Recherche 28. Oktober 2019, von Felix Reich

Sie wollen dirigieren und motivieren

Wahlen

Michael Braunschweig, Annelies Hegnauer und Res Peter wollen die Zürcher Kirchenpflege präsidieren. Sie streiten über Stellen, Gerüche und wackelige Strukturen.

Frau Hegnauer, was würden Sie anders machen als Übergangskirchenpflegepräsident Andreas Hurter, wenn Sie gewählt würden?

Annelies Hegnauer: Ich werde einige Dinge gleich machen, weil Andreas Hurter insbesondere mit Blick auf die Strukturen einen sehr guten Job gemacht hat. Darüber hinaus werde ich mich stärker auf die Inhalte konzentrieren. Das neu gegründete Perspektivenbüro trägt zusammen, was in den Kirchenkreisen bereits vorhanden ist. Auf dieser Basis bilden wir Schwerpunkte und entscheiden, welche Leuchttürme für die ganze Stadt wichtig werden.

Was würden Sie anders machen als Annelies Hegnauer, Herr Peter?

Res Peter: Die Zeiten der Hafenrundfahrt und der Strukturdiskussion sind vorbei. Wir sollten aufhören, uns um uns selbst zu drehen, und mit unserem Schiff hinaus fahren. Wohin die Fahrt genau geht, wissen wir noch nicht. Aber die Richtung ist klar: Wir müssen nachhaltig unterwegs sein und zum Beispiel endlich das ökologische Label «Grüner Güggel» etablieren. Und spirituell müssen wir in Bewegung bleiben.

Und was würde der Kirchenpflegepräsident Braunschweig anders machen als Res Peter?

Michael Braunschweig: Zentrale Aufgabe der Kirche ist die Kommunikation des Evangeliums. In unserer hoch differenzierten Gesellschaft kommuniziert die Kirche aber noch immer homogen. Sie orientiert sich zu wenig an den Bedürfnissen der Menschen. Die Kirche muss ihre Fachkompetenz in Kommunikation massiv ausbauen. Das ist auch eine Frage der Personalentwicklung. Darüber hinaus muss die Kirche eine ökologisch, finanziell und sozial nachhaltige Organisation werden.

Wie stabil ist die Kirchgemeinde gebaut, die 2019 gestartet ist?

Peter: Die Strukturen sind installiert, die Inhalte sind auch längst vorhanden, denn sie werden von den Profis an der Basis erarbeitet. Die Kirchenpflege muss nun mutig ihr Schiff auf Kurs bringen. Mein Vorteil ist, dass ich im Gegensatz zu Annelies Hegnauer und Michael Braunschweig kein Insider bin. Ich war als Vizedekan zwar am Reformprozess beteiligt, doch ich bin unbelastet von Strukturdiskussionen.

Hegnauer: Die Strukturen sind nicht gefestigt. Die Zusammenarbeit mit den Kirchenkreisen muss sich zuerst einspielen und das Vertrauen wachsen. Zwei Sitze in der Kirchenpflege sind vakant, wenn sich noch mehr Leute zuerst ins Amt einarbeiten müssen, geht viel Energie verloren. Ohne eine gewisse Kontinuität und Stabilität wird es gefährlich.

Braunschweig: Ich glaube auch, dass die Abläufe noch eingeübt werden müssen. Ich schaue aber nicht nur auf die Kirchenpflege. Das Parlament wird ebenfalls erneuert, in den Kreisen gibt es viele neue Gesichter. Ich bin überzeugt, dass die bestehenden Strukturen diese Aufbruchstimmung, die ich sehr begrüsse, aushalten werden.

Hat die Übergangskirchenpflege bisher einen guten Job gemacht?

Braunschweig: Grundsätzlich schon. In Personalfragen hat sie in ein paar Fällen unglücklich agiert. Das habe ich mit meiner Kritik im Parlament bereits öffentlich gemacht.

Peter: Ich verstehe nicht, warum die Übergangskirchenpflege die wichtigste Stelle in der Verwaltung vor den Wahlen neu besetzt. Das wäre, wie wenn eine Firma den CEO einstellen würde, ohne zu wissen, wer Verwaltungsratspräsident wird.

