Recherche 03. September 2021, von Klaus Petrus/Kirchenbote

Die Geschichte einer Befreiung

Biografie

Was die Ehe für alle für sie bedeuten würde, erzählt die heute 88-jährige Liva Tresch. Sie brauchte ein Leben, um zu sich und zu Gott zu finden.

Als Liva Tresch zum ersten Mal mit einer Frau eine Nacht verbrachte – sie bloss dann und wann berührte, mit den Augen streichelte, mehr war da nicht –, fühlte sie sich anderntags schmutzig und verraten. Was für ein Schafseckel der liebe Gott doch sei, habe sie gedacht, jetzt habe er sie auch noch hintergangen.

«Ich war immer schon der Aussatz, das Letzte von allem, unehelich, dumm, und nun auch das noch: schwul.» Das war 1955, Liva Tresch war 22 und so richtig wusste sie nicht, was das ist: schwul. Von anderen hörte sie bloss, die seien ein «gruusiges Saupack», abartig und krank.

Abgründe hinter der Fassade

Liva Treschs Bild von Sexualität war stark von ihrer Kindheit geprägt, die keine beschwingte war. Geboren in einem Fürsorgeheim in Hergiswil, musste sie schon früh nach Flüelen zu einer Pflegefamilie.

Mit sechs Jahren kehrte sie zu ihrer Mutter nach Gurtnellen UR zurück. Dort wurde sie eingeschult, sie musste viel zum Herrgott beten und sollte ordentlich erzogen werden. Nach aussen wurde der Schein gewahrt. Liva trug weisse Röckchen und eine Schleife im Haar. Daheim aber teilte die Mutter, hoffnungslos überfordert, Schläge aus.

Wenn du immer ausgegrenzt wirst und dir alle einreden, wie gruusig du bist, verlierst du den Respekt vor dir selbst.
Liva Tresch

Nachdem sie ihre Mutter einmal fast bewusstlos geschlagen hatte, kehrte Liva Tresch zur Pflegefamilie zurück, den Portmanns. Der Pflegevater war ein Grobian, er soff, machte anderen Frauen den Hof und versprach der kleinen Liva 50 Rappen, wenn sie ihm zwischen die Beine fasste.

Liva Tresch bewunderte die Pflegemutter, wie sie ihr Leben meisterte neben diesem Mann, der seine Finger nie bei sich lassen konnte. Und sie mochte es, wenn ihr Frau Portmann mit ihren weichen, warmen Händen das Kleid am Rücken zuknöpfte. Ansonsten waren Berührungen rar. Bei Zärtlichkeiten dachte sie stets an eine Mutter, die sie so nicht hatte, liebevoll und nachsichtig.

Angezogen und abgestossen

Mit 30 Jahren fand Liva Tresch in Zürich eine Stelle in einem Fotogeschäft, sie verbrachte nebenher viel Zeit in Schwulenbars und wurde schon bald zur Szenefotografin. Als eine der wenigen dokumentierte sie das Zürcher Milieu der Schwulen und Lesben in den 1960er- und 1970er-Jahren. Sie fühlte sich wohl dort, sie gehörte dazu, tanzte, feierte Partys. 

Die Szene war ihre Ersatzfamilie. Mit einer Frau ins Bett mochte Liva Tresch zu jener Zeit nicht. «Jede machte mit jeder rum, das stiess mich ab.» Vielleicht sei das halt so, mutmasst Liva Tresch im Nachhinein: «Wenn du immer ausgegrenzt wirst und dir alle einreden, wie gruusig du bist, verlierst du am Ende den Respekt vor dir selbst.»

Noch einmal tief unten

1968 eröffnete Liva Tresch zusammen mit Katrin in Zürich ein Fotogeschäft mit eigenem Labor. Sie hatte die Frau einige Jahre davor kennen und lieben gelernt. Die Beziehung hielt 20 Jahre, dann verliess Katrin sie wegen einer anderen Frau. Sex wollte sie all die Jahre keinen, und Liva akzeptierte das aus Respekt und aus Liebe.

