Die Razzien der Einwanderungsbehörde ICE haben viele Menschen mit Latino-Herkunft getroffen. Wird sich das bei den Midterms an den Urnen zeigen?
Das zeigen die Umfragen. Doch viele sind vor allem von der Wirtschaftspolitik enttäuscht. Statt der erhofften Verbesserungen hat sich ihre Lage verschlechtert. Besonders in Texas und im Mittleren Westen treffen die Landwirtschaft hohe Düngerpreise infolge des Irankriegs, Dieselpreise von sechs Dollar oder mehr pro Gallone und der Verlust von Arbeitskräften durch Abschiebungen oder Angst vor ICE-Razzien.
Trump hat sich zu Jahresbeginn auf beispiellose Weise mit dem Papst angelegt. Spielt das für die katholische Wählerschaft noch eine Rolle?
Ich denke schon, vor allem wegen der Kritik des Papstes am ohnehin unpopulären Irankrieg. Seine klaren Aussagen wie auch jene einiger Bischöfe fanden grosse Beachtung. Ob viele Amerikaner wissen, dass der Papst Behauptungen von Vizepräsident J. D. Vance zur Glaubenslehre widersprochen hat, weiss ich nicht. Tatsache ist aber, dass viele amerikanische Katholiken sich mit dem Papst stärker verbunden fühlen, allein weil er Amerikaner ist.
In Ihrem neusten Buch «Backslide» beschreiben Sie, wie weisse Evangelikale vor Trumps erster Wahl moralische Bedenken hatten. Heute halten sie ihm trotz aller Skandale die Treue. Wie kommt das?
Es geht um Macht. Die weissen evangelikalen Protestanten sind in den vergangenen Jahrzehnten zahlenmässig stark geschrumpft. Noch vor 25 Jahren machten sie etwa ein Viertel der Bevölkerung aus, heute lediglich 13 Prozent. Zugleich sahen sie sich schon immer als von Gott auserwählt, das Land zu regieren. Trump hat mit ihnen einen faustischen Pakt geschlossen: «Ihr unterstützt mich, ich bringe euch an die Macht.» Der Preis dafür ist, dass sie die politische Ethik hinter sich lassen. Als die Evangelikalen George W. Bush wählten, verstanden sie sich noch als «Wertewähler». «iVoteValues» («Ich wähle Werte») war eine grosse Kampagne damals. Heute sagt das fast niemand mehr.
Sie beschreiben auch, wie weisse Evangelikale die christliche Moral neu interpretieren, Empathie und Nächstenliebe als toxisch bezeichnen. Wie konnte so eine Erosion der Werte in kurzer Zeit passieren?
Ich glaube, dass diese Werte gar nie tief verwurzelt waren. Weisse Evangelikale sind vor allem im Süden der USA stark, in Regionen, die Sklaverei und Rassentrennung befürworteten. Weisse christliche Kirchen legitimierten damals dieses System moralisch. Die Vorherrschaft der Weissen und der weisse Nationalismus waren schon immer wichtiger als Empathie, Gleichheit oder Demokratie. Solange es ihnen nützte, war man gern «Wertewähler», wenn nicht, dann verzichtete man schnell wieder darauf.
Familienpolitik, Abtreibung oder die Rechte von Menschen aus der LGBTQ+-Gemeinschaft waren lange wichtige Wahlkampfthemen der Konservativen. Welche Rolle spielen sie bei den Midterms?
In den Rennen, die ich beobachte, stehen sie nicht im Vordergrund. Trump trug massgeblich dazu bei, dass der Oberste Gerichtshof 2022 das landesweite Recht auf Abtreibung aufhob. 2024 spielte die Frage in seinem Wahlkampf kaum noch eine Rolle. Für die meisten weissen Evangelikalen steht die Einwanderungspolitik an erster Stelle. Die Massendeportationen von dunkelhäutigen Menschen waren eines von Trumps wichtigsten Themen, sie sind zentral für seine Vorstellungen eines «weissen christlichen Amerika». ICE-Razzien richteten sich etwa gegen somalische Einwanderer in Minneapolis, gegen haitianische Einwanderer in Springfield. Die weissen Evangelikalen unterstützen dieses Vorgehen mehrheitlich, sogar die Einrichtung von Internierungslagern für Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung.
Sie sind selbst in evangelikalen Kreisen aufgewachsen und haben auch an einem Seminar der Southern Baptists studiert. Hilft Ihnen Ihre Herkunft, die Bewegung besser zu verstehen?
Ich kenne die Innen- und die Aussenperspektive. In meiner Arbeit als Meinungsforscher analysiere ich sie wissenschaftlich. Zugleich weiss ich intuitiv, was im Büro von Trump geschah, als ihm evangelikale Pastoren die Hände auflegten.
Hat Ihre Arbeit Auswirkungen auf Ihre familiären Verbindungen oder Freundschaften?
Viele meiner Verwandten leben in tiefroten Bundesstaaten. Da gibt es Spannungen innerhalb der Familie und im Freundeskreis. Deswegen habe ich einige Freundschaften verloren. Doch solche Brüche erleben fast alle Amerikaner. Inzwischen geht es nicht mehr darum, ob man die Republikaner oder die Demokraten wählt, sondern ob man Trump und seine Maga-Bewegung unterstützt. Dort verläuft der Graben.
In «Backslide» schreiben Sie: «2025 ist unser 1933» und beziehen sich auf Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer, die sich dem Nationalsozialismus entgegenstellten. Sehen wir in den USA nicht vielmehr Autoritarismus als Faschismus?
Darüber habe ich lange nachgedacht. Mit Hitler-Vergleichen muss man sehr vorsichtig sein. Kein Moment in der Geschichte gleicht einem anderen komplett. Aber ich habe mir Trumps Sprache genau angeschaut. Er macht Menschen zu Sündenböcken, spricht von «Ungeziefer». Das ist die entmenschlichende Sprache des Faschismus. Trump will keine Nationalsozialistische Partei aufbauen, aber faktisch errichtet er auf US-Boden Internierungslager für Migranten. Ich halte es deshalb für unverantwortlich, nicht vor dieser Entwicklung zu warnen.
Die Zeit des Brückenbauens sei vorbei, schreiben Sie im Buch. Nun brauche es deutlichen Widerstand. Wie müsste dieser aussehen?
Gerade unter weissen Christen gilt, dass unter einem Zeltdach alle Platz haben sollen und niemand kritisiert werden dürfe. Doch Martin Luther King und die Bekennende Kirche in Deutschland haben gezeigt, dass es Grenzen gibt. All jenen Leuten, welche die grundlegenden christlichen Werte missachten, gilt es klar und deutlich zu widersprechen.
Wie blicken Sie persönlich auf den Ausgang der Midterms?
Ich glaube, wir haben noch Handlungsfreiheit und können einen anderen Weg einschlagen. Die Midterms könnten eine letzte Chance sein, das Ruder noch herumzureissen. Aber wenn Trump und die Republikaner mit ihrem Maga-Profil nach den Wahlen beide Kammern weiterhin dominieren, dann wird es schnell sehr düster in den USA.
Falls die Demokraten gewinnen: Für wie gross halten Sie die Gefahr, dass Trump das Ergebnis der Midterms nicht anerkennt?
Für sehr gross. Einige Regierungsvertreter haben sich bereits entsprechend geäussert. Sie könnten den Wahlprozess an verschiedenen Stellen beeinflussen, wenn es für die Republikaner eng wird. Für mich sind die Wahlen erst am 3. Januar vorbei, wenn der neue Kongress vereidigt wird.