Tatsächlich verhindert Schweigen die Verarbeitung belastender Erlebnisse. Im Moment des traumatischen Ereignisses stören Stresshormone das normale Abspeichern von Informationen im Gehirn. Das Erlebnis wird zu einer fragmentierten Erinnerung, die unkontrolliert über Betroffene einbrechen kann.
Erst durch Reden kann das Gehirn das Erlebte ordnen und in einen Kontext einbetten. Sprechen aktiviert frontale Hirnareale, die emotionale Reaktionen wie Wut oder Schmerz abmindern. Studien zeigen, dass das Sprechen über traumatische Erlebnisse den Cortisolhaushalt langfristig stabilisiert und depressive Symptome verringert. Dafür muss das Reden allerdings in einem Rahmen stattfinden, in dem sich die Betroffenen nicht gedrängt fühlen.
Ein geschützter Ort
Einen solchen Safe Space will Samar Hamedi. Deshalb leiert sie keine Gespräche an, sondern wartet ab, welche Themen die Teilnehmerinnen von sich aus ansprechen. An einem Dienstagmorgen Ende November steht sie neben einer Teilnehmerin und hilft ihr, ein Knäuel pinkes Garn zu entwirren.
Acht Frauen sitzen um den Tisch. Jede ist über eine Stickarbeit gebeugt, als sich die Tür öffnet und eine Frau eintritt. Sie habe sich mit ihrer Schwiegermutter gestritten, erzählt sie. Die wolle nicht, dass sie weiterhin an den Treffen teilnehme, sie vernachlässige ihre Pflichten als Hausfrau. «Und was willst du?», entgegnet ihr eine andere Teilnehmerin. «Weiterhin kommen, die Treffen mit euch tun mir gut.» Dann solle sie das auch tun. «Wir haben unser Leben lange genug eingeschränkt», sagt Nahla Soukeya.
Therapie stigmatisiert
Hamedi hat während der Diskussion still weiter das Knäuel entwirrt. Sie verstehe sich als Moderatorin, sagt sie später. Sie mische sich nur ein, wenn die Gespräche in eine falsche Richtung gingen. Etwa, wenn die Frauen sich über Probleme anderer lustig machten. «Alle sollen sich hier sicher fühlen.»
Frauen, die von traumatischen Erlebnissen berichten, bietet sie ein Einzelgespräch an. In Hamedis Zentrum arbeiten mit ihr zwei weitere Therapeutinnen. Alle Teilnehmerinnen wüssten, dass sie jederzeit zur Einzel- oder Paartherapie vorbeikommen können.
Die Hemmschwelle, sich professionelle Hilfe zu suchen, ist hoch. Psychotherapie ist in Syrien stigmatisiert. Viele glauben, in Therapie zu gehen, bedeute, verrückt zu sein. Beim Sticken hingegen können die Frauen ins Reden kommen, ohne das Risiko einer gesellschaftlichen Verurteilung einzugehen.
Zeit für sich selbst
Darüber hinaus habe das Handwerk eine therapeutische Wirkung, sagt Hamedi. «Sticken hat einen ähnlichen positiven Einfluss auf die Psyche wie Sport.» Es helfe, sich im Hier und Jetzt besser zu verankern, der Fokus werde vom Schmerz auf etwas anderes gelenkt.
Die Frauen, die an diesem Morgen um den Tisch sitzen, sind alle Mütter, einige Grossmütter, viele Witwen. Sie alle tragen eine enorme mentale Last, sind verantwortlich für die Hausarbeit, die Kinder und in einigen Fällen auch für das Einkommen. «Im Leben vieler gibt es keinen Raum, sich mit sich selbst zu beschäftigen», sagt Hamedi. Mit dem Workshop will sie ihren Teilnehmerinnen einen Ort geben, an dem sie durchatmen können, Zeit haben, in sich hineinzuhorchen.
Weltberühmte Muster
Samar Hamedi hat sich bewusst für das Unterrichten der Stickkunst entschieden, die sie von ihrer Grossmutter gelernt hat. Bereits vor Jahrhunderten verzierten Frauen in Syrien so ihre Kleidung. Die traditionellen Stickmuster aus der Qalamoun-Bergregion, zu der Qutayfah gehört, sind weltbekannt. Einige Kleider aus Qalamoun haben es sogar in die Sammlung des berühmten New Yorker Metropolitan Museum of Art geschafft.