Die Jahre nach ihrer Trennung waren schwierig, heute aber haben sich die Frauen versöhnt. Als Katrin wegging, richtete sich Liva Tresch in ihrer Wohnung ein Fotostudio ein und arbeitete weiter – bis sie 1997 im Alter von 64 an einer Thrombose auf dem rechten Auge erkrankte und fast erblindete. Sie musste die Fotografie und damit auch das Geschäft aufgeben, sie verlor ihr Einkommen und den Mut. «Damals war ich noch einmal so richtig tief unten.»

So verbringe ich meine Nächte mit Brösmelen, mit Philosophieren über Gott und die Welt.
Liva Tresch

Fast ein ganzes Leben habe sie gebraucht, um zu sich selbst zu finden, sagt Liva Tresch heute. Um zu erkennen: Wer sich verleugnet, zerbricht daran. Vielen Homosexuellen sei das so ergangen, sie hätten sich mehr vor sich selbst versteckt als vor der Gesellschaft. «Ich kann die Welt nicht verändern. Ich kann sie mir bloss so machen, wie ich sie mir wünsche: liebend, verzeihend, respektvoll.»

Sie sei, inzwischen 88 Jahre alt, so glücklich wie nie zuvor, trotz all der körperlichen Beschwerden. «Dass ich wegen der Schmerzen kaum noch Schlaf finde, hat auch sein Gutes: So verbringe ich meine Nächte mit Brösmelen, mit Philosophieren über Gott und die Welt.»

Angenommen vom Herrgott

Trotz der schlimmen Erlebnisse seit ihrer Kindheit hat Liva Tresch den Glauben nie verloren. «Ich habe mir in dieser verlogenen Welt schon früh meinen eigenen Herrgott erschaffen, einer, der mich nimmt, wie ich bin, und der mich umsorgt.»

Angst vor dem Tod hat Liva Tresch keine. Ihren Körper hat sie dem Anatomischen Institut in Zürich vermacht, ihre Seele, davon ist Liva Tresch fest überzeugt, wird weiterleben. «Wie genau, das weiss ich nicht, ich vertraue auf Gott, und das reicht mir.»

Unter dem Regenbogen

Manchmal frage sie sich, was sie in ihrem Leben geleistet und was sie noch zu bieten habe. «Meine Liebe», ist ihre Antwort. «Ich kann dem anderen meine Liebe geben, ich kann ihm offen begegnen, achtsam und mit Respekt.»

Liva Tresch hält hohe Stücke auf ein authentisches Leben, eines, das auf Selbstachtung baut und darauf, nur das zu tun, was im Einklang steht mit den eigenen Überzeugungen und Gefühlen. Und so wird Liva Tresch in diesen Tagen an ihrem Haus eine Regenbogenfahne anbringen. «Dass wir überhaupt über eine Ehe für alle abstimmen müssen, ist unfassbar. Aber wichtig.»

Zwei Filme und ein Buch

Im Dokumentarfilm «Katzenball» (2005) von Veronika Minder wird Liva Tresch porträtiert. Corinne Rufli hat in ihrem Buch «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert» (2015) die Lebensgeschichten von elf Frauen aufgezeichnet, darunter auch jene von Tresch, die such in der SRF-Dokumentation «Hass gegen LGBTQ+ – von Diskriminierung und Widerstand» (2021) zu Wort kommt.

Mehr zu diesem Thema

Abstimmung zur Ehe für alle: Streitgespräch um das Wohl der Regenbogenkinder
26. August 2021, von Felix Reich, Marius Schären

Abstimmung zur Ehe für alle: Streitgespräch um das Wohl der Regenbogenkinder

Das Segnungsverbot für Homosexuelle aus Rom trifft auf Widerstand. Besonders in Deutschland.
07. Juni 2021, von Christian Kaiser

Das Segnungsverbot für Homosexuelle aus Rom trifft auf Widerstand. Besonders in Deutschland.