Die Stelle für die Geschäftsleitung wurde erneut ausgeschrieben, nachdem in der ersten Runde niemand gefunden werden konnte. Warum wurde nicht gewartet, bis die neue Kirchenpflege gewählt ist?

Hegnauer: Wir wollten nicht nochmals viel Zeit verlieren. Darunter leiden würden die Mitarbeitenden. Die Stelle muss so schnell wie möglich besetzt werden. Es ist auch in der Politik üblich, dass Stellen in der Verwaltung unabhängig von Wahlterminen besetzt werden.

Braunschweig: Die Geschäftsleitung muss unabhängig von politischen Wechseln auf strategischer Ebene arbeiten. Wir befinden uns aber in keinem regulären Zyklus, sondern starten neu. Für die Mitarbeitenden auf der Geschäftsstelle ist es wichtig, dass die Stelle bald besetzt wird.

Peter: Übergangslösungen machen kreativ. Es wurde eine riesige Chance verpasst. Der Präsident bringt eine neue Kultur und eine neue Stimmung mit. Es ist entscheidend, dass die Geschäftsführerin oder der Geschäftsführer diesen Kurs mitträgt.

Hegnauer: Wer so redet, gibt zu, dass er als Präsident die operative Führung massiv beeinflussen will.

Welche Stimmung bringen Sie mit in die Kirchgemeinde?

Braunschweig: Das wichtigste Potenzial der Kirche ist die Motivation ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Deren Motivation hängt entscheidend ab von einer Kultur der Wertschätzung, der Transparenz. Und es braucht die Gewissheit, dass man sich einbringen kann, wenn man von Entscheiden betroffen ist.

Peter: Ich will einen neuen Geruch in diese Kirchgemeinde bringen. Es riecht nach Wohlwollen, Aufbruch, nach Sinn. Und es riecht nach Zutrauen: Die Profis in der Kirche können viel mehr, als wir meinen.

Hegnauer: Ein Gschmäckle will ich eigentlich lieber nicht. Wichtig innerhalb der Kirchenpflege ist mir der Teamgeist. Und bevor entschieden wird, müssen alle Anspruchsgruppen, die etwas zu sagen haben, angehört werden. Als ausgebildete Kommunikationsfachfrau liegt mir die Kommunikation besonders am Herzen.

Am 17. November werden das Parlament und die Kirchenpflege der Kirchgemeinde Zürich erstmals vom Volk gewählt. Neben Annelies Hegnauer, Res Peter und Michael Braunschweig, die auch für das Präsidium kandidieren, be­werben sich Barbara Becker, Anke Beining-Wellhausen, Claudia Bretscher, Duncan Guggenbühl, Michael Hauser und Henrich Kisker für die sieben Sitze in der Kirchenpflege. Peter hat be­reits angekündigt, dass er das Amt ablehnen und Pfarrer bleiben wird, wenn er nicht als Präsident gewählt wird. Wahlberechtigt sind alle Mitglieder der reformierten Kirche in der Stadt Zürich ab 16 Jahren.

Res Peter (55)

Der Pfarrer am Neumünster in Zürich arbeitete zuvor in Bülach. Res Peter ist Notfallseelsorger und Vizedekan des Pfarrkapitels Zürich. Der Theologe ist ausgebildeter Primarlehrer und war Sozialethiker und Sekretär am Ethikinstitut der Universitäten Lausanne und Genf. Er ist Vorstandsmitglied bei Public Eye, Präsident des Vereins prolibref sowie Gründungsmitglied des Vereins Kirche-Wirtschaft-Ethik.

Annelies Hegnauer (65)

Bis zu ihrer Pensionierung im April 2018 war Annelies Hegnauer Abteilungsleiterin Marketing und Fundraising beim Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks). Von 1994 bis 2014 war sie Präsidentin der Kirchenpflege von Zürich-Schwamendingen. Seit 1999 ist sie Mitglied der Synode. Im Juni 2018 wurde sie von der Zürcher Zentralkirchenpflege in die Übergangskirchenpflege gewählt.

