synode verabschiedet eine Resolution.

Mit 53 zu 11 Stimmen verabschiedete die Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) am 6. September eine Resolution zur Krise in Afghanistan. Darin fordert sie, dass Asylsuchende aus Afghanistan eine Aufenthaltsbewilligung erhalten, selbst wenn ihr erstes Gesuch abgelehnt wurde. Der Familiennachzug soll auf Angehörige ausserhalb der Kernfamilie ausgeweitet werden. Zudem soll die Schweiz sich an den Resettlement-Programmen der Vereinten Nationen beteiligen und besonders gefährdete Flüchtlinge aufnehmen.

Vom Unverständnis zur Einigkeit

In Afghanistan eroberten die islamistischen Taliban die Hauptstadt Kabul im Sturm und übernahmen nach dem Abzug der westlichen Truppen die Macht im Staat. Verzweifelte Menschen klammerten sich an die Fahrwerke von Flugzeugen, um der Rache der Taliban und ihrer islamistischen Herrschaft zu entkommen.

Die offizielle Stimme der Reformierten in der Schweiz blieb vorerst stumm. Sie werde sich nicht zur humanen und politischen Katastrophe in Afghanistan äussern, beantwortete die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) eine Anfrage des Portals ref.ch. Das Unverständnis war gross. Das Netzwerk Migrationscharta lancierte eine Online-Petition, die der EKS-Synode am ersten Tag der Synode in Bern mit 1100 Unterschriften übergeben wurde.

Das Elend in Afghanistan schreit zum Himmel und wir mit ihm.
Rita Famos, Präsidentin der EKS

Vor der Synode reagierte EKS-Präsidentin Rita Famos auf die Kritik. «Ich kann versichern, niemanden in der EKS lassen die Ereignisse in Afghanistan kalt», sagte sie. Erwähnte aber auch die Krisen in Haiti oder Libanon, wo im Gegensatz zu Afghanistan kirchliche Hilfswerke präsent sind und Beziehungen zu Partnerkirchen bestehen.

Ein ohnmächtiges Schweigen

Sie verstehe, dass das offizielle Schweigen der Kirche «schwer zu ertragen war», sagte Famos. Doch die EKS habe keine direkten Beziehungen nach Afghanistan und sehe sich deshalb nicht berufen, Ratschläge zu erteilen. «Unser Schweigen war ein Schweigen der Ohnmacht», sagte Famos. Manchmal sei es besser, die eigene Ohnmacht auszuhalten und sie vor Gott zu bringen, statt in blinden Aktivismus zu verfallen. 

Als Kirche haben wir die Pflicht, uns für gefährdete Menschen einzusetzen.
Dominik von Almen, Verfasser der Petition

Unbeantwortet bleibt freilich die Frage, warum die EKS ihre Betroffenheit und Ohnmacht nicht kommuniziert hat. Keine Stellungnahme zu formulieren, ist das eine, auf Anfrage explizit nichts zu sagen, das andere.

Gegen Ausweisungen

Untätig blieb der Rat der EKS jedoch nicht. An den Bundesrat schrieb er inzwischen einen Brief, in dem er fordert, dass die Erhöhung von Resettlement-Programme geprüft wird. Zudem sollen besonders gefährdete Menschen humanitäre Visen erhalten und der Familiennachzug grosszügig ausgelegt werden. 

Ausschaffungen nach Afghanistan hält der Rat der EKS für unzumutbar. Deshalb fordert er ein Moratorium. Zudem sollen abgewiesene Asylsuchende aus Afghanistan die Chance erhalten, ein Wiedererwägungsgesuch stellen zu können, damit sie ihren Aufenthaltsstatus in der Schweiz legalisieren können.

Den Kopf im Himmel

Die Anliegen des Rates decken sich somit weitgehend mit der Resolution. Ein Fragezeichen setzte Famos jedoch hinter die Forderung, den Familiennachzug zu erweitern. Mit dieser Forderung sei die Synode «mit Kopf und Herz im Himmel, aber nicht mehr mit den Füssen am Boden». In der Migrationspolitik gehe es auch um Realismus.