Segnung auf der Regenbogenbank als Zeichen der Liebe und der Auflehnung gegen Rom
10. Mai 2021, von Christian Kaiser

Segnung auf der Regenbogenbank als Zeichen der Liebe und der Auflehnung gegen Rom

«Hier sollte die Gesellschaft ganz klar eine Linie ziehen»
30. Januar 2020, von Cornelia Krause

«Hier sollte die Gesellschaft ganz klar eine Linie ziehen»

Meinungsdiktat oder Schutz vor Hetze?
16. Januar 2020, von Felix Reich, Sabine Schüpbach Ziegler

Meinungsdiktat oder Schutz vor Hetze?

EKS für Erweiterung der Rassismus-Strafnorm
14. Januar 2020, von Karin Müller/kirchenbote-online.ch

EKS für Erweiterung der Rassismus-Strafnorm

Reformierte Kirche sagt Ja zur Ehe für Homosexuelle
14. November 2019, von Sabine Schüpbach Ziegler

Reformierte Kirche sagt Ja zur Ehe für Homosexuelle

Zur rechten Zeit der richtige Entscheid
13. November 2019, von Felix Reich

Zur rechten Zeit der richtige Entscheid

Reformierte für Ehe für alle
05. November 2019, von Felix Reich

Reformierte für Ehe für alle

Progressive kontern konservative Erklärung zur Ehe für alle
31. Oktober 2019, von Sabine Schüpbach Ziegler

Progressive kontern konservative Erklärung zur Ehe für alle

Auf Umwegen zum Ja
29. August 2019, von Felix Reich

Auf Umwegen zum Ja

«Locher hat die Debatte dynamisiert»
26. August 2019, von Adriana Schneider

«Locher hat die Debatte dynamisiert»

Eine Antwort, die Fragen offen lässt
17. August 2019, von Thomas Illi

Eine Antwort, die Fragen offen lässt

Gottfried Locher ist klar für Ehe für alle
16. August 2019, von Hans Herrmann

Gottfried Locher ist klar für Ehe für alle

«Die Ehe ist wandelbar»
09. Juli 2019, von Sabine Schüpbach Ziegler

«Die Ehe ist wandelbar»

«So dürfen wir uns nicht aus der Affäre ziehen»
18. Juni 2019, von Felix Reich

«So dürfen wir uns nicht aus der Affäre ziehen»

Evangelische Allianz sorgt sich um Kindeswohl bei Homosexuellen
18. Juni 2019, von Marius Schären

Evangelische Allianz sorgt sich um Kindeswohl bei Homosexuellen

Die Krux der Antirassismusstrafnorm
21. Mai 2019, von Marius Schären

Die Krux der Antirassismusstrafnorm

Jahre voller Scham und Verzweiflung
25. März 2019, von Marius Schären

Jahre voller Scham und Verzweiflung

Röstigraben im Streit um Ehe für alle
08. Januar 2019, von Christa Amstutz Gafner

Röstigraben im Streit um Ehe für alle

Kompromisslos gegen Segen für Homosexuelle
25. Juli 2018, von Sabine Schüpbach Ziegler

Kompromisslos gegen Segen für Homosexuelle

«Sexualität ist grundsätzlich ein Geschenk Gottes»
28. Januar 2016, von Sabine Schüpbach Ziegler

«Sexualität ist grundsätzlich ein Geschenk Gottes»

Was die Heilige Schrift wirklich sagt
04. Januar 2016, von Ralph Kunz

Was die Heilige Schrift wirklich sagt

Homosexualität – Reizthema für Pietisten und Südkirchen
08. Juni 2015, von Delf Bucher

Homosexualität – Reizthema für Pietisten und Südkirchen

«Ehe für alle» fordert Kirche heraus
15. Mai 2015, von Sabine Schüpbach Ziegler

«Ehe für alle» fordert Kirche heraus