Michael Braunschweig (36)

Der Oberassistent am Institut für Sozialethik an der Universität Zürich war Mitglied der Gesamtprojektleitung der Reform der Zürcher Kirchgemeinde. Heute ist er Präsident der Kirchenkreiskommission 4 und 5 der reformierten Kirche Zürich und Delegierter in der Zentralkirchenpflege. Michael Braunschweig leitet die Berner Fachstelle Reformierte im Dialog in Bern und ist Moderator beim Polit-Forum Bern.

Mehr zu diesem Thema

Ohne ein Hilfswerk ist eine Kirche keine Kirche
28. Januar 2022, von Nicola Mohler

Ohne ein Hilfswerk ist eine Kirche keine Kirche

Gemeinsam im umkämpften Spendenmarkt bestehen
28. Januar 2022, von Katharina Kilchenmann

Gemeinsam im umkämpften Spendenmarkt bestehen

Der Sozialdiakon Simon Obrist kandidiert für die Zürcher Kirchenpflege
13. Januar 2022, von Felix Reich

Der Sozialdiakon Simon Obrist kandidiert für die Zürcher Kirchenpflege

Duncan Guggenbühl kam sich in der Zürcher Kirchenpflege vor wie ein Ruderer neben einem Öltanker
28. Dezember 2021, von Felix Reich

Duncan Guggenbühl kam sich in der Zürcher Kirchenpflege vor wie ein Ruderer neben einem Öltanker

Alle Mitglieder der Zürcher Kirchenpflege treten wieder zur Wahl an, einen Sololauf gibt es trotzdem
09. November 2021, von Felix Reich

Alle Mitglieder der Zürcher Kirchenpflege treten wieder zur Wahl an, einen Sololauf gibt es trotzdem

Was die Wahl mit Res Peter gemacht hat
07. Januar 2020, von Felix Reich

Was die Wahl mit Res Peter gemacht hat

Zweiter Wahlgang ohne Michael Braunschweig
27. November 2019, von Felix Reich

Zweiter Wahlgang ohne Michael Braunschweig

Zweiter Wahlgang für das Präsidium
17. November 2019, von Felix Reich

Zweiter Wahlgang für das Präsidium

«Kirche ist Kommunikation»
15. Juli 2019, von Felix Reich

«Kirche ist Kommunikation»

«Für die Kirchenpflege kommen die Wahlen eigentlich zu früh»
05. Juli 2019, von Felix Reich

«Für die Kirchenpflege kommen die Wahlen eigentlich zu früh»

«Wir sind an einem heiklen Punkt», sagt Kirchenpflege-Präsidentschaftskandidat Michael Braunschweig
28. Juni 2019, von Felix Reich

«Wir sind an einem heiklen Punkt», sagt Kirchenpflege-Präsidentschaftskandidat Michael Braunschweig

«Die Ausstrahlung der Zürcher Kirchgemeinde wird unterschätzt»
15. Mai 2019, von Felix Reich

«Die Ausstrahlung der Zürcher Kirchgemeinde wird unterschätzt»

Zur Kirche aus Lust an der Pionierarbeit
11. September 2018, von Felix Reich

Zur Kirche aus Lust an der Pionierarbeit

Rekurs verzögert Stadtzürcher Kirchenfusion
04. September 2018, von Christa Amstutz Gafner

Rekurs verzögert Stadtzürcher Kirchenfusion

Aus dem Verbandsvorstand wird eine Kirchenpflege
28. Juni 2018, von Felix Reich

Aus dem Verbandsvorstand wird eine Kirchenpflege

Nähe zu den Menschen muss bewahrt bleiben
25. Januar 2018, von Stefan Schneiter

Nähe zu den Menschen muss bewahrt bleiben

Die Zürcher bauen an einer Mega-Kirchgemeinde
25. Januar 2018, von Felix Reich

Die Zürcher bauen an einer Mega-Kirchgemeinde

Zwei Gemeinden bleiben solo
16. Januar 2018, von Felix Reich

Zwei Gemeinden bleiben solo