Schwerpunkt 24. November 2021, von Hans Herrmann

Von Hirten, vom verlorenen Schaf und vom Lamm Gottes

Das Schaf

Das wollige Tier ist in der Bibel ziemlich präsent: von den Hirten bei der Geburt Jesu über das in der Pädagogik beliebte verlorene Schaf bis zum apokalyptischen Lamm Gottes.

«Euch wurde heute der Retter geboren»

Zu jeder Weihnachtskrippe gehören neben der Heiligen Familie auch die Hirten, meist dargestellt als wetterharte, drahtige, andächtig blickende Männer mit Bart, Stecken und einfacher Kleidung. Laut der Weihnachtsgeschichte im Lukasevengelium waren es die Hirten auf dem Feld, die vor allen anderen Menschen von der Geburt Jesu erfuhren.

Wörtlich liest sich das so:

Und es waren Hirten in jener Gegend auf freiem Feld und hielten in der Nacht Wache bei ihrer Herde. Und ein Engel des Herrn trat zu ihnen, und der Glanz des Herrn umleuchtete sie, und sie fürchteten sich sehr. Da sagte der Engel zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Denn seht, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird: Euch wurde heute der Retter geboren, der Herr, in der Stadt Davids.
Aus Lukas 2,8–11

In der Folge machten sich die Hirten auf, um das Jesuskind in Bethlehem aufzusuchen. Sie fanden die Eltern Josef und Maria in einem Stall, und sie sahen den Neugeborenen in der Futter­krippe. Den Leuten, denen sie in den nächsten Tagen begegneten, erzählten sie davon, und alle, die es hörten, staunten. So weit die Bibel.

Die Hirten als Randständige

Das Motiv der Hirten, die als Erste von der Geburt des Gottessohns er­fahren, ist Gegenstand zahlreicher Erörterungen und Predigten. Die Hirten, die in der Weihnachtsgeschichte vorkommen, sind keine stolzen und wohlhabenden Wanderhirten wie seinerzeit die Erzväter Isaak und Jakob, sondern sozial am Rand stehende Dienstleute einer längst sesshaft gewordenen Gesellschaft. Und aus­gerechnet diese materiell schlecht gestellten, ungebildeten und rauen Menschen sind die ersten Adressaten der Frohbotschaft, die vom wunder­baren Geschehen im nahen Bethlehem kündet. Was zeigt: In Jesus ist Gott ganz besonders für die Armen, Randständigen, Entrechteten und Bedürf­tigen Mensch geworden.

Die Hirten als Könige

Dieser weitverbreiteten Interpretation stellt der emeritierte deutsche Alt­testamentler Christoph Levin eine andere Deutung entgegen. «Dass man Herden bei Nacht hütet, ist ungewöhnlich bis unmöglich», schreibt er in einer Abhandlung. Normalerweise gehörten die Tiere während der Dunkelheit in den Pferch.

Mit den Hirten seien, so Levin, vielmehr die Hüter der Völker gemeint. Die Herrscher über all jene Menschen also, die in Dunkelheit, sprich: in Angst, Not und Bedrängnis lebten. Auch an anderer Stelle bezeichne das Alte Testament menschliche Regenten als Hirten. In dieser Lesart hätten zuerst die Könige dieser Welt von der Geburt des Messias erfahren. So wie beim Evangelisten Matthäus, wo in der Weihnachts­­­erzählung die Weisen beziehungs­weise Könige aus dem Mor­gen­land auftreten.

 

«Und es verirrt sich eines von ihnen»

Die Jünger fragten Jesus, wer der Gröss­te im Himmelreich sei. Da rief Jesus ein Kind herbei und sagte, dass keiner ins Himmelreich komme, der nicht umkehre und werde wie ein Kind. ‹Wer sich also zu den Geringen zählt wie das Kind hier, der ist der Grösste im Himmelreich.› Und Jesus erzählte den Jüngern das Gleichnis vom verlorenen Schaf. ‹Was meint ihr? Wenn einer hundert Schafe hat, und es verirrt sich eines von ihnen, wird er nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurücklassen und sich aufmachen, das verirrte zu suchen? Und wenn es geschieht, dass er es findet, amen, ich sage euch: Er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. So ist es nicht der Wille eures Vaters im Himmel, dass auch nur eins dieser Geringen verloren gehe.›
Matthäus 18,12–14

Gott handelt, nicht der Mensch

Dieses Gleichnis im Matthäusevange­lium enthält mehrere Motive. Zum einen zeigt die Geschichte, dass sich der gute Hirte um jedes einzelne Schaf kümmert. Er steht für Gott, dem jeder einzelne Mensch wichtig ist, ganz besonders aber jene, die sich auf Irrwegen befinden und Beistand brauchen. Analog sagt Jesus an anderer Stelle: «Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.» (Mt 9,12)

Auch das Motiv der Umkehr wird im Gleichnis angetönt. Allerdings findet das verirrte Schaf nicht von allein zurück. Es braucht die Ini­ti­ative des Hirten, damit dies geschieht. Aus diesem Gedanken heraus lässt sich ein Bogen zur Gnade schlagen: Gnade wird nach reformiertem Verständnis nicht aus eigener Kraft erwor­ben, sondern von Gott geschenkt.

Besonders der Evangelist Lukas, der das Gleichnis ebenfalls erzählt (Lk 15,4–7), betont die Freude über das wiedergefundene Schaf. Jesus selbst überträgt diesen Gedanken am Schluss des Gleichnisses auf die Menschen, indem er sagt: «So wird man sich auch im Himmel mehr freuen über einen Sünder, der umkehrt, als über neunund­neunzig Gerechte, die keiner Umkehr bedürfen.»

Beliebt in der Pädagogik

Manche Deutungen verbinden das Gleichnis vom verlorenen Schaf auch mit der Mahnung an die Jünger, sich ihrer Verantwortung als künftige Verkünder des Gottesreiches bewusst zu sein, selber vom Weg nicht abzuwei­chen und auch andere nicht in die Irre zu leiten.

In der Religionspädagogik ist das Gleichnis beliebt, weil es sich um eine kurze, anschauliche Geschichte handelt, die auch von jüngeren Kindern verstanden wird. In dieser Episode ist die Beziehung zwischen Gott und den Menschen aus zwei Perspektiven dargestellt, aus der Sicht des Hirten und jener des Schafs. Das Gleichnis lässt sich überdies gut zeichnen und auch nachspielen.

 

«Das Lamm Gottes, das die Sünden tilgt»

Ein Teil der Schafe, die nach dem Alpsommer zu Tal gebracht werden, landen nicht im heimischen Stall, sondern beim Metzger. Die Schlachtung der Schafe war im alten Israel ein rituel­ler Vorgang, bei dem Gott ein Opfer dargebracht wurde. Opferlämmer hatten makellos zu sein. Das Lamm­opfer hatte zwar nicht ausdrücklich einen sühnenden Charakter, aber im antiken Judentum war die Idee, dass die Schlachtung eines Lammes dem Volk Vergebung schaffe, durchaus präsent, wie der Theologe Jesper Tang Nielsen in einer Abhandlung darlegt.

Das Bekenntnis des Täufers

In den Evangelien klingt diese Vorstellung an, wenn Jesus als «Lamm» bezeichnet wird. Gemeint ist hier das Lamm, das von Gott in Form seines Sohnes Jesus am Kreuz geopfert wird, um die Menschheit endgültig von ihrer Schuld zu befreien und künftige Opfer unnötig zu machen.

Im Johannesevangelium kommt an zwei Stellen im ersten Kapitel explizit die Formel «Lamm Gottes» vor. Es ist der Täufer, der diesen Ausdruck braucht. Die Menschen fragen ihn, ob er der Christus sei. Der Täufer verneint. Am Tag darauf sieht er Jesus auf sich zukommen. Da sagt er zu den Leuten: «Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.»

Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.
Johannes 1,29 und 1,36

Die symbolische Nähe Jesu zum Opferlamm ergibt sich auch aus dem Umstand, dass Jesus nach biblischer Überlieferung den Kreuzestod am Vortag des Passahfestes erlitt – an dem Tag also, an dem man rituell die Passahlämmer schlachtete.

Das Lamm in der Apokalypse

Das Bild von Jesus als Opferlamm taucht im Neuen Testament mehrmals auf, zuletzt in der Apokalypse des Johannes. «Diese apokalyptische Figur ist als eine symbolische Darstellung des himmlischen Christus zu verstehen», schreibt Nielsen. Dies, weil der Text sagt, dass das Lamm «wie geschlachtet» aussieht, es den Opfertod also bereits erlitten hat. Aus diesem Grund ist es würdig, neben Gott zu sitzen und die sieben Siegel der Schrift­­rolle zu lösen.

Diesem himmlischen beziehungsweise endzeitlichen Lamm wird in der Apokalypse Wunderbares zugeschrieben: 144'000 Kranke haben durch sein Blut Heilung erfahren; der Teufel ist mit seinem Blut bezwungen worden; auch das mächtige Babylon und mit ihm zehn Könige werden sich im mythischen Endkampf der Macht des Lammes beugen müssen.

Teil der Liturgie

«Das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt wegträgt»: Diese Formulierung des Evangelisten Johannes hat bereits in frühen Zeiten Eingang in die christ­liche Liturgie gefunden. Sie wurde zum Bestandteil der Messe und als «Agnus Dei» vielfach vertont, eindrücklich zum Beispiel in den Messen von Wolfgang Amadeus Mozart oder in der «Missa solemnis» von Ludwig van Beethoven.