Mit der Filmkamera gegen die Zermürbung

Kino

Mit «Divine Comedy» hat der iranische Regisseur Ali Asgari einen vielschichtigen Film geschaffen, der das Kino als Quelle der Widerstandskraft feiert.

Ganz bewusst strapaziert der iranische Regisseur Ali Asgari streckenweise die Nerven des Publikums in seinem neuen Film «Divine Comedy». Etwa in folgender rund zehnminütigen Szene, die aus einer einzigen Einstellung besteht.

Von einem anonymen Anrufer in eine noble Bar zitiert, findet sich der Filmemacher Bahram Ark an einem Tisch neben einem Vertreter des iranischen Kulturministeriums wieder. Dieser möchte ihn davon überzeugen, religiöse Filme zu machen, die dem Regime gefallen. Ark lässt sich nicht beeindrucken, obwohl er verzweifelt um eine Vorführgenehmigung für seinen neusten Arthouse-Film kämpft. Das zähe Gespräch, bei dem der Beamte alle Register zieht, um Ark zu überzeugen, verläuft im Sand.

Die Langfädigkeit und schliessliche Ergebnislosigkeit der Szene lösen bei der Betrachterin Gefühle der Ungeduld und der Verzweiflung aus und lassen die Zermürbung, der Regimekritiker und -kritikerinnen im Iran ausgesetzt sind, spürbar werden. Wie im berühmten Epos des antiken Schriftstellers Dante Alighieri, der «Göttlichen Komödie», stecken die Hauptfiguren in einer Zwischenwelt fest, dem Fegefeuer, aus dem sie in das Paradies zu entkommen versuchen. 

Gleichzeitig führt der Film auch die Absurdität des Regimes vor Augen, dessen Personal strikte islamische Moral predigt, selber aber in Saus und Braus lebt und diese Dekadenz vorzuführen gleichzeitig als Druckmittel benutzt gegenüber Menschen, die sich dem Regime nicht beugen wollen. 

Trotz dieser inhaltlichen Schwere und Komplexität wohnt dem Film eine Leichtfüssigkeit inne, die ihn zu einem Vergnügen macht.

Immer wieder schwanken die Szenen zwischen Komik und Demütigung. Etwa wenn der Beamte dem Filmemacher Sturheit vorwirft, während er selber nicht von seiner Position abrückt. Oder ihn auffordert, kreativ zu sein, um seine Filme regimekonform zu machen. Gleichzeitig bezeichnet er Ark aber als einen der besten zehn Regisseure überhaupt und sich selbst als grossen Cineasten. Als Kenner müsste er sich doch der herausragenden Kreativität der Filmkoryphäe bewusst sein. Eine von mehreren arroganten Anmassungen, die Ark über sich ergehen lassen muss.

Das Kino als Mittel des Widerstands

Dennoch bleibt er seinen Prinzipien treu: Das Kino und den Film versteht er als seine Mittel im Kampf gegen das Regime. Darum will er seinen neuen Streifen unbedingt im Iran zeigen. Dafür suchen er und seine Partnerin und Produzentin des Films Sadaf Verbündete, die ihnen die Vorführung des Films ermöglichen könnten. Dazu fahren sie auf einer rosaroten Vespa kreuz und quer durch Teheran. Jede der Optionen kommt mit Abstrichen, Opfern und Gefahren daher.

Der Film erhebt Anspruch auf Realismus, etwa indem mehrere Personen fiktive Versionen ihrer Selbst spielen: Die Filmemacher und Zwillinge Bahram und Bahman Ark und die Schauspielerin Sadaf Asgari. Die Ark Brüder und Regisseur Ali Asgari, Onkel von Sadaf Asgari, haben auch beim Drehbuch mitgeschrieben. Der Film strotzt auch sonst vor Verschränkungen und Selbstspiegelungen und ist gespickt mit einer Vielzahl filmischer Referenzen, die den Inhalt schlafkräftig unterfüttern.

Trotz dieser inhaltlichen Schwere und Komplexität wohnt dem Film aber eine Leichtfüssigkeit inne, die ihn zu einem Vergnügen macht. Die Kreativität, der Mut und die Flexibilität, mit der die Hauptfiguren ihr Ziel verfolgen, die skurrilen, komisch überzeichneten unterweltlichen Gestalten, die sie dabei antreffen, sowie die munter-entspannte Jazzmusik, die die Vespafahrten untermalt, lassen auch Hoffnung auf ein gutes Ende zu. 

Insofern spielt der Sturz des syrischen Diktators Baschar al-Assad im Film eine Rolle. Diesem Verweis kommt nun, da der Film zu einem Zeitpunkt herauskommt, indem auch das iranische Regime auf wackligen Füssen steht, ungeplant besondere Bedeutung zu.

Der Film läuft ab sofort in verschiedenen Schweizer Städten. Mehr Infos